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Gestaltwandel des Antisemitismus von Kurt Schubert Propaganda gegen den Antisemitismus hilft nichts, wenn man sich nicht genau überlegt, wie es dazu gekommen ist. Man kann nie eine gute Therapie machen, auch als Mediziner nicht, wenn man nicht zunächst eine richtige Diagnose stellt. Stellt man eine Diagnose, die einem passt, aber nicht richtig ist, dann würde der Kranke krank bleiben oder sogar sterben. Daher möchte ich etwas an den Anfang stellen, das für manche provokativ klingt, das ich aber für unbedingt wichtig halte: Ursprung des Antisemitismus Die Tatsache, dass die Juden innerhalb einer polytheistischen Welt, innerhalb der Mehrgötterei des babylonischen, dann des syrischen, des kleinasiatischen und des ägyptischen Raumes alleine den einen und wahren Gott zu verehren sich verpflichtet sahen, isolierte sie von der Umgebung, hat sie sozusagen in Gegensatz gestellt zu den anderen, denen die heidnischen Götter, ihre Götter waren und die sich von Juden sogar verspottet fühlten. Denn eines ist klar, wenn es schon in der Bibel heißt: "Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde." Dann ist es der Gott Israels, der Himmel und Erde geschaffen hat, und dann sind es nicht andere Götter. Für die babylonischen Juden im 6. Jhdt v. Chr. war wichtig, dass sie persönlich der Überzeugung waren, dass das Wichtigste sei, erhalten zu bleiben in der Unterscheidung zu anderen. Wenn man die alttestamentlichen Texte dieser Zeit liest, wie z.B. das erste Kapitel der Genesis, das damit endet, dass Gott am Sabbat ruhte, dann ist der Sabbat sozusagen das Erwählungszeichen Israels. Israel ist das einzige Volk, das der Weltordnung entspricht, in dem es den Sabbat hält. In Genesis Kap. 9 schließt Gott seinen Bund mit Noah. Allen Menschen, die Nachkommen Noahs sind, also uns allen, ist geboten, kein Fleisch in seinem Blut zu essen. Es handelt sich also um eine Speisevorschrift, etwas das die Juden unterscheidet von den anderen Völkern. Genesis 17 beschreibt die Beschneidung des Knaben am 8. Tag als Bundeszeichen in einer Umgebung, die damals die Beschneidung nicht kannte. Im babylonischen Raum war sie nicht geläufig. Antisemitismus in der Antike Indem die Götter der Heiden zu Götzen abgewertet wurden, wurden die Juden von den Heiden der Gottlosigkeit beschuldigt und als Feinde der Götter bezeichnet. Das ist sozusagen der Anfang des Antisemitismus. Das lässt sich in einigen biblischen Büchern nachzeichnen, z.B. im Buch Esther. Am Hof des persischen Großkönigs Ataxerxes verlangt Haman, ein heidnischer Wesir, von allen, dass sie sich vor ihm niederwerfen, also ihm eine Ehre erweisen, die in der jüdischen Vorstellung nur Gott zukommen kann, die Proskynese. Der jüdische Hofbeamte Mordechai weigert sich, mit der Begründung, dass er Jude ist, daher kann er es nicht machen wie die anderen. Nun geht Haman zum König Ataxerxes und sagt zu ihm: Es handelt sich dabei also bereits um eine antisemitische Umdeutung. Er entschuldigte es: Von Leuten, die vertrieben wurden, kann man nichts anderes verlangen. Wenn man dann die weitere antisemitische Propaganda in der antiken Literatur von der Mitte des 3 Jhdts. bis hinein in das 2. nachchristliche Jhdt. betrachtet, sieht man eine ständige Verstärkung dieser Tendenz. Natürlich, die Juden mussten sich zur Wehr setzen. Die Juden hatten in ihrer eigenen Literatur sehr viel dagegen zu sagen. Eigentlich ist ja auch für die Heiden der Gott Israels verpflichtend. Dadurch entstand nunmehr etwas, was für das Selbstverständnis des Judentums weiterhin entscheidend war. Bisher waren die Juden in ihrem Verständnis die einzigen Diener des wahren Gottes. Aber dadurch, dass sie jetzt in einer heidnischen Umwelt lebten, die diesen wahren Gott nicht erkannte und anerkannte, verstanden sie sich nunmehr als die einzigen wahren Diener Gottes. Aus den Dienern des einzig wahren Gottes wurden die einzig wahren Diener Gottes. Die anderen waren eben Götzendiener, die Sternbilder anbeten und dergleichen. Christentum und Antisemitismus Nun zum Christentum. Zunächst ist folgendes Phänomen festzustellen. Das Judentum zur Zeit des zweiten Tempels zur Zeit Jesu, war ein Judentum, das in sehr viele Gruppen unterteilt war, die alle in Polemik gegeneinander gelebt haben. Es hat nie ein monolithisches Judentum gegeben. Zu jener Zeit schon ganz und gar nicht. Jesus war einer unter anderen, die in polemischer Auseinandersetzung mit einem Teil ihrer Umgebung lebten. Diese Polemik wurde aber im Zuge der frühchristlichen Entwicklung sehr schnell zur Polemik der anderen gegen die Juden. Man empfand also die Polemik Jesu mit seinen jüdischen Zeitgenossen, die dann verschärft in der Evangelien-Tradition als eine Polemik, vor allem bei Matthäus, von Juden-Christen gegen nicht-christusgläubige Juden eingesetzt wurde, als ideologische Begründung für die eigene Ablehnung des Judentums. Dies führte sehr bald zur Meinung, dass durch Tod und Auferstehung Jesu und der Entstehung des Christentums die Zeit des Judentums abgelaufen war. Wir haben einige Hinweise in den Evangelien, z.B. im Markus-Evangelium, wo es heißt, dass beim Tod Jesu der Tempelvorhang zerriss. Der zerrissene Tempelvorhang galt als ein Zeichen für das Ende. Dass es ganz ähnliche Aussagen auch im Talmud gibt, spielt hier keine Rolle. Diese Auffassung besteht in der frühchristlichen Tradition weiter. Im Barnabas-Brief, Mitte des 2. Jhdt., heißt es: Die Juden sind zwar berufen, aber sie haben aus eigener Schuld diese Berufung verloren. Das Gesetz, das die Juden halten, ist nicht mehr das wahre Gesetz. Die Juden haben den Teufel zum Vater, Johannes 8,44. Der Terminus "Synagoge des Satans" findet sich dann in der Johannes-Apokalypse. Es wurde nun die Auffassung vertreten, dass das jüdische Gesetz als solches seine Funktion verloren hat. Die Juden waren somit keine Freunde Gottes mehr, sie waren Feinde Gottes. Das heißt: Der Absolutheits-Anspruch, den das Judentum gegenüber dem Heidentum gestellt hatte, wurde nun vom Christentum gegen das Judentum ins Spiel gebracht. Es finden sich eine Reihe von Aussagen bei Kirchenvätern, die extrem deutlich sind. Da heißt es zum Beispiel schon bei Justin und bei Tertullian im 2. Jhdt., dass der Jude Sklave der Christen ist. Aus dieser Auffassung entstand dann im Mittelalter die Auffassung des Servitus judaeorum der Kammerknechtschaft der Juden, über die ich dann näher sprechen werde. Natürlich brachten die Juden dieser Zeit wieder eine Reihe von apologetischen Gründen vor, z.B. das 'Lied der Lieder' hat den Juden sehr viel Anlass gegeben, ihr eigenes Selbstverständnis gegenüber dem Christentum zu motivieren. Frühes Mittelalter Ich komme zu einer Zeit, die an und für sich sehr positiv war für die Juden, die karolingische Zeit, wo sich aber bereits sehr deutlich äußerte, dass die Juden nur deshalb in der christlichen Welt akzeptiert waren, weil sie für diese Welt aus verschiedenen Gründen, aus wirtschaftlichen und anderen Gründen, ertragreich waren. Man muss bedenken, dass die karolingische Zeit etwa 200 Jahre nach der Islamisierung des Nahen Ostens, Nordafrikas und großer Teile Spaniens war. Da konnten die christlichen Seefahrer, die aus dem Orient kamen, nicht mehr den Mittelmeerhandel bestreiten. Die muslimischen Seefahrer aber galten als seeräuberische Sarazenen und waren für die lateinischen Häfen nicht zugelassen. Wer blieb über? Die Juden. Sie waren bei beiden nicht gleichberechtigt, also für beide politisch ungefährlich. So kam es, dass es in der karolingischen Zeit, erste Hälfte des 9. Jhdt, einen massiven jüdischen Welthandel gab. Was war das wichtigste Handelsgut dieser Zeit? Die Juden haben Seide und Papier aus dem Orient gebracht und sie haben Pelze aus Nord- und Osteuropa wieder bis in den Orient vermittelt, das ist alles richtig. Aber das wichtigste Handelsgut der Juden war, was wir heute Gastarbeiter nennen, Gastarbeiter für die Latifundien im Karolingischen Reich. Da wir in Oberösterreich sind, will ich eine Urkunde, die aus der Zeit 100 Jahre nach Karl dem Großen stammt, die Raffelstettner Zollurkunde erwähnen. Raffelstetten liegt zwischen der Mündung der Enns und der Traun in die Donau und war ein ganz wichtiger Übergang in den nordeuropäischen, slawischen, Raum. Von dort kamen die 'mancipia perigrina', die heidnischen Sklaven. In der Urkunde heißt es, dass alle den normalen Zoll zahlen müssen, die Juden und die übrigen konzessionierten Kaufleute, von den Sklaven und allen übrigen Gütern. Also die Sklaven waren das wichtigste Gut, dass über die Donau nach dem Süden und dann nach dem Westen gebracht wurde. Aber ein Jude durfte schon, aufgrund des Codex Theodosianus von 438, der ältere Bestimmungen enthält, nicht Herr über einen Christen sein. Das heißt natürlich, dass es sich um heidnische Sklaven handelte, die aus den slawischen Gebieten in die christlichen Länder gebracht wurden. Aber solange sie im Besitz der Juden waren, konnten sie nicht getauft werden. Das hat natürlich einen Gegensatz mit der Kirche zur Folge gehabt. Aus diesem Gegensatz heraus entstand ein Motiv, das sich bis ins 15. Jhdt. immer radikaler verschärfte, nämlich das Motiv der Kirche und Synagoge unter dem Kreuz. Zunächst einmal steht die Synagoge nur dort und geht dann aus der Kreuzessphäre weg, blickt zwar hie und da zurück zum Kreuz, aber entfernt sich, während die Kirche in den Kelch das lebensspendende Blut aus der Seitenwunde Christi empfängt. Sie können ein solches Bild, ein kunsthistorisch sehr wertvolles, als Fresko in der Pfarrkirche von Thörl in Kärnten sehen. Es wurde vom Meister Thomas von Villach angefertigt, ein sehr bekannter Maler. Das Bild zeigt, wie aus den Händen Christi weitere Hände kommen, eine krönt die Kirche, die andere durchbohrt die Synagoge mit einem Schwert und tötet sie. Das heißt für den Beschauer, dass eigentlich die Ermordung eines Juden keine Sünde sein kann, da es Jesus selber getan hat. Diese Darstellung begann im 9. Jhdt. und brauchte 6 Jahrhunderte bis zu dieser letzten Radikalisierung, wie man sie an dem genannten Beispiel feststellen kann. Die Zeit der Kreuzzüge Nun möchte ich ein Stück weitergehen und zeigen, wozu die Verteufelung der Juden letzthin führte. Zunächst einmal ist festzustellen, dass bereits zur Zeit des 2. Kreuzzuges 1146 ein berühmter christlicher Theologe Petrus Venerabilis, geschrieben hat, "Ich weiß nicht einmal, ob man die Juden als Menschen bezeichnen kann, denn sie lassen sich weder durch Argumente, noch durch Schriftbeweise überzeugen." Der Zisterzienser Bernhard von Clairvaux, ein katholischer Theologe und Ordensmann, verhinderte beim 2. Kreuzzug die Judenverfolgung. Er dachte nicht so wie sein Zeitgenosse Petrus Venerabilis. Er wird in den damaligen hebräischen Texten als Gerechter und Frommer bezeichnet. Er war der Meinung, dass die Juden aufgespart sind, um am Ende der Zeiten zu erkennen, dass Christus ihr Messias sei. Aber da das Ende der Zeiten noch nicht da war, sollte man sie nicht belästigen und sie auch nicht zwingen, schon vorher zu dieser Entscheidung zu kommen. Petrus Venerabilis sah das ganz anders. Er meinte, dass die Juden für den 2. Kreuzzug tüchtig zur Kassa gebeten werden sollten, damit durch das Geld der ungläubigen Juden mit dem christlichen Schwert die Herausforderung der Muslime gebändigt werden kann. Also eine schöne pathetische Sprache, im Gegensatz zu seinem Zeitgenossen Bernhard von Clairvaux. Aus der selben Zeit, Ende 12. Jhdt. von Staufischer Ideologie her kommend, wurde der berühmte Ludus de Anti-Christo, das Anti-Christ-Spiel, wahrscheinlich von einem unbekannten Benediktiner auf der Mainau geschrieben, in dem der Anti-Christ von der Synagoge entlarvt wird. Alle Christen sind ihm schon auf den Leim gegangen, die Juden nicht, die Juden erkennen ihn. Offenbar steht hinter diesen Bildern eine christliche Reflexion über die damaligen Verfolgungen der Juden und ihre Glaubenstreue. Talmudverbrennungen Aber nichts desto weniger kam noch etwas hinzu. Das europäische Judentum hatte, vielleicht mit der Ausnahme Italiens, vor dem 10. Jhdt. keine eigene Talmud-Rezeption. Erst allmählich entstehen immer mehr Talmud-Schulen. Im 11. Jhdt wirkte der große Kommentator Raschi. Da begann die Christenheit den Talmud als solchen wahr zu nehmen. Der erste, der dagegen Stellung nahm, es war eigentlich der Zweite, aber ich nenne ihn trotzdem den ersten, denn der wirklich erste war ein getaufter Jude. Also der erste nicht getaufte Jude, der dagegen Stellung nahm, war Petrus Venerabilis Mitte des 12. Jhdts. Damit kam natürlich der Talmud in das ideologische Spiel. Hatte man im römischen Altertum gesagt, die Juden haben ein arkanes Buch, in dem ihr Gesetz ist, das sie nur selber kennen, so sagte man nunmehr, dieses arkane Buch – denn die Bibel kannte jetzt jeder im Mittelalter – ist der Talmud. Das ist das Geheimbuch der Juden, in dem alles darin steht, wie sie sich verhalten sollten, um die anderen zu übervorteilen, zu unterjochen, die Weltherrschaft zu erreichen. Der erste große Prozess gegen den Talmud begann 1240 und ging 1248 in Paris zu Ende. Der Prozess hatte eine Vorgeschichte, die ich kurz ausführen will. Derjenige, der die 35 Anklagepunkte gegen den Talmud zusammengestellt hat, war ein getaufter Jude, Nicolaus von Donin. Jedoch war er zuvor schon von der jüdischen Gemeinde gebannt worden. Kurz darauf wandte sich der Oberrabbiner von Montpellier an die Inquisition mit der Bitte, die Inquisition möge die hebräischen Übersetzungen des 'Führers der Schwankenden' von Maimonides verbrennen, weil darin von der Kirche verbotenes aristotelisches Gedankengut enthalten ist. Es wandte sich also der Oberrabbiner von Montpellier an die Inquisition, die das natürlich nicht ungern tat. So wurde dieser Nicolaus von Donin als Maimonist gebannt und nun machte er sozusagen die Retourkutsche. Er ließ sich taufen, um als Christ gegen den Talmud vorzugehen. In der Folge kam es zu Talmud-Verbrennungen in Paris, einer größeren 1242 und einer zweiten 1248. Den Quellen zufolge dürften etwa 20.000 Handschriften verbrannt worden sein. Damit aber war die jüdische Gelehrsamkeit in Frankreich im Mittelalter mehr oder weniger zu Ende. Da äußerten sich aber wieder die jüdischen Exegeten, die jüdischen Apologeten. Ich habe einmal etwas polemisch gesagt, im Mittelalter hatten Christen und Juden jeder für den anderen bereits den Platz in der Hölle reserviert. Beide sind Zeitgenossen der selben Zeit, beide haben die selbe Realität eines Teufels vor sich, die wir heute in dieser Weise nicht so kennen oder zumindest nicht so anerkennen wie damals. "Zum Teufel" sagt man ja jetzt auch schon für einige unserer Politiker. Die mittelalterlichen Beschuldigungen – Hostienschändung, Ritualmord, Brunnenvergiftung Wohin hat diese Verteufelung des Judentums geführt? Die typischen Beschuldigungen des Mittelalters waren Hostienschändung, Ritualmord, und Brunnenvergiftung. Hostienschändung und Ritualmord haben ein und denselben Sitz im Leben. Die Juden wollen entweder an einer konsekrierten Hostie oder an einem christlichen Kind den Gottesmord von Golgatha wiederholen. Die Brunnenvergiftung hat ihren Sitz im Leben in der Pest. Die Juden haben die Brunnen vergiftet, um auf diese Weise die Christen auszurotten und dann die Weltherrschaft antreten zu können. Das wurde unterstützt durch das optische Bild der "Juden-Sau". Die Juden saugen an den Zitzen der Sau, welche mit dem Teufel identifiziert wird. Das heißt, indem sie die Saumilch trinken, nehmen sie die teuflische Nahrung in sich auf, um dann als Agenten des Teufels in dieser Welt zu leben. In Österreich gab es den bekanntesten Fall einer angeblichen Hostienschändung im Weinviertel, in Pulkau 1338. Damals hat schon Herzog Albrecht V., der den Gegenpapst in Avignon veranlasste, die Sache zu untersuchen, gemeint, dass die Juden nicht schuld sind, sondern dass sie nur von den anderen des Geldes wegen umgebracht wurden. Soziale Stellung der Juden im Mittelalter – Zinsgeschäft, Pfandleihe, Politik Ich komme jetzt zum Thema Geldgeschäft. Man muss erstens bedenken, dass das mittelalterliche Steuersystem dem unsrigen bei weitem nicht entsprach. Besteuert wurden die einzelnen Stände, die für den Herrscher eine gewisse Summe aufzubringen hatten. Die Juden galten genauso als ein Stand. Der Judenplatz in Wien hatte sozusagen die selbe Funktion wie die Bäckerstraße, der Kohlenmarkt und andere Straßen, wo Leute des selben Berufs miteinander lebten. Das war nicht nur in Wien so sondern weltweit. Im Orient zum Teil bis heute noch. Das heißt, die jüdische Gemeinde musste Geld aufbringen. Nun war in der Regel jeder Herrscher, der das Judenregal hatte – so bezeichnete man das Recht, die Juden zu besteuern – daran interessiert, möglichst viel von der jüdischen Seite zu bekommen, denn alle, die Stände und die Adeligen, wollten für ihr Geld politischen Einfluss haben, ein politisches Mitspracherecht. Die Juden wollten für ihr Geld beten und das war für die Herrscher natürlich angenehm. Die Juden konnten gar keinen politischen Einfluss ausüben. In manchen Fällen war es jedoch schon möglich, denn man konnte Geld ja auch zu politischen Zwecken verleihen, z.B. wenn ein Herrscher in einer schwierigen Lage war, aber dennoch ein Gebiet kaufen wollte, so konnte der jüdische Geldverleiher dem Herrscher das Geld sofort vorstrecken. Somit waren Juden zum Teil indirekt an der Politik beteiligt, aber nur sehr indirekt. In den meisten Fällen musste die jüdische Gemeinde einen Betrag zahlen und den konnte sie wiederum nur von den eigenen Einnahmen bestreiten. Seit dem 12. Jhdt., im 13. Jhdt. dann stärker, verbreitete sich der Geldverleih auf Zinsen, die Zinsen waren sehr hoch, denn die Juden waren selber als Kammerknechte Besitz des Herrschers. Sie waren im Besitz dessen, der das Judenregal hatte. Sie waren nicht Bürger eines Landes, sondern sie waren Bürger des Fiskus, der Finanzkammer, in Deutschland seit 1235, als Friedrich II. diese Bestimmung erlassen hat. Wichtig ist die Tatsache, dass dieses Judenregal vergebbar war. Man konnte es an einen Bischof, an eine Stadt, an einen Herzog weiter verkaufen. Man konnte eigene Schulden, die man hatte, mit Juden, die man dann weitergab, bezahlen. Denn die Juden hatten die Steuern an den neuen Herrn abzuliefern und deswegen waren die Landesherren, die das Judenregal hatten, sehr daran interessiert, möglichst viel einzunehmen. Das hat natürlich wieder zu einer echten Problematik geführt. Zunächst, im 12. und 13. Jhdt., waren die Hauptkunden der Juden verhältnismäßig reiche Leute, Herrscher, Bischöfe, Klöster, die auch verhältnismäßig schnell zurückzahlen konnten. Zunehmend kamen "kleine Leute" dazu. Dabei sind oft deren Häuser und deren Wohnung in jüdischen Besitz übergegangen. Die Juden durften sie aber nicht selber bewohnen, sie mussten sie wieder verkaufen und zu Geld machen, damit auch ihre finanziellen Verpflichtungen an den Inhaber des Judenregals getätigt werden konnten. Damit sehen Sie das Problem. Es war abzusehen, dass man Juden als solche, die andere übervorteilen Dann kam noch etwas dazu, zum Beispiel die Vertreibung der Juden aus Wien und den Ländern unterhalb und oberhalb der Enns. Es war Herzog Albrecht V. Die Juden in Linz wurden einfach in Zillen gesetzt und donauabwärts getrieben. Die wohlhabenden wurden in Wien konzentriert, brachten sich zum Teil "zur Heiligung Gottes" selbst um in der Synagoge, die jetzt am Judenplatz in Wien ausgegraben wurde. Über 200 wurden in Erdberg am Scheiterhaufen verbrannt. Da fragt man sich zunächst einmal, was hat den Herzog dazu veranlasst, die Juden zu verbrennen. Er hätte auch, wenn er sie nur vertrieben hätte, ihren ganzen Besitz einziehen können, denn formal hat ja alles, was die Juden hatten, dem Herzog gehört, denn sie waren mit Leib und Leben Eigentum des Herzogs als seine Kammerknechte. Er hat sie aber umgebracht. Was war der Grund? Natürlich, die Juden waren in der Regel nicht so finanzkräftig, wie sie von den meisten gehalten wurden, aber sie waren in der Lage zu wissen, wie man wieder zu Finanzen kommt. So überlegte man: Wenn die Juden, die bis dahin die Finanzen für den Herzog geregelt haben, vertrieben werden, dann werden sie von den Nachbarn mit Freuden aufgenommen und rüsten sie auf für den Krieg gegen den Herzog. Folglich brauchte man einen Vorwand, sie zu verbrennen und der war die angebliche Hostienschändung in Enns. Die christliche Theologie jener Zeit führte unterschiedliche Auseinandersetzungen mit den Juden. In Spanien ging es theologischer zu als in Deutschland und Frankreich In Paris war der große Talmud-Prozess 1240, in Spanien haben vor allem die Dominikaner eine völlig andere Politik den Juden gegenüber betrieben. Sie wollten mit Hilfe der jüdischen Tradition und des Talmuds die Juden bekehren. Es war zunächst nicht auf Vernichtung und Vertreibung der Juden ausgerichtet, sondern auf die Bekehrung der Juden. Raymund Martini hatte in seinem bekannten Werk "Der Dolch des Glaubens gegen Juden und Mauren", eine Unmenge rabbinischer Texte gesammelt, die im antijüdischen Sinn verwertet wurden. Dann gab es natürlich das Problem, dass durch den christlichen Druck, besonders seit 1391 in Spanien, sich immer mehr Juden tatsächlich taufen ließen, um im Untergrund aber weiterhin als Juden zu verbleiben. Weil man fürchtete, dass die jüdischen Sitten gefördert würden, weil Juden mit den Neuchristen weiterhin unter einem Dach lebten, kam man zur Überzeugung, dass es besser ist, die Juden zu vertreiben, was dann 1492 in Spanien auch geschah. Martin Luther Wie sah es aus beim Übergang zur Neuzeit, zweite Hälfte 15. Jahrhunderts? In Deutschland hat Pfefferkorn, der ganz entschieden antijüdische Propaganda machte, verlangt, man solle mit Ausnahme der Bibel die jüdischen Bücher verbrennen. Reuchlin stellte sich dann in einem Gutachten an Kaiser Maximilian dagegen. Daher hat man Reuchlin als Judenknecht angegriffen, was er wahrlich nicht war. In diese Zeit fällt dann natürlich auch Martin Luther, der zunächst 1523 ein sehr judenfreundliches Buch schrieb, indem festgehalten wurde, dass Jesus ein Jude war. Aber dann als er sah, dass die Juden trotzdem nicht protestantische Christen wurden und zu ihm kamen, wurden sie 1543 von Luther ganz wüst beschimpft. Luther meinte, man müsste sozusagen die Synagogen zerstören und die Juden hätten gar kein Recht, Kult in ihrem Sinn zu betreiben. Hofjuden Es kam dann die Zeit der Hofjuden. Die Hofjuden, waren natürlich nichts anders, als diejenigen, die, weil sie für die barocken Höfe die Wirtschaft managten, sowohl den Luxus des Hofes als auch das Militär bezahlten. Diese Hofjuden waren ein neuer Stachel in der christlichen Bevölkerung. Wenn sie nicht den Schutz ihres Herrn hatten, dann ist es ihnen so gegangen wie dem berühmten Jud Süss Oppenheim in Stuttgart, dem man Hochverrat vorwarf und ihn erhängen ließ. Aber was hat er gemacht? Er hat eine Bank gegründet und hat Manufakturen gegründet. Damit hat er aber die alte wirtschaftliche Struktur in Frage gestellt und sozusagen eine Art vorkapitalistische Konkurrenzgesellschaft geschaffen. Selbst hat er sich vom Judentum weitgehend losgesagt und meinte, er könne leben wie jeder andere Potentat der Zeit. Das hat ihn dann an den Galgen gebracht. Andere Hofjuden waren klüger. Sie hatten sich erst dann an die nichtjüdische Bevölkerung assimiliert, als das möglich war, nämlich im 19. Jhdt. Als Beispiel nenne ich noch Samuel Oppenheimer, der unter anderem 1683 das Entsatzheer für Wien finanzierte und auch die Ausrüstung und Hafer für die Pferde lieferte. Er lieferte alles, die Urkunden belegen das. Daher hatte er auch den Titel eines "Oberkriegsfaktors", das war eine Art habsburgischer Adelstitel. Seine Nachkommen waren wirtschaftlich nicht mehr so tüchtig und wurden aus Wien vertrieben. Ein anderer, Wertheimer, kam ein Jahr nach der Türkenbelagerung 1684 nach Wien, 1724 gestorben, und wurde Oberrabbiner von Ungarn. Daher ist das Jüdische Museum in Eisenstadt im Wertheimer-Haus. Er war vorsichtiger und seine Nachkommen waren ganz große jüdische Finanziers, allerdings schon getaufte, der ersten Hälfte des 19. Jhdts. Eine jüdische Gemeinde bestand aus drei Teilen. Ein Teil waren die Privilegierten, deren Privilegium nach einer gewissen Zeit ausgelaufen ist, aber durch Geld verlängert werden konnte. Das war die erste Möglichkeit. Dann gab es im Dienste der Privilegierten befindliche jüdische Angestellte. Diese nahmen sozusagen am Privilegium des Prinzipals teil und, so lange dessen Privilegium galt, waren auch sie geschützt durch den Prinzipal. Dass viele Prinzipale das in gemeinster Weise missbrauchten und die Leute unterbezahlten, steht auf einem anderen Blatt. Die Armen in den jüdischen Gemeinden der Barockzeit sind ein eigenes wissenschaftliches Thema. Dann gab es eine große dritte Gruppe, die nirgends zu Hause war, die überall illegal war und die jederzeit abgeschafft werden konnte, die de facto nur vom Almosen der anderen, die offiziell dort leben durften, sich so lang über Wasser halten konnte, bis sie auch von dort weg mussten. Diese Situation hat mehr oder weniger juridisch in Österreich gedauert bis 1867, natürlich nicht in dieser gewaltigen Bandbreite wie im 18. Jhdt., aber offiziell war ein Jude nur dann zugelassen, wenn er ein Privilegium hatte oder im Dienst eines Privilegierten war. Dass man sich eine Aufenthaltsbewilligung im Vormärz, also in der ersten Hälfte des 19. Jhdt., verhältnismäßig leicht auf österreichische Weise in Wien beschaffen konnte, steht auf einem anderen Blatt. Jedenfalls richtete sich im 18. Jhdt. der Antisemitismus gegen die privilegierten Juden. Da gab es von der evangelischen Seite einen streng wissenschaftlichen theologischen Antisemitismus, man denke nur an Eisenmenger, und auf der katholischen Seite einen sehr pöbelhaften, man denke an den Pestprediger in Wien Abraham a St. Clara. Antisemitismen im 19. Jahrhundert – christlicher/ bürgerlicher/ rassischer Antisemitismus Kommen wir ins 19. Jhdt. Heinrich Heine bezeichnete die Taufe "als Entreebillet in die europäische Kultur". Es gab jetzt Juden, die sich assimilieren wollten, wogegen sich aber bereits eine ziemlich große Gruppe von Nichtjuden stellte. Hatte man bisher den Juden vorgeworfen, dass sie anders waren, so warf man ihnen nunmehr vor, dass sie nicht mehr anders sein wollten, dass sie gleich sein wollten. Es kam zur Revolution von 1848 und mit dem Ende der Metternichschen Zensur in Österreich hat es sich natürlich ergeben, dass nicht nur Juden all das schreiben durften, was sie schreiben wollten, sondern dass es zu einer ungehemmten antisemitischen Pamphlet-Propaganda kam. Die "Wiener Kirchenzeitung", die damals 1848 unter Sebastian Brunner gegründet wurde, war eines der führenden Organe. Aber im Gegensatz zu heute war die Kirchenzeitung damals kein offizielles Organ der Kirche, sondern eine Zeitung, die allerdings von Geistlichen geführt wurde. Es lassen sich im 19. Jhdt. 3 Formen des Antisemitismus ausmachen, die nebeneinander existierten: der christliche Antisemitismus, der bürgerliche Antisemitismus und der rassisch-biologische Antisemitismus. Karl Lueger Der christliche Antisemitismus ist zunächst einfach die Fortsetzung der althergebrachten christlichen Vorwürfe gegen die Juden und der Antisemitismus der christlich-sozialen Parteien. Und hier muss ich sagen, hat er einen Sitz im Leben, den wir nicht unterschätzen dürfen. Das 19. Jhdt. war ein Jahrhundert wirtschaftlicher und technischer gewaltiger Veränderungen. Durch die Eisenbahnen konnten die Distanzen verhältnismäßig schnell überwunden werden, Waren konnten von einem Platz zum anderen gebracht werden. Durch die Dampfmaschine und die Industrialisierung sind Fabriken entstanden, die die Erzeugnisse des Handwerks preislich unterbieten konnten, es entstand eine Konkurrenzsituation, in der der gestandene christliche Kaufmann und Handwerker vor einer Konkurrenz stand, die zeitgemäßer war als sein eigener Betrieb und die ihn aber auch tatsächlich finanziell bedrohte. Aus diesen Ecken heraus ist in Deutschland Treitschke gekommen, dann in Deutschland natürlich auch Adolf Stöcker und in Österreich die Christlich-Soziale Partei des Dr. Karl Lueger. Man darf nicht übersehen, dass diese Leute in einer Zeit lebten, in der das Großkapital tatsächlich in der Lage war, die mittleren und kleinen Betriebe in echte Konkurrenznot zu bringen. Denken wir nur an die Schuhfabriken, die den Schuster als den einzelnen Schuherzeuger ersetzten. Im 19. Jhdt. waren die Juden die einzigen, die nicht an das alte Wirtschaftssystem gebunden waren, weil sie gar nicht teilnehmen durften, und daher all das, was zukunftsträchtig war, schneller erkannten und für sich nutzten. Weiterhin kam die öffentliche Meinung weithin in jüdische Hände. Juden wurden Rechtsanwälte, Ärzte usw. aber kaum Richter und Staatsanwälte. Das heißt, die etablierten Berufe waren von Nichtjuden schon eingenommen, so dass die Juden all das an freien Berufen, was sich aufgrund der neuen Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung ergab natürlich ausfüllen konnten und auch ausfüllten. Rassischer Antisemitismus Wir haben also einerseits das alte religiöse Element, das dann bei den Christlichsozialen noch die wirtschaftlich-bürgerlich-politische Seite hinzu bekam, und den biologisch-rassischen Antisemitismus, letzthin ein Vulgär-Darwinismus, abhängig von Charles Darwins Rassenlehre. Da gab es schon Mitte des 19. Jhdts. in Frankreich ein Buch, das hieß "Über die Ungleichheit der menschlichen Rassen" von Arthur Graf Gobineau, in dem man die nordische Rasse, die Germanen, als das oberste Ziel der Menschlichkeit verstand und die Juden als das unterste. Das ist dann natürlich von Deutschen übernommen worden, man denke an Treitschke, auf den das Wort zurück geht "Die Juden sind unser Unglück", das dann in der Nazi-Zeit im "Stürmer" mit großen Lettern auf jeder ersten Seite unten stand, man denke an Dühring, man denke an Marr, man denke an Houston Stewart Chamberlain. Der Antisemitismus der Großdeutschen in Österreich war Ende des 19. Jhdt. bereits ein rassisch-biologischer. In Österreich war es eben Georg Ritter von Schönerer mit seinem Slogan "Ohne Habsburg-Juda-Rom bauen wir den Deutschen Dom." Jedenfalls, die drei Elemente, die ich genannt habe: Der christliche Antisemitismus und der wirtschaftlich-bürgerliche, spezifisch für die Situation des 19. Jhdts und des frühen 20. Jahdts., wurden ideologisch aufgewertet durch den Rassenantisemitismus, denn man sah in den Juden nicht mehr Ungläubige, die durch ihren Glauben dem Satan verhaftet sind, sondern man sah in den Juden solche, die durch ihren biologischen Bestandteil, durch ihr Blut, das Negative im Menschengeschlecht repräsentieren und daher nur negative Leistungen erbringen können. Die nationalsozialistische Propaganda hat in diese Richtung alles getan. Schon vor den Nationalsozialisten gab es die berüchtigten "Protokolle der Weisen von Zion", die in Russland als Kampfmittel der Zaristen gegen Sozialdemokraten und Kommunisten, unter denen es ja viele Juden gab, entstanden. Weiterhin gab es die Zeitschrift "Der Stürmer", die in den 20er Jahren gegründet wurde und bis 1945 existierte, die eine gezielte antisemitische Propaganda führte. Dann gab es auch die sogenannte Bewegung deutscher Christen, eine evangelische Bewegung, die 1932 ein halbes Jahr vor Hitlers Machtergreifung gegründet wurde und die ein eigenes Deutsch-Apostolikum besaß: "Wir glauben an den Nothelfer Krist und an heldische Frömmigkeit und an Deutschland, das Bildungsland einer neuen Menschheit!" Hier wurde auch die Juden-Mission abgelehnt, weil durch getaufte Juden der verderbliche Einfluss jüdischen Blutes mit den Deutschen zusammenkommen kann und dadurch die Deutschen bastardisiert werden. Jedenfalls, waren dies alles Voraussetzungen, die dazu führten, dass der Nationalsozialismus nicht als etwas Grauenhaftes empfunden wurde, sondern zunächst als etwas Interessantes, dem man zumindest bis zu einem gewissen Grad zustimmen könnte.
Nationalsozialismus 1933-1945 - Etappen des Holocaust Am 30. Jänner 1933 ergriff Hitler die Macht. In den ersten 6 Monaten kam es zum Boykott der jüdischen Geschäfte, zum Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums, durch den jüdische und nicht nationalsozialistisch denkende Beamte entlassen wurden, dann kam es zur Bücherverbrennung und trotzdem zum Reichskonkordat zwischen dem Deutschen Reich und Rom. Das alles geschah noch in der ersten Hälfte 1933. In der Folge wurde das Judentum immer mehr zurückgedrängt. Die Juden behielten innerhalb ihrer Gemeinschaft noch eine außerordentlich große interne Freiheit, sie konnten eigene jüdische Theater haben, eigene jüdische Konzerte. Es gab viele jüdische Schauspieler, Sänger und Angehörige bedeutender Orchester, die jetzt nur noch für Juden spielten. Es gab auch noch jüdische Frontkämpfer, die sich innerhalb der neuen Ghettos organisieren durften. Das Ziel des Großdeutschen Reiches war, die Auswanderung der Juden zu erreichen. Die Juden sollten auswandern. In Deutschland gab es etwa eine halbe Million Juden. Aber nur 150.000 wanderten bis März 1938, bis zur Okkupation Österreichs, aus. Damals konnten die Juden auch noch mit ihrem Vermögen auswandern, es kam hinzu, dass viele auch ihre Kunstschätze mitnehmen konnten, weil diese Kunstschätze in der Bewertung des Nazi-Reiches als entartete Kunst galten. So konnte man ohne weiteres einen Picasso mitnehmen, denn er galt für die Nazis als unwert, als entartete Kunst. Man konnte hebräische Handschriften des Mittelalters, auch illuminierte, mitnehmen, denn sie galten als unwert. Somit ist in Jerusalem eine der größten Privat-Sammlungen hebräischer Handschriften, die Schocken-Bibliothek, entstanden, die von Berlin nach Jerusalem ohne Schwierigkeiten gebracht werden konnte. Ebenso konnten die Juden auch noch ihre Liegenschaften veräußern und den Ertrag bekommen, allerdings durch einen Winkelzug, das sogenannte 'Transferabkommen'. Im September 1935 wurden die Nürnberger Gesetze erlassen. Das "Gesetz zum Schutz des Deutschen Blutes und der Deutschen Ehre" und das "Reichsbürger-Gesetz". Die Juden waren zwar Staatsangehörige aber nicht mehr Reichsbürger, sie hatten nicht die Rechte eines Reichsbürgers, waren also nur Angehörige des Staates und hatten einen Pass, in dem ab 1938 das "J" eingetragen wurde, aber nicht vorher. Aber verhältnismäßig war die Situation der Juden in Deutschland bis März 1938 um vieles besser als ab diesem Zeitpunkt. Durch die Okkupation Österreichs kamen fast 200.000 Juden unter deutsches Herrschaftsgebiet. Es waren also mehr Juden in deutscher Herrschaft als zu Beginn der Machtergreifung Hitlers. Jetzt wollte man die Sache beschleunigen, man wollte die Auswanderung forcieren, aber gleichzeitig auch die Juden ausplündern. So entstand dann in Wien einerseits die 'Zentralstelle für jüdische Auswanderung' und andererseits die 'Vermögensverkehrsstelle'. Juden, die ihren Besitz verloren hatten, mussten das, was sie durch die Arisierung bekamen, auf ein Sperrkonto legen. Sie durften nur bis zu maximal 400 RM monatlich für die Familie abheben. Nur wenn sie zur Auswanderung etwas brauchten, hat man es ihnen gegeben, der Rest wurde dann vom Reich beschlagnahmt. Somit fielen auch die österreichischen Juden unter die selben negativen Bestimmungen, unter denen die deutschen Juden bereits waren. Im Frühjahr 1939 wurde die Slowakei besetzt. Die Tschechoslowakei wurde ein Vasallen-Staat, Böhmen und Mähren das Reichsprotektorat Böhmen und Mähren. Wieder kamen Juden unter deutsche Herrschaft. Aber noch immer wurde die Auswanderung gefördert, selbst die illegale Auswanderung nach Palästina wurde von der Gestapo gefördert. Sonst hätten ja keine Schiffe abfahren können von Häfen, die unter Gestapo-Kontrolle standen. Am 1. September 1939 beginnt der 2. Weltkrieg. Der Polenfeldzug brachte mehr als 2 Millionen Juden unter deutsche Herrschaft, 2 weitere Million waren in Ostpolen, das zunächst von den Sowjets besetzt war, östlich von Brest-Litovsk. Jetzt begann man die Juden zu ghettoisieren. Zunächst gab es auch in den Ghettos noch eine Spur von Infrastruktur, es gab eigenes Ghetto-Geld. Es gab Ghetto-Theater, Ghetto-Krankenhäuser, es gab Schulen, im Warschauer Ghetto fuhr sogar die Straßenbahn. Aber im Großen und Ganzen gab es die Tendenz, alle diejenigen, die nicht zur Arbeit herangezogen werden konnten, durch Unterernährung und mangelnde Krankenversorgung schneller sterben zu lassen. Am 21./22. Juni 1941 begann die Aktion "Barbarossa", der Angriff auf die Sowjetunion. Ganz Ostpolen und Westrussland, wo es ebenfalls viele Juden gab, kamen unter deutsche Herrschaft. Jetzt in Zusammenhang mit dem Kommissar-Erlass begann die planmäßige Ermordung. Am 20. Jänner 1942 fand dann die berüchtigte Wannsee-Konferenz statt. Die planmäßige Ermordung begann nicht vor dem Russland-Feldzug. Man hat früher auch gemordet, aber nicht planmäßig und massenweise. Zunächst dachte man ja noch daran, die Juden zu sterilisieren oder nach Madagaskar zu schicken unter SS-Aufsicht. Aber jetzt war man im Krieg mit Russland und man war der Meinung, dass hinter der Sowjetunion einerseits und Amerika und England andererseits eine geheime jüdische Weltregierung existierte, die die Völker von Amerika, England und Russland gegen das Deutsche Volk und die Deutsche Wehrmacht aufbrachte, so dass Deutschland im Krieg gegen diese Länder nichts anderes tut als das humane Menschenrecht zu verteidigen und die Hauptschuldigen, die Juden, dabei umzubringen. Denn sonst hätten wir keinen Sinn in einer Bestimmung, die Himmler gegeben hat, dass die Transporte in die Vernichtungslager dem Frontnachschub vorzuziehen waren. Man war der Meinung, es wäre eine metaphysische Aufgabe den eigentlichen Gegner, die Juden, zu bekämpfen, dann werden ja doch die Alliierten ihre Soldaten, zurückziehen. Den wirtschaftlichen Gegensatz zwischen Kommunismus und Kapitalismus hielten die Nationalsozialisten für einen ideologischen Trick der "Weisen des Zion". So entstand ein nationalsozialistisches Wortungeheuer, das die Älteren vielleicht noch kennen, man sprach vom Plutokrato-Bolschewismus. Plutokrato – Bolschewismus, das heißt also zwischen der Wall Street und dem Kreml ist eine geheime Übereinkunft und beide sind nichts anderes als Diener des Weltjudentums, der geheimen jüdischen Regierung. Daher müssen wir zunächst einmal die Juden umbringen, dann werden die anderen von selber aufhören, uns zu bekämpfen. Also die Nazis haben ihre eigene Propaganda geglaubt und so kam es zur Katastrophe, zur gewaltigen Katastrophe. Vortrag vom 24. Januar 2002 in Ebensee Kurzbiographie - Univ.-Prof. Dr. Kurt Schubert: Geboren 1923 in Wien http://bob.swe.uni-linz.ac.at/VWM/betrifft/58/Schubert58.html |