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Unsere Aussichten von Heinrich von Treitschke in Preußische Jahrbücher, November 1879. Unterdessen arbeitet in den Tiefen unseres Volkslebens eine wunderbare, mächtige Erregung. Es ist als ob die Nation sich auf sich selber besänne, unbarmherzig mit sich in's Gericht ginge. Wer, wie der Schreiber dieser Zeilen, die letzten Monate im Auslande verlebte und nun plötzlich wieder eintritt in die stürmische deutsche Welt, der erschrickt fast vor diesem Erwachen des Volksgewissens, vor diesen tausend Stimmen, die sich unter einander entschuldigen oder verklagen. Der Hergang ist um so erstaunlicher, da er sich fast ganz unabhängig von der Presse vollzieht; denn noch nie sind unsere Zeitungen so wenig ein treues Spiegelbild der öffentlichen Meinung gewesen. Wenn man die Mehrzahl der deutschen Blätter durchmustert, so sollte man meinen, die liberalen Wunschzettel der sechziger Jahre und der naive Glaube an die unfehlbare sittliche Macht der "Bildung" beherrschten noch immer unser Volk. In Wahrheit steht es anders. Die wirthschaftliche Noth, die Erinnerung an so viele getäuschte Hoffnungen und an die Sünden der Gründerzeiten, der Anblick der zunehmenden Verwilderung der Massen, die mit der Verbreitung der Geheimkünste des Lesens und Schreibens mindestens gleichen Schritt hält, und nicht zuletzt das Gedächtniß jener Gräueltage vom Frühjahr 1878 - das Alles hat Tausende zum Nachdenken über den Werth unserer Humanität und Aufklärung gezwungen. Tausende fühlen, daß wir Gefahr laufen über unserem Bildungsdünkel den sittlichen Halt des Menschenlebens ganz zu vergessen. Während breite Schichten unseres Volks einem wüsten Unglauben verfallen, ist in anderen der religiöse Ernst, der kirchliche Sinn unverkennbar wieder erstarkt. Auf der evangelischen Generalsynode fiel manches häßliche zelotische Wort, die alte Theologensünde, die Gleichgiltigkeit gegen das positive Recht des weltlichen Staates, verrieth sich in einzelnen unerfreulichen Beschlüssen; der hoffentlich unausführbare Versuch, die theologischen Facultäten der kirchlichen Parteiherrschaft zu unterwerfen, erregte gerechtes Befremden; aber Eines haben diese Verhandlungen auch den Gegnern bewiesen: daß diese Kirche noch lebt, daß sie eine wirksame Macht ist, festgewurzelt im Volke, voll sittlichen Ernstes und keineswegs arm an geistigen Kräften. Das erwachte Gewissen des Volks wendet sich vornehmlich gegen die weichliche Philanthropie unseres Zeitalters. Recht als ein Zeichen der Zeit erschien in den letzten Wochen die Schrift von O. Mittelstädt "Gegen die Freiheitsstrafen" - ein kräftiger Protest wider jene Verhätschelung und Verzärtelung der Verbrecher, welche unsere Zuchthäuser übervölkert hat und zur Grausamkeit gegen die rechtschaffenen Leute wird. Warum ist diese streng sachlich gehaltene Schrift bereits durch Entrüstungsmeetings und grimmige Verachtungsresolutionen der radikalen Parteien beantwortet worden? Weil die Helden der philanthropischen Phrase im Stillen fühlen, daß der tapfere Verfasser, obwohl seine Sätze im Einzelnen sich vielfach bestreiten lassen, im Wesentlichen doch nur ausspricht was Hunderttausende denken. Der ganze Zug der Zeit drängt dahin, daß die unerbittlich strenge Majestät des Rechts in unseren Gesetzen wie in ihrer Handhabung wieder zur vollen Anerkennung gelangen muß. Unter den Symptomen der tiefen Umstimmung, welche durch unser Volk geht, erscheint keines so befremdend wie die leidenschaftliche Bewegung gegen das Judenthum. Vor wenigen Monaten herrschte in Deutschland noch das berufene "umgekehrte Hep Hep Geschrei". Ober die Nationalfehler der Deutschen, der Franzosen und aller anderen Völker durfte Jedermann ungescheut das Härteste sagen; wer sich aber unterstand über irgend eine unleugbare Schwäche des jüdischen Charakters gerecht und maßvoll zu reden, ward sofort fast von der gesammten Presse als Barbar und Religionsverfolger gebrandmarkt. Heute sind wir bereits so weit, daß die Mehrheit der Breslauer Wähler - offenbar nicht in wilder Aufregung, sondern mit ruhigem Vorbedacht - sich verschwor unter keinen Umständen einen Juden in den Landtag zu wählen; Antisemitenvereine treten zusammen, in erregten Versammlungen wird die "Judenfrage" erörtert, eine Fluth von judenfeindlichen Libellen überschwemmt den Büchermarkt. Es ist des Schmutzes und der Roheit nur allzu viel in diesem Treiben, und man kann sich des Ekels nicht erwehren, wenn man bemerkt, daß manche jener Brandschriften offenbar aus jüdischen Federn stammen; bekanntlich sind seit Pfefferkorn und Eisenmenger die geborenen Juden unter den fanatischen Judenfressern immer stark vertreten gewesen. Aber verbirgt sich hinter diesem lärmenden Treiben wirklich nur Pöbelroheit und Geschäftsneid? Sind diese Ausbrüche eines tiefen, lang verhaltenen Zornes wirklich nur eine flüchtige Aufwallung, so hohl und grundlos wie einst die teutonische Judenhetze des Jahres 1819? Nein, der Instinkt der Massen hat in der That eine schwere Gefahr, einen hochbedenklichen Schaden des neuen deutschen Lebens richtig erkannt; es ist keine leere Redensart, wenn man heute von einer deutschen Judenfrage spricht. Wenn Engländer und Franzosen mit einiger Geringschätzung von dem Vorurtheil der Deutschen gegen die Juden reden, so müssen wir antworten: Ihr kennt uns nicht; Ihr lebt in glücklicheren Verhältnissen, welche das Aufkommen solcher "Vorurtheile" unmöglich machen. Die Zahl der Juden in Westeuropa ist so gering, daß sie einen fühlbaren Einfluß auf die nationale Gesittung nicht ausüben können; über unsere Ostgrenze aber dringt Jahr für Jahr aus der unerschöpflichen polnischen Wiege eine Schaar strebsamer hosenverkaufender Jünglinge herein, deren Kinder und Kindeskinder dereinst Deutschlands Börsen und Zeitungen beherrschen sollen; die Einwanderung wächst zusehends, und immer ernster wird die Frage, wie wir dies fremde Volksthum mit dem unseren verschmelzen können. Die Israeliten des Westens und des Südens gehören zumeist dem spanischen Judenstamme an, der auf eine vergleichsweise stolze Geschichte zurückblickt und sich der abendländischen Weise immer ziemlich leicht eingefügt hat; sie sind in der That in ihrer großen Mehrzahl gute Franzosen, Engländer, Italiener geworden - soweit sich dies billigerweise erwarten läßt von einem Volke mit so reinem Blute und so ausgesprochener Eigenthümlichkeit. Wir Deutschen aber haben mit jenem polnischen Judenstamme zu thun, dem die Narben vielhundertjähriger christlicher Tyrannei sehr tief eingeprägt sind; er steht erfahrungsgemäß dem europäischen und namentlich dem germanischen Wesen ungleich fremder gegenüber. Was wir von unseren israelitischen Mitbürgern zu fordern haben, ist einfach: sie sollen Deutsche werden, sich schlicht und recht als Deutsche fühlen - unbeschadet ihres Glaubens und ihrer alten heiligen Erinnerungen, die uns Allen ehrwürdig sind; denn wir wollen nicht, daß auf die Jahrtausende germanischer Gesittung ein Zeitalter deutsch-jüdischer Mischcultur folge. Es wäre sündlich zu vergessen, daß sehr viele Juden, getaufte und ungetaufte, Felix Mendelssohn, Veit, Riesser u. A. - um der Lebenden zu geschweigen - deutsche Männer waren im besten Sinne, Männer, in denen wir die edlen und guten Züge deutschen Geistes verehren. Es bleibt aber ebenso unleugbar, daß zahlreiche und mächtige Kreise unseres Judenthums den guten Willen schlechtweg Deutsche zu werden durchaus nicht hegen. Peinlich genug, über diese Dinge zu reden; selbst das versöhnliche Wort wird hier leicht mißverstanden. Ich glaube jedoch, mancher meiner jüdischen Freunde wird mir mit tiefem Bedauern Recht geben, wenn ich behaupte, daß in neuester Zeit ein gefährlicher Geist der Ueberhebung in jüdischen Kreisen erwacht ist, daß die Einwirkung des Judenthums auf unser nationales Leben, die in früheren Tagen manches Gute schuf, sich neuerdings vielfach schädlich zeigt. Man lese die Geschichte der Juden von Graetz: welche fanatische Wuth gegen den "Erbfeind", das Christenthum, welcher Todhaß grade wider die reinsten und mächtigsten Vertreter germanischen Wesens, von Luther bis herab auf Goethe und Fichte! Und welche hohle, beleidigende Selbstüberschätzung! Da wird unter beständigen hämischen Schimpfreden bewiesen, daß die Nation Kants eigentlich erst durch die Juden zur Humanität erzogen, daß die Sprache Lessings und Goethes erst durch Börne und Heine für Schönheit, Geist und Witz empfänglich geworden ist! Welcher englische Jude würde sich je unterstehen, in solcher Weise das Land, das ihn schützt und schirmt, zu verleumden? Und diese verstockte Verachtung gegen die deutschen Gojim ist keineswegs blos die Gesinnung eines vereinzelten Fanatikers. Keine deutsche Handelsstadt, die nicht viele ehrenhafte, achtungswerthe jüdische Firmen zählte; aber unbestreitbar hat das Semitenthum an dem Lug und Trug, an der frechen Gier des Gründer-Unwesens einen großen Antheil, eine schwere Mitschuld an jenem schnöden Materialismus unserer Tage, der jede Arbeit nur noch als Geschäft betrachtet und die alte gemüthliche Arbeitsfreudigkeit unseres Volkes zu ersticken droht; in tausenden deutscher Dörfer sitzt der Jude, der seine Nachbarn wuchernd auskauft. Unter den führenden Männern der Kunst und Wissenschaft ist die Zahl der Juden nicht sehr groß; um so stärker die betriebsame Schaar der semitischen Talente dritten Ranges. Und wie fest hängt dieser Literatenschwarm unter sich zusammen; wie sicher arbeitet die auf den erprobten Geschäftsgrundsatz der Gegenseitigkeit begründete Unsterblichkeits-Versicherungsanstalt, also daß jeder jüdische Poetaster jenen Eintagsruhm, welchen die Zeitungen spenden, blank und baar, ohne Verzugszinsen ausgezahlt erhält. Am Gefährlichsten aber wirkt das unbillige Uebergewicht des Judenthums in der Tagespresse - eine verhängnißvolle Folge unserer engherzigen alten Gesetze, die den Israeliten den Zutritt zu den meisten gelehrten Berufen versagten. Zehn Jahre lang wurde die öffentliche Meinung in vielen deutschen Städten zumeist durch jüdische Federn "gemacht"; es war ein Unglück für die liberale Partei und einer der Gründe ihres Verfalls, daß grade ihre Presse dem Judenthum einen viel zu großen Spielraum gewährte. Der nothwendige Rückschlag gegen diesen unnatürlichen Zustand ist die gegenwärtige Ohnmacht der Presse; der kleine Mann läßt sich nicht mehr ausreden, daß die Juden die Zeitungen schreiben, darum will er ihnen nichts mehr glauben. Unser Zeitungswesen verdankt jüdischen Talenten sehr viel; grade auf diesem Gebiete fand die schlagfertige Gewandtheit und Schärfe des jüdischen Geistes von jeher ein dankbares Feld. Aber auch hier war die Wirkung zweischneidig. Börne führte zuerst in unsere Journalistik den eigenthümlich schamlosen Ton ein, der über das Vaterland so von außen her, ohne jede Ehrfurcht abspricht, als gehöre man selber gar nicht mit dazu, als schnitte der Hohn gegen Deutschland nicht jedem einzelnen Deutschen in's tiefste Herz. Dazu jene unglückliche vielgeschäftige Vordringlichkeit, die überall mit dabei sein muß und sich nicht scheut sogar über die innern Angelegenheiten der christlichen Kirchen meisternd abzuurtheilen. Was jüdische Journalisten in Schmähungen und Witzeleien gegen das Christenthum leisten ist schlechthin empörend, und solche Lästerungen werden unserem Volke in seiner Sprache als allerneueste Errungenschaften "deutscher" Aufklärung feilgeboten! Kaum war die Emancipation errungen, so bestand man dreist auf seinem "Schein"; man forderte die buchstäbliche Parität in Allem und jedem und wollte nicht mehr sehen, daß wir Deutschen denn doch ein christliches Volk sind und die Juden nur eine Minderheit unter uns; wir haben erlebt, daß die Beseitigung christlicher Bilder, ja die Einführung der Sabbathfeier in gemischten Schulen verlangt wurde. Ueberblickt man alle diese Verhältnisse - und wie Vieles ließe sich noch sagen! - so erscheint die laute Agitation des Augenblicks doch nur als eine brutale und gehässige, aber natürliche Reaction des germanischen Volksgefühls gegen ein fremdes Element, das in unserem Leben einen allzu breiten Raum eingenommen hat. Sie hat zum Mindesten das unfreiwillige Verdienst, den Bann einer stillen Unwahrheit von uns genommen zu haben; es ist schon ein Gewinn, daß ein Uebel, das jeder fühlte und Niemand berühren wollte, jetzt offen besprochen wird. Täuschen wir uns nicht: die Bewegung ist sehr tief und stark; einige Scherze über die Weisheitssprüche christlich-socialer Stump-Redner genügen nicht sie zu bezwingen. Bis in die Kreise der höchsten Bildung hinauf, unter Männern, die jeden Gedanken kirchlicher Unduldsamkeit oder nationalen Hochmuths mit Abscheu von sich weisen würden, ertönt es heute wie aus einem Munde: die Juden sind unser Unglück! Von einer Zurücknahme oder auch nur einer Schmälerung der vollzogenen Emancipation kann unter Verständigen gar nicht die Rede sein; sie wäre ein offenbares Unrecht, ein Abfall von den guten Traditionen unseres Staates und würde den nationalen Gegensatz, der uns peinigt, eher verschärfen als mildern. Was die Juden in Frankreich und England zu einem unschädlichen und vielfach wohlthätigen Elemente der bürgerlichen Gesellschaft gemacht hat, das ist im Grunde doch die Energie des Nationalstolzes und die festgewurzelte nationale Sitte dieser beiden alten Culturvölker. Unsere Gesittung ist Jung; uns fehlt noch in unserem ganzen Sein der nationale Stil, der instinctive Stolz, die durchgebildete Eigenart, darum waren wir so lange wehrlos gegen fremdes Wesen. jedoch wir sind im Begriff uns jene Güter zu erwerben und wir können nur wünschen, daß unsere Juden die Wandlung, die sich im deutschen Leben als eine nothwendige Folge der Entstehung des deutschen Staates vollzieht, rechtzeitig erkennen. Da und dort bestehen jüdische Vereine gegen den Wucher, die im Stillen viel Gutes wirken; sie sind das Werk einsichtiger Israeliten, welche einsahen, daß ihre Stammgenossen sich den Sitten und Gedanken ihrer christlichen Mitbürger annähern müssen. Nach dieser Richtung ist noch viel zu thun. Die harten deutschen Köpfe jüdisch zu machen ist doch unmöglich; so bleibt nur übrig, daß unsere jüdischen Mitbürger sich rückhaltslos entschließen Deutsche zu sein, wie es ihrer Viele zu ihrem und unserem Glück schon längst geworden sind. Die Aufgabe kann niemals ganz gelöst werden. Eine Kluft zwischen abendländischem und semitischem Wesen hat von )eher bestanden, seit Tacitus einst über das odium generis humani klagte; es wird immer Juden geben, die nichts sind als deutsch redende Orientalen; auch eine specifisch jüdische Bildung wird immer blühen, sie hat als kosmopolitische Macht ihr gutes historisches Recht. Aber der Gegensatz läßt sich mildern, wenn die Juden, die so viel von Toleranz reden, wirklich tolerant werden und einige Pietät zeigen gegen den Glauben, die Sitten und Gefühle des deutschen Volks, das alte Unbill längst gesühnt und ihnen die Rechte des Menschen und des Bürgers geschenkt hat. Daß diese Pietät einem Theile unseres kaufmännischen und literarischen Judenthums vollständig fehlt, das ist der letzte Grund der leidenschaftlichen Erbitterung von heute. - Ein erfreulicher Anblick ist es nicht, dies Toben und Zanken, dies Kochen und Aufbrodeln unfertiger Gedanken im neuen Deutschland. Aber wir sind nun einmal das leidenschaftlichste aller Völker, obgleich wir uns selbst so oft Phlegmatiker schalten; anders als unter krampfhaften Zuckungen haben sich neue Ideen bei uns noch nie durchgesetzt. Gebe Gott, daß wir aus der Gährung und dem Unmuth dieser ruhelosen Jahre eine strengere Auffassung vom Staate und seinen Pflichten, ein gekräftigtes Nationalgefühl davontragen. 15. November 1879 |
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Offener Brief an Heinrich von Treitschke von Manuel Joël Herr Professor! Sympathisch berührte mich der erste Satz eines längeren Citats aus Ihrer jüngsten Arbeit, mit welchem die "Schlesische Zeitung" uns bedacht hat. Sie sagen mit gewohnter ergreifender Rhetorik: "Es arbeitet in den Tiefen unseres Volkslebens eine wunderbare, mächtige Erregung. Es ist, als ob die Nation sich auf sich selber besänne, unbarmherzig mit sich in's Gericht ginge". Es ist wahrlich einer edlen Nation würdig, sobald Schäden auf die Oberfläche kommen, in die eigenen Tiefen hinabzusteigen, um durch Selbsterkenntniß Heilung herbeizuführen. Aber Sie können Sich von meiner schmerzlichen Enttäuschung keine Vorstellung machen, als ich die Resultate des unbarmherzigen Gerichts, welches die deutsche Nation nach Ihrer Meinung an sich selbst vollzieht, bei Ihnen angegeben fand. Es ist mir wahrlich nicht spaßig zu Muthe, aber Sie wissen, daß auch der Schmerz bisweilen zu einem Spaße drängt. Wissen Sie, woran Ihr Ergebniß mich erinnert? An die bekannte Geschichte, nach welcher eine in ihrem Gewissen beunruhigte Dame lange über die Buße nachdachte, die sie sich auferlegen könnte, bis sie dann nach Verwerfung aller übrigen Sühnmittel auf den glücklichen Gedanken kam: Ich werde mein Gesinde ein paar Tage fasten lassen. Machen Sie es anders? Sie schaffen sich einen Sündenbock, die Juden, Sie sagen, der große Sünder ist gefunden, und das unbarmherzige Gericht, das die Nation an sich üben sollte, üben Sie an einem winzigen Bruchtheil derselben, dem Sie nicht einmal die Ehre der Zugehörigkeit zur deutschen Nation einräumen wollen. Wahrlich, das heißt eine edle Nation irre leiten, nicht zur Einkehr bringen, wie Sie es doch wollen. So spricht nicht ein Historiker, sondern ein Pamphletist. Sie gehören zu den Männern, die mit dem Herzen schreiben, und das giebt Ihrer Schreibweise etwas Packendes, aber das "pectus" ist doch ein gefährlicher Führer, es macht leidenschaftliche Rhetoren, aber keine Lehrer der Wahrheit. Sie haben darin große Aehnlichkeit mit dem von Ihnen geschmähten Börne. Ihr Patriotismus braucht sich nicht zu schämen, neben den eines Börne gestellt zu werden. Börne liebte sein deutsches Vaterland mit einer Gluth, die selbst in seinen Scheltworten lodert. Aber Börne ist dennoch mein Mann nicht. Und wissen Sie warum? Aus demselben Grunde, aus dem auch Sie mein Mann nicht sind. Wie man gesagt hat: "Timeo virum unius libri", so fürchte ich Alle, die von einer Idee, und sei es auch die edelste, so besessen sind, daß sie für Anderes absolut kein Auge haben. Börne war ein Monomane der Freiheit, auch Sie sind ein Monomane, ein Monomane der nationalen Idee. Sie sind der Letzte, der die im Eifer für seine Idee von Börne vorgebrachten Ungehörigkeiten mit "schamlos" bezeichnen dürfte. Waren Sie denn so decent, als Sie, ein geborener Sachse, 1865 schrieben: "Wer weiß, in welcher Felsenspalte der sächsischen Schweiz man die dareingeworfene Krone des Hauses Wettin suchen müßte"? Ich gestehe, daß, so sehr ich damals auf Ihrer Seite stand, - erschrecken Sie nicht, ich meine nur mit meiner preußischen Gesinnung - ich ein solches Wort über sein angestammtes Königshaus von einem gebornen Sachsen für unpassend hielt. Sie scheinen wirklich mit Schopenhauer, dem philosophischen Thersites, zu glauben, daß die Abwesenheit oder Anwesenheit der verecundia sich blos nach der Unbeholfenheit oder Eleganz des Ausdruckes richtet. Doch nein, das glauben Sie nicht. Aber Sie sind ein Feuerkopf alias Fanatiker, der alles versengen möchte, was der ihn beherrschenden Idee wirklich oder vermeintlich in den Weg tritt. Nur so kann ich es mir erklären, daß ein Mann von Ihrer Gelehrsamkeit und Ihren Talenten bei der Losung: Hie Lessing! Hie Marr! sich für Marr entscheidet. Denn das glauben Sie doch wohl selbst nicht, daß Ihre Verwahrung gegen die Rohheit der Judenhetzer uns beruhigen kann, daß es uns etwa blos darum zu thun ist, statt im Rothwälsch der Pöbelsprache, in elegantem Professorendeutsch abgethan zu werden. Ja, nur aus Ihrer Eigenthümlichkeit kann ich es mir erklären, daß Sie, ein Professor von ungewöhnlicher Begabung, da keine Antwort finden, wo jeder Handwerker sie finden könnte. Sie sagen: "Über die Nationalfehler der Deutschen, der Franzosen und aller anderen Völker durfte jedermann ungescheut das Härteste sagen, wer sich aber unterstand, über irgend eine unläugbare Schwäche des jüdischen Charakters gerecht und maßvoll zu reden, ward sofort fast von der gesammten Presse des Landes als Barbar und Religionsverfolger gebrandmarkt". Lassen wir einmal die "Gerechtigkeit", das "Maß" und die "Brandmarkung" als thatsächlich gelten, ist es nicht erstaunlich, daß ein Historiker so etwas registriert, ohne sich selbst die Antwort darauf zu geben? Sehen Sie, damit verhält es sich so. Wenn Herr Tissot die große deutsche Nation angreift, so ist das, um bei dem vulgären Sprüchwort zu bleiben, wie wenn der Hund den Mond anbellt. Und mit Verlaub, wenn Sie, Herr Professor, Artikel gegen die Franzosen schreiben, so bleibt Paris Paris. Ihre geistreichen Aufsätze habe n keine Bresche in die Pariser Festungsmauern gemacht, das haben die Kanonen des Kaisers Wilhelm geleistet, nachdem er mit seinem Heere erst Wunder der Tapferkeit gethan. Und mit diesen mächtigen Nationen stellen Sie in Parallele eine vor nahezu 2000 Jahren - denken Sie 2000 Jahren - zerschlagene Nationalität, deren Nachkommen national zu den verschiedensten Völkern gehören und die verschiedensten Sprachen und Sitten aufweisen, die nichts mit einander gemein haben als die gleiche Religion und die durch solche "gerechte und maßvolle" Beurtheilungen ihrer "unläugbaren Schwächen" mit aller Gewalt als Sonderkörper, als Abscesse im nationalen Organismus sollen bezeichnet und bewahrt werden. Glauben Sie mir, der kleine Theil der Presse - in Ihre Sprache übersetzt heißt das "fast die gesammte Presse des Landes", - der kleine Theil der Presse, der solche "Gerechtigkeit" als "Barbarei brandmarkte", war mehr von Lessings Geiste beseelt als Sie, der Sie die großen deutschen Namen mit solcher Emphase im Munde führen. Doch ich muß leider noch etwas mehr in's Einzelne eingehen. Den Schmerz, "daß breite Schichten unseres Volkes dem Unglauben verfallen sind", theile ich mit Ihnen. Sie lieben die Religion und ich bin ein Lehrer der Religion, urtheilen Sie, ob ich in diesem Stücke mit Ihnen sympathisire. Wenn Sie aber zu verstehen geben, daß die jüdische Haltung gegenüber dem Christenthume eine Mitschuld trägt an dem heute verbreiteten Unglauben, so muß ich Ihnen sagen, daß ich für Sie nicht blos als Menschen, sondern auch als Historiker erröthe. Also Sie wissen nicht, aus welcher Quelle in Deutschland der Unglaube geflossen? Auf die Gefahr hin, daß Sie als gewohnte jüdische Anmaßung bezeichnen werden, wenn ich es wage, einen Professor der Historie auf seinem Gebiete zu belehren, werde ich historisch. Nicht von Kant, wie man wohl fälschlich sagt, mit dessen Lehren aber die edelste Frömmigkeit sich verträgt, sondern von Hegel fing das Spiel an. Sein sogenannter Pantheismus war ein verschleierter Atheismus, sein System eine heidnische Theogonie, bei der freilich keine Götter geboren wurden, sondern sich selbst vergötternde Menschen. Und diese sich selbst vergötternden Menschen nannte man das "junge Deutschland", welche das Geheimniß des Lehrers unter die Leute brachten. Es ist wahr, daß die Hegel'sche Philosophie, als ihr wahres Gesicht erschaut wurde, in Deutschland ihren Credit verlor, aber leider nicht, um einer Gott zugewendeten Philosophie Platz zu machen, sondern um zu einer verbesserten Auflage des "système de la nature" zu führen. Haben dabei wirklich die Söhne der "hosenverkaufenden jüdischen" Menschen so beträchtlich mitgewirkt? Haben die Eltern von Feuerbach, Moleschott, Vogt u. s. w. mit Hosen gehandelt? Oder ist der Fanatiker des Atheismus, Schopenhauer, ein Jude gewesen? Wissen Sie, was er war? In der Judenfrage tiefer blickend als Sie. Weil er die Gottesidee bitter haßte, darum haßte er ebenso bitter "die Schweizergarde des Theismus" die Juden. Ebenso scheinen Sie der Wirksamkeit Straußen's, von Hartmann's und andererseits Häckel-Darwin's weniger Einfluß beizumessen als dem Witze der jüdischen Literaten, deren Namen Sie selbst vielleicht anzugeben in Verlegenheit wären. Daß ich es für frech halte, wenn ein jüdischer Literat das Christenthum bewitzelt, dürfen Sie mir glauben. Aber die tiefe Quelle des Uebels unberührt lassen und vereinzelte Tactlosigkeiten jüdischer Scribenten in dunkeln Andeutungen denunciren, ist, ich muß es leider wiederholen, nicht Sache eines Historikers, sondern eines Pamphletisten. Wollen Sie ernste Selbstprüfung, so will ich Ihnen dazu verhelfen. Sie treten als frommer und kirchlich gesinnter Mann auf. Wahrlich, ich bin der Letzte, der das nicht lobenswerth finden sollte. Aber warum acceptiren Sie dann die Argumente des Atheismus gegen die Juden? Ein wirklich frommer und kirchlich-gesinnter Christ, der nicht blos aus Staatsraison fromm ist, kann nicht wegwerfend über die Semiten reden. Er erinnert sich, daß beide Bibeln semitischen Ursprungs sind, daß die höchsten Lehrer der Christenheit Semiten waren. Er kann unmöglich denken, daß der germanische Geist so unverträglich mit dem semitischen ist, wenn er erwägt, daß man unter dem germanischen Geist gegenwärtig ja nicht den Geist Hermann des Cheruskers versteht, sondern daß dieser Geist vertieft worden ist durch Aufnahme des Christenthums, daß dieser Geist jetzt einherbraust mit der gedoppelten Kraft des alten Germanenthums und des von ihm organisch seinem Wesen assimilirten Christenthums, das doch historisch und menschlich betrachtet semitischen Ursprungs ist. Oder glauben Sie, daß Luther, Lessing und andere Heroen des germanischen Geistes keinen biblischen und, wie ein Historiker doch nun einmal sagen muß, semitischen Geistesfunken in sich hatten? Wie Ihre Rhetorik Sie zu Übertreibungen führt, ist aus folgendem, nehmen Sie mir die Bezeichnung nicht übel, lächerlichen Ausrufe zu ersehen: "Wir haben erlebt, daß die Beseitigung christlicher Bilder, ja die Einführung der Sabbathfeier in gemischten Schulen verlangt wurde." Also weil in ein Paar Orten die jüdischen Gemeinden ihre besonderen Schulen zu Gunsten einer gemeinschaftlichen aufgaben und dabei mit den städtischen Behörden eine gewisse Rücksicht in der Stundenlegung für jüdische Lehrer und Schüler vereinbarten, ohne daß dem Schul-Unterrichte am Sabbath irgendwie Abbruch geschah, sprechen Sie von einem Erlebniß, als handelte es sich um die Judaisirung von Europa. "Hört es, Ihr Völker Alle!" Wenden wir uns aber im Ernste zu den Völkern. Sie scheinen auf Ihrer Reise gemerkt zu haben, daß unser edles Land bei den Culturvölkern Europa's durch die Judenhetzer lächerlich gemacht wird, daß die Marr, die Stöcker u. s. w. nicht gerade zur Erhöhung unseres nationalen Ruhmes beitragen. Da rufen Sie den Völkern zu: "Ihr kennt uns nicht, Ihr lebt in glücklicheren Verhältnissen, Eure Juden, das sind ganz andere Juden". Herr Professor! Wie kommen Sie dazu, der rumänischen Intelligenz ihre besten Sachen zu nehmen? Den Theil Ihrer Rede kennt man in London und Paris schon seit Jahren auswendig. Wollen Sie es als Historiker beschwören, daß der elsässische Jude in "spanischen" Erinnerungen schwelgt, daß sein Bildungsniveau höher ist als das der Juden im übrigen Deutschland? Nun, und warum hat sich denn in Frankreich zur Zeit, als das Elsaß noch dahin gehörte, kein Treitschke'scher Schmerzensschrei erhoben zu dem Zwecke, die Juden aus ihren Menschenrechten zu drängen? Warum? Darauf haben Sie eine Antwort, die ich Ihnen unmöglich ungeprüft durchgehen lassen kann. Sie sagen: "über unsere Ostgrenze aber dringt Jahr für Jahr aus der unerschöpflichen polnischen Wiege eine Schaar strebsamer hosenverkaufender Jünglinge herein, deren Kinder und Kindeskinder dereinst Deutschlands Börsen und Zeitungen beherrschen sollen. Die Einwanderung wächst zusehends, und immer ernster wird die Frage, ob wir dies fremde Volksthum mit dem unseren verschmelzen können". Ich weiß nicht, aus welchem statistischen Material Sie diese Masseneinwanderung östlicher Juden geschöpft. Einstweilen erkläre ich Ihnen, daß Sie, wie häufig, "in majorem gloriam" übertreiben. Die Zunahme der jüdischen Bevölkerung in Deutschland ist durchaus nicht so massenhaft, wie Sie es schildern. Der polnische Jude, wenn er geht, geht mindestens ebenso häufig nach England, nach Frankreich, nach Amerika. Und gesetzt der Satz, der nicht bewiesen ist, wäre bewiesen, wie steht es mit Ihrer weiteren Behauptung: "Wir Deutschen aber haben es mit jenem polnischen Judenstamme zu thun, dem die Narben vielhundertjähriger christlicher Tyrannei sehr tief eingeprägt sind; er steht erfahrungsmäßig dem europäischen und namentlich dem germanischen Wesen ungleich fremder gegenüber ... ?" Ich setze dem entgegen: Ihre Erfahrung ist falsch. Der "polnische" Jude, das ist der "deutsche" Jude, der einst nach Polen getrieben worden. Wie zähe er an seinem Deutschthum festhielt, beweist der überraschende Umstand, daß die Juden in Polen und Rußland noch bis heutigen Tages deutsch, natürlich verdorbenes Deutsch reden. Sie haben mit rührender Treue immer wenigstens einen schmalen Verbindungscanal bis zu den Quellen deutscher Bildung sich offen gehalten. Und ich frage ferner: Wenn, wie Sie sich ausdrücken, "vielhundertjährige christliche Tyrannei" etwas an den Juden verschuldet, wie stimmt das mit Ihrem Gerechtigkeitssinn, daß die Nachkommen der Mißhandelten die Sünden ihrer Peiniger büßen müssen? Interpretiren Sie das für die Weltgeschichte ja gewiß bitter wahre biblische Wort: "Er sucht die Sünden der Väter heim an den Kindern", dahin, daß die Kinder büßen müssen, was anderer Leute Väter gesündigt? Das ganze Gerede übrigens von der Schwierigkeit der Verschmelzung ist professoraler Doctrinarismus. Daß wir hierländische Juden Orientalen sind, ist gerade so wahr, wie daß die heutigen Deutschen Asiaten sind. Wir sollen fremd sein, weil unsere Väter vor i 8oo Jahren muthmaßlich in Palästina gewesen. Ich sage muthmaßlich, weil es bekanntlich schon große jüdische Gemeinden vor der Entstehung des Christenthums in Europa gab, ja diese Thatsache die Verbreitung des Christenthums erst möglich machte. Damals hätte es Herrn Marr gelohnt, gegen die Juden vorzugehen, er hätte gleich das Christenthum mit erstickt. Kann denn Herr von Treitschke angeben, wo seine Väter vor i8oo Jahren waren? Wollen Sie, Herr Professor, einen körperlichen Eid leisten, daß Sie ein wirklicher Nachkomme der Germanen sind, die einst in den deutschen Eichenwäldern gelebt? Ich glaube nicht, daß Ihr Familienname damals bei den Germanen schon vorkommt. Baut sich denn eine heutige, eine moderne Nationalität aus lauter Menschen von gleicher Abstammung auf? Wollen Sie jedem Deutschen das Bürgerrecht versagen, dessen Backenknochen bezeugen, daß er von Mongolen stammt? Sind die Engländer keine große Nation, weil sie ein Mischvolk sind, ja sind sie nicht vielleicht gerade darum eine so große Nation? Friedrich Wilhelm der Große, gesegneten Andenkens, der Schöpfer der preußischen und mittelbar der deutschen Größe, wußte, daß die Franzosen keine Deutschen seien, und daß die Juden von Abraham stammen, aber darum nahm er wie die französische Refugié's, so auch die einst aus der Mark vertriebenen Juden wieder auf. Wollen Sie, Herr von Treitschke, uns Altpreußen wirklich als Preuße erscheinen, so ahmen Sie die preußischen Heroen, nicht die Krakehler nach. Sie scheinen ja ohnehin die "Menschenmäkelei" nicht consequent zu betreiben. Sie sprechen ja sogar von Ihren "jüdischen Freunden", von denen Sie merkwürdiger Weise voraussetzen, Sie würden Ihre Predigt gegen "jüdische Ueberhebung" in dem Momente für opportun finden, wo eine Preßverfolgung der ekelhaftesten Art, wie Sie selbst zugeben, gegen die Juden eingeleitet ist. Aber welchen Werth diese Voraussetzung hat, beweist die Thatsache, daß Sie sogar den Ekel, den Sie empfinden, gegen die Juden verwenden. Sie sagen: "Leider ist des Schmutzes und der Rohheit nur allzuviel in diesen Kreisen, und man kann sich des Ekels nicht erwehren, wenn man bemerkt, daß manche jener Brandschriften offenbar aus jüdischen Federn stammen". Manche! Wollen Sie uns nicht angeben, wie viel ungefähr von den ungezählten und ungemessenen Artikeln und Broschüren, die uns moralisch vernichten sollen, von Juden verfaßt sind? Ich gestehe, daß mir für den Glauben an so etwas die nöthige Phantasie fehlt und überlasse Ihnen das "onus probandi". Und wie schnell Sie diesen Ekel überwinden, was für eine kerngesunde Natur Sie haben! Kaum haben Sie Ihrer sittlichen Entrüstung einen wohl abgerundeten Ausdruck gegeben, so sind Sie ängstlich, man könnte am Ende meinen, daß sich "hinter diesem lärmenden Treiben wirklich nur Pöbelrohheit und Geschäftsneid" verbirgt. Dieser Supposition muß gesteuert werden. 1819 meinen Sie, ja da war es Rohheit, aber 1879 - lächerlich! Erlauben Sie, daß auch ich zu Worte komme. Wenn Sie unter "Pöbel" das in treuem Fleiße arbeitende Volk meinen, so gebe ich Ihnen Recht. Das Volk ist unschuldig an der Judenhetze, muß vielmehr, wie zu alten Zeiten, zum Hasse erst abgerichtet werden. Der Judenhaß war stets ein Giftstoff, der "absichtsvoll" von den Fanatikern sei es der Religion, sei es einer Doctrin, und von denen, die sich um des Vortheils willen Ihnen zu Diensten stellten, eingeimpft wurde. Wie einst unter den Westgothen in Spanien die Juden unangefochten lebten, Aemter bekleideten und Kriegsdienste verrichteten, bis diese Duldsamkeit künstlich zerstört und die berüchtigte westgothische Gesetzgebung gegen die Juden ausgesonnen wurde, so war es "immer". Daher die Erscheinung, daß heute, wo das Volk nicht mehr ganz Heerde ist, weder Bürger noch Arbeiter mit den "gebildeten Hetzern" gleichen Schritt halten können. Was Sie vom "Instinct der Massen" sagen, ist rhetorischer Schnickschnack. Die Masse hat, wenn man sie nicht verführt, den Instinct, daß der Jude an Humanität seinem christlichen Mitbürger nicht nachsteht. Es hieße ein Mißtrauen in Ihr publicistisches Geschick setzen, wollte man bezweifeln, daß Sie auch die Glagau'schen Lorbeeren sich um das Haupt winden und das Gründerunwesen ins Gefecht führen würden, das Unwesen, an dem "auch das Semitenthum einen großen Antheil hatte". Für einen Historiker ist hier der Ausdruck "Semitenthum" lächerlich, da das altjüdische Semitenthum gar keinen Handelsgeist hatte und lieber seinen Acker bebaute. Wie die Juden zum Handel kamen, werde ich doch einem Professor der Geschichte nicht erst expliciren dürfen. Ich zweifle nicht, unter den Gründern waren viel Juden aus dem einfachen Grunde, weil unter den Juden viele Kaufleute sind. Aber ich zweifle ebenso wenig, daß ein Theil derselben mit noch mehr Geneigtheit Präsidenten, Regierungsräthe, Stabsoffiziere, Posträthe u. s. w. werden würden, wenn man sie dazu machte. Etwas muß doch der Mensch sein dürfen. Und meinen Sie wirklich, daß das Vaterland keinen Nutzen hat von der Handelsthätigkeit der Juden? Ich bin kein Nationalökonom, Herr Professor, aber so viel verstehe ich doch davon, um die Erhöhung an Macht zu begreifen, die ein Land erfährt durch eine große Zahl fleißiger und intelligenter Kaufleute. Daß gerade die Juden so materialistisch gesinnt seien, werde ich Ihnen so lange nicht glauben, als ich ihre Treue gegen die ererbte Religion gewahre. Glauben Sie denn, daß die Juden blos um des Genusses willen, von Ihnen abgekanzelt zu werden, Juden bleiben? Wahrhaftig, hier können Sie die "Schuhe abziehen", hier ist heiliger Boden. Da Sie aber einmal bei dem Gründerthum waren, wäre es vielleicht ohne Schaden gewesen, wenn Sie sich erinnert hätten, daß das "Semitenthum" in der Kammer - um im neudeutschen Jargon zu reden - eine gar weithallende Stimme gegen das Gründungsunwesen erhoben. Meiner unmaßgeblichen Meinung nach hätte Ihnen das mehr Ehre gemacht, als der Hymnus, den Sie anstimmen, daß in Breslau Männer wie Lasker und Freund gerade als Juden nicht gewählt worden seien. Diese Ehrenmänner mögen Ihnen nicht sympathisch sein, aber als Patriot hätten Sie sich sagen müssen, daß in der weiten Welt der Name Lasker Deutschland mindestens so viel Ehre macht, wie der Ihrige. Für diesen Ausfall giebt es so wenig eine Rechtfertigung, wie für die famose Wendung, deren Sie sich später, nachdem Sie alles Mögliche gegen uns vorgebracht, bedienen: "Und wie Vieles ließe sich noch sagen". O, wir zweifeln nicht daran, daß Sie aus der Rüstkammer der nach Tausenden von Bänden zählenden judenfeindlichen Schriften alten und neuen Datums noch gar vieles Sagbare herholen könnten. Uebrigens können Sie sich beruhigen, Sie sagen ja genug. Einmal sogar etwas so Merkwürdiges, daß man an einen schlechten Spaß denkt. Da ist bei Ihnen der Satz zu lesen: "Kaum war die Emancipation errungen, so bestand man dreist auf seinem Schein". Also ein "Schein", sollte der "Schein" bleiben nach Ihrer Ansicht? Die Juden hätten, wenn es nach Ihnen gegangen wäre, sagen müssen: Wir wollten das Ghetto nur im Princip zerstört wissen, im Uebrigen bleibt Alles beim Alten, das öffentliche Leben geht uns nichts an, wir behalten die Ghettodemuth, eingedenk der historisch ja wohl unanfechtbaren Thatsache, daß Titus uns für so und so viel Groschen als Kammerknechte verkauft hat. Und das hätten Sie gebilligt, Herr von Treitschke? Sie citiren den Tacitus, Ihren Bruder in Apollo. Warum aber schlagen Sie ihn nicht nach? Warum citiren Sie ihn, wie ich glaube, aus Fichte, der ein mächtiger, großer Denker war, aber unter allen deutschen Philosophen der am wenigsten gelehrte? Was der große Römer in seinem heidnischen Grolle gegen das von ihm unverstandene junge Christenthum sagt, es seien seine Anhänger "überführt worden des Hasses gegen das ganze Menschengeschlecht", das führen Sie gegen uns an und prunken mit dem Citat "odium generis humani". Das ist eines so gelehrten Mannes, wie Sie sind, nicht würdig, das überlassen Sie den vielen Ignoranten, die in Judenhaß machen. Ob es ferner wahr ist, daß die Juden eine zu große Herrschaft in der Presse haben, das kann ich wegen meiner fehlenden Beziehungen zur Presse nicht sagen. Philippson jedoch, dem ich mehr Objectivität und Sachkunde darin zutraue als Ihnen, Herr Professor, bestreitet das. Aus eigenem Wissen constatire ich, daß das Judenthum als solches in keinem politischen Journal auch nur mehr als die flüchtigste Rücksichtnahme erfährt. Daß es ein Judenthum in Deutschland gebe mit culturellen Einrichtungen u. s. w., das würde man, von den religiös-jüdischen Fachblättern abgesehen, fast nur aus ausgeschriebenen Vacanzen für Cultusämter ersehen. Sie citiren das Geschichtswerk von Grätz, um die Fehler des modernen Juden zu zeigen. Aber wir sind nicht identisch mit Grätz, so hoch wir auch seine wissenschaftlichen Verdienste anschlagen. Grätz hat die Fehler seiner Tugenden, er hat ein heißblütiges Temperament und ist durch Specialstudien über das jüdische Mittelalter etwas bitter. Was wollen Sie? Grätz hat auch "pectus" und Sie wissen, mit solchen Männern geht die Feder bisweilen durch. So viel Anklang sonst sein Geschichtswerk gefunden, gerade nach der Richtung, die Ihnen mißfällt, hat er uns Juden entschieden nicht aus der Seele gesprochen. Studiren Sie doch einmal die moderne jüdische Literatur, ich bin überzeugt, Sie werden milder urtheilen. Dagegen darf ich Ihnen Folgendes nicht vorenthalten. In den edelsten Büchern christlicher Gelehrten, namentlich auch Theologen, in Büchern, in denen ich mit Freuden lese, werden Sie die wegwerfendsten Bezeichnungen finden, so oft von Juden und Judenthum die Rede ist. Ich weiß schon, daß Sie staunen werden über diesen meinen kecken Vergleich. Wozu ist denn das Judenthum da, wenn nicht, um als Folie zu dienen? Indeß daß wir mit dieser providentiellen Bestimmung, die man uns giebt, nicht ganz einverstanden sind, werden Sie vielleicht zugeben. Regt sich auch einmal bei uns ein Unmuth, so ist es wahrlich natürlich. Indeß, es ist das ein Capitel, über das zu reden "peinlich" ist, um Ihre Worte zu gebrauchen. Aber ich frage Sie: "quis tulerit Gracchos de seditione querentes". Sie predigen uns Toleranz? Ist das nicht ein Hohn? Ich behaupte es dreist, daß ein jüdischer Prediger, der es wagen würde, intolerant gegen christliche Mitbürger zu werden, in ganz Deutschland nicht die Aussicht hätte, den kleinsten Rabbinatssitz zu bekommen. Es wage es einmal Einer bei uns in der Religionsstunde, Haß gegen Andersgläubige zu säen statt Liebe, er könnte sich sofort sein Ränzel schnüren. Wir haben Fehler wie alle Menschen, aber unsere Fehler sind gar nicht asiatisch, sondern sehr europäisch, gar nicht antik, sondern sehr modern. Sie haben selbst gefühlt, Herr Professor, daß Ihre Expectorationen doch schließlich ein greifbares Ziel haben müssen. Man frägt: Was will Herr von Treitschke? Soll man uns austreiben? Soll man uns die "geschenkten" Menschenrechte - eine wundervolle Vorstellung vom Wesen des Rechts - soll man uns die "geschenkten Rechte" wieder nehmen? Nein, so etwas sagt ein eleganter Schriftsteller nicht, diese gröbere Arbeit überläßt man gröberen Leuten. Sie wollen uns nur ermahnen, tolerant zu sein und Ihre Gefühle zu schonen. Nun, wir haben auch Gefühle, der Jude ist sozusagen auch ein Mensch. Vielleicht kommt einmal ein Jahrhundert, wo selbst große Schriftsteller das einsehen. |
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Erwiderung an Herrn von Treischke von Heinrich Graetz Sie haben im Novemberheft der Preußischen Jahrbücher in einem politischen Artikel auch eine nur wenig in Baumwolle gewickelte Angriffswaffe gegen Juden in Deutschland geschwungen. Ihr Artikel ist im Grunde nach gewissen nicht mißverständlichen Wendungen eine Anklage gegen die Gesammtjudenheit. Diese abzuwehren, ist aber, nicht meine Aufgabe heute. Aber, das kann ich nicht unterdrücken: Der Genius des deutschen Volkes möge Ihnen verzeihen, daß Sie das unüberlegte Wort ausgesprochen haben: Die Juden seien ein Unglück für das deutsche Volk. Sie stellen damit diesem Volke ein wenig schmeichelhaftes Zeugniß aus, das dieses in seiner Kernhaftigkeit mit Unwillen zurückweisen wird. Wie? 40 Millionen Deutsche sollen in Gefahr sein, von einen Handvoll Juden corrumpirt und entsittlicht zu werden? Es ist ein Schimpf, den Sie ihnen anthun, wie Sie überhaupt dieses Heldenvolk beleidigen, indem Sie ihm volles Nationalgefühl absprechen. Was sollen Franzosen und Russen dazu sagen? Auch der Genius der Menschheit möge Ihnen verzeihen, daß Sie in einer, wie Sie meinen, leidenschaftlich erregten Zeit mit diesem Schlagwort den Fanatismus der Menge gegen eine schwache Minorität zu schüren sich nicht scheuten. Glücklicherweise stehen die Sachen anders. Die Bewegung gegen die Juden ist keineswegs tief und groß. Zählen oder wägen Sie die judenfeindlichen Stimmen, denen Sie sich zugesellen - auch ohne Vergleich mit den judenfreundlichen - und Sie müssen finden, daß sie ebenso vereinzelt, wie wenig bedeutend sind. Der Ausfall der Nachwahl in Breslau ist keineswegs ein Symptom, sondern nur Folge eines verunglückten Wahlmanövers. - Doch das ist nicht meine Sache hier. Nur als Historiker dem Historiker gegenüber will ich einige von Ihnen aufgestellte Motivirungen beleuchten. Sie berufen sich für ihre judenfeindliche Antipathie auf Tacitus' Ausspruch gegen Juden: odium generis humani: Sie sollten aber wissen, daß dieser einseitige römisch-aristokratische Geschichtsschreiber diesen Ausdruck nur von den Christen gebraucht, da, wo er von deren Verfolgung unter Nero erzählt: . . . correpti (Christiani) haud perinde in crimine incendii, quam odio humani generis convicti sunt. Sie behaupten ferner, die Juden des Westens und Südens (Sie nennen sie cavaliermäßig Israeliten) d. h. die in Frankreich, England und Italien wohnenden Juden sind deswegen edle Menschen und gute Patrioten, weil sie vermöge ihrer verhältnißmäßig stolzen Geschichte sich der abendländischen Weise ziemlich leicht eingefügt hätten, die Juden in Deutschland dagegen, vom polnischen Judenstamme, "denen die Narben vielhundertjähriger christlicher Tyrannei eingeprägt seien, stünden erfahrungsgemäß dem europäischen und namentlich dem germanischen Wesen ungleich fremder gegenüber". Nehmen Sie es nicht übel, es ist ein historischer Schnitzer. Meine Geschichte, die Sie doch gelesen haben wollen, hätte Sie darüber eines Besseren belehren können. Abgesehen davon, daß die Mehrzahl der französischen Juden deutschen Ursprungs sind, haben die spanischen und portugiesischen Juden unendlich mehr und länger von der "christlichen Tyrannei" gelitten, als die polnischen. Diese haben von der Zeit ihrer Ansiedlung an bei Königen, Fürsten und auch beim Volke Duldung genossen. Erst im 17. Jahrhundert erlitten sie blutige Verfolgungen, aber nicht von den Polen, sondern von wilden Kosakenhorden. Judengemetzel wegen Hostienschändung und Christenkindermord kamen in Polen äußerst selten und Ausweisung niemals vor. Die Juden der pyrenäischen Halbinsel dagegen haben vom 14ten Jahrhundert an blutige Verfolgungen erlitten und diese endeten damit, daß ein großer Theil aus dem Lande gejagt und der kleinere mit empörender Grausamkeit zum Christenthum gezwungen wurde. Gegen diese wüthete bis ins 18. Jahrhundert hinein das Feuer der Scheiterhaufen und die Schmach des San Benito. Von diesem Geschlechte der Marranen, der gewaltthätig bekehrten Juden, entstammt die Mehrzahl der Israeliten des Südens und Westens, die sich in das europäische Wesen hineingelebt haben trotz der Narben vielhundertjähriger christlicher Tyrannei. Die aus Polen eingewanderten Juden aber haben keine Narben mitgebracht, sie haben sich auch mehr germanisirt und sind ungleich patriotischer als die Wasserpolaken in Oberschlesien und andere slavische Stämme in Deutschhand. Auch Ihre Behauptung von der Einwanderung hosenverkaufender polnisch-jüdischer Jünglinge ist unrichtig. Statistiker werden Ihnen durch Zahlen belegen, wie wenig Juden gegenwärtig vom Osten nach Deutschland übersiedeln. In Galizien genießen die Juden thatsächlich die Gleichstellung voll und uneingeschränkt und verspüren wenig Lust zur Auswanderung; ihre intelligenten Söhne steigen nicht selten zum Offiziersrang auf; Rußland läßt keinen militärpflichtigen Jüngling über die Grenze. Woher kommen also die hosenverkaufenden Jünglinge? Sie sind in Ihrer statistischen Motivirung ebenso unglücklich, wie in der historischen. Doch dieses nur nebenher. Hauptsächlich will ich hier meine eigene Sache vertreten. Sie haben meine "Geschichte der Juden" unverantwortlicher Weise als christenfeindlich angeklagt. Da ich nicht voraussetzen darf, daß alle edler denkenden Christen die zwölf Bände meiner Geschichte gelesen haben oder lesen werden und vielleicht Ihrer so entschieden ausgesprochenen Anschuldigung Glauben schenken könnten, so bin ich genöthigt, sie mit der Schärfe, welche das Bewußtsein der Unschuld eingiebt, in das rechte Licht zu setzen. Der von Ihnen gebrauchte Ausdruck, daß in meiner Geschichte eine fanatische Wuth gegen den "Erbfeind", das Christenthum, enthalten sei, ist, parlamentarisch gesprochen, eine Illoyalität. Dieses von Ihnen unterstrichene Wort, kommt in keinem Theile meiner Geschichte vor. Ich hatte es nicht mit der Gegenwart, sondern mit der Vergangenheit zu thun, ich hatte die tausendfachen, blutigen, unbarmherzigen Verfolgungen gegen meine Stamm- und Religionsgenossen zu erzählen und wollte sie der Wahrheit gemäß erzählen. Hätte ich die Geschichte fälschen sollen? Wenn Sie meine Geschichte der Juden gelesen haben, so müssen Sie auch meine Darstellung vom Urchristenthum gelesen haben. Haben Sie da auch nur ein entfernt anstößiges Wort gefunden? Ich mußte allerdings auch von dem späteren Christenthum sprechen, von dem gefälschten Christenthum, dem Christenthum der Lieblosigkeit, der Herzenshärte, der Menschenschlächterei, welches das Wort seines Meisters von hingebender Menschenliebe, Milde und Demuth verläugnet hatte. Ich hatte die tausendfachen Leiden der Juden durch dieses Christenthum zu schildern, habe mit Gefühlswärme geschildert, und kein Blatt vor den Mund genommen. Wenn Sie selbst den Grund der Verfolgung der Juden "christliche Tyrannei" nennen, wie dürfte ich ihn verschweigen oder vertuschen, der ich aus den unmittelbaren Martyrologien geschöpft und gewissermaßen die Aussagen aus dem röchelnden Munde der zu Tode Verbluteten aufgefangen habe? Illoyal ist Ihre vom Zaum gebrochene Anschuldigung gegen meine Geschichtsdarstellung, daß sie "Todhaß gerade wider die reinsten und mächtigsten Vertreter deutschen Wesens von Luther bis herab auf Goethe und Fichte" enthalte. Ich habe im Gegentheil die überwältigende Größe dieser Heroen ins rechte Licht gesetzt. Von Luther, schrieb ich (Band IX, Seite 191 fg.): "Diese Natur war beherrscht von Gottdurchdrungenheit, von einer in dieser Zeit beispiellosen Hingebung an Gott und die Anforderung des Glaubens ... auch von einem fleckenlosen Wandel und wahrhafter Demuth!" Athmen diese Worte Todhaß? Aus Luthers kleiner Schrift: daß Jesus ein geborener Jude gewesen, zog ich einen Passus aus (S. 211), der recht zeitgemäß ist: "Unsere Narren, die Papisten ... haben bisher also mit den Juden verfahren, daß wer ein guter Christ gewesen, hätte wohl mögen ein Jud werden, und wenn ich ein Jude gewesen wäre und hätte solche Tölpel und Knebel das Christenthum regieren und lehren gesehen, so wäre ich eher, eine Sau geworden, als ein Christ." Durfte ich aber nach diesem verschweigen, was Luther 20 Jahre später in der Hitze des Kampfes gegen auftauchende Sectirer und gereizt durch eine anonyme polemische Schrift eines Unitariers (hinter der Luther einen jüdischen Autor vermuthet hatte) im Widerspruche mit seinen eigenen Worten Liebloses gegen Juden geschrieben und gepredigt hat? Er verlangte, daß man ihre Synagogen einriß, ihnen sogar die heiligen Schriften entziehe, ihre Häuser zerstöre, sie in einen Stall wie Zigeuner einsperre und noch viel Härteres. Sie werden doch nicht für Luther Unfehlbarkeit beanspruchen? Ist es überhaupt eines Historikers würdig, in der treuen Geschichtserzählung Blasphemie zu suchen? Ebenso illoyal ist das, was Sie meiner Geschichte bezüglich Goethe's und Fichte's vorwerfen. Als zu Ende des vorigen Jahrhunderts die Juden in Frankreich und Holland bereits völlig gleichgestellt waren, und Dohm seine bahnbrechende Schrift zu Gunsten der Emancipation der Juden in Deutschland veröffentlicht hatte, handelte es sich in diesem Lande zunächst darum, ihnen die tief ins Fleisch schneidenden Fesseln zu lösen, den Leibzoll aufzuheben, der sie mit Schweinen in einen Rang stellte. Hätte man da nicht von den deutschen Kraftgeistern ein kräftiges Wort der Humanität erwarten sollen, wie es Klopstock gesprochen hatte? Aber statt dessen erwiesen sich Goethe und Fichte judenfeindlich. Ich sagte von ihnen: "Zwei Männer ersten Ranges, der größte Dichter und der größte Denker jener Zeit, Goethe und Fichte, beide zwar mit dem Christenthum zerfallen und als Atheisten geltend, verabscheuten nichtsdestoweniger, die Juden im Namen Jesu". Ist das "Todhaß", wenn man die Thatsachen der Geschichte erzählt? Was Sie sonst noch gegen mich bezüglich der, von Börne und Heine ausgegangenen Veredelung der deutschen Prosa vorbringen, ist Geschmackssache. Darf man auch nicht von ihrem Einflusse auf den deutschen Stil sprechen, ohne sich den Vorwurf des "Todhasses" zuzuziehen? Mit Ihrer Anklage gegen jüdische Überhebung von der Sie so viel Redens machen, gehen Sie mit Lord Beaconsfield, gegenwärtig Ministerpräsident Ihrer britannischen Majestät, zu Gerichte. Kein jüdischer, noch so national gesinnter Literat der Gegenwart hat den stolzen Satz geschrieben, der in Disraeli's Schriften so oft vorkommt: "Sie können nicht eine reine Rasse von kaukasischer Organisation zerstören. Es ist ein physiologisches Factum, ein Naturgesetz, welches die egyptischen und assyrischen Könige, römische Kaiser und christliche Inquisitoren beschämt hat. Kein Strafgesetz, keine physische Tortur kann bewirken, daß eine höhere Rasse von einer niederen aufgesogen oder zerstört werde." Rechten Sie mir Lord Beaconsfield oder mit einem Naturgesetz. Zum Schlusse will ich Ihnen nur noch das eine Wort sagen. Sie nennen mich einen Fanatiker. Bei eingehender, Selbstprüfung müßten Sie finden, wo der "Fanatiker" steckt. 7. Dezember 1879 |
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Herr Graetz und sein Judenthum von Heinrich von Treitschke [Auszug] Als ich die letzte tagespolitische Uehersicht der Jahrbücher mit einigen Bemerkungen über das deutsche Judenthum abschloß, hegte ich keineswegs den Ehrgeiz, irgend etwas Neues zu sagen. Ich führte vielmehr nur, einige Gedanken näher aus, welche ich schon vor acht Jahren in der vierten Auflage meiner historischen und politischen Aufsätze (III. 557) ausgesprochen habe. Die Bemerkung über das umgekehrte Hep-hep-Geschrei unserer Zeitungen, welche heute so viel Zorn erregt, findet sich schon dort; das Wiederholen gehört nun einmal zu den leidigen Pflichten des Publicisten. Meine Absicht war lediglich, zu zeigen, daß nicht blos Roheit, Neid, nationale und religiöse Vorurtheile an jener Bewegung schuld sind, welche heute unverkennbar unser gutmüthiges Volk ergriffen hat, sondern daß der wachsende Uebermuth eines Theiles der deutschen Juden selbst in den Schichten der Nation, welche an der vollzogenen Emancipation kein Jota ändern wollen, schwere Besorgnisse und einen tiefen Unwillen hervorgerufen hat, dessen stetiges Anwachsen jeder nüchterne Beobachter unseres Volkslehens schon seit Jahren bemerken konnte. Wenn gleichwohl meine einfachen Worte einen Sturm von erbitterten Erklärungen beraufbeschworen haben, so wird damit nur bewiesen, daß die deutsche Judenfrage, deren Dasein man abzuleugnen sucht, in der That vorhanden ist. Allen diesen Erwiderungen gemeinsam ist die vollendete Selbstgerechtigkeit; in keiner wird auch nur die Frage aufgeworfen, ob die Haltung des Judenthums selber nicht vielleicht doch einige Mitschuld trägt an dem Unfrieden des Augenblicks. Den meisten steht es überdies auf der Stirn geschrieben, daß ihre Verfasser sich nicht einmal die Mühe genommen haben, meine kurzen vier Seiten zu lesen und trotzdem sich berechtigt, glaubten, auf Grund einiger, von den Zeitungen herausgerissener Sätze, das ganze Füllhorn deutscher Entrüstungssuperlative über mich herabzuschütten. Ich begnüge mich, von dieser Thatsache Akt zu nehmen; sie liefen eine erwünschte Bestätigung und Ergänzung zu Allem, was ich über das jüdische Literatenthum gesagt, und - zu Allem, was ich aus Schonung verschwiegen habe. Da ich an meinen Behauptungen nichts zu mildern oder zurückzunehmen weiß, so will ich die Geduld der Leser nicht mißbrauchen und mich lediglich mit einer jener Erwiderungen befassen, mit dem offenen Briefe des Herrn Professors Graetz - nicht weil sich dies Schriftstück irgendwie durch Mäßigung vor den anderen auszeichnete, sondern weil mir die Betrachtung der Gedanken dieses Schriftstellers den willkommenen Anlaß giebt, unseren Lesern mit höchster Bestimmtheit zu zeigen, um was es sich in diesem Streite eigentlich handelt. [...] "Romanas autem soliti contemnere leges Judaicum ediscunt et servant ac metuunt jus -" Heute ist der unselige Kampf beendet, die bürgerliche Gleichberechtigung der Juden in allen Culturstaaten längst durchgesetzt, und ich kenne in Deutschland keinen verständigen Politiker, der diese vollzogene Thatsache umstoßen möchte. Die deutschen Juden erfreuen sich der unbeschränkten Freiheit ihres Cultus; Niemand stört sie in ihren alten Sitten und Traditionen, noch in ihrer eigenthümlichen kosmopolitischen Wissenschaft; der bürgerliche Verkehr nimmt sogar auf ihren Sabbath, der doch unleugbar eine für uns Christen sehr lästige Einrichtung ist, vielfach Rücksicht. Aber mit der vollzogenen Emancipation ist auch der alte Anspruch der Juden, eine Nation für sich zu sein, gänzlich hinfällig geworden. In diesem Jahrhundert der, nationalen Staatsbildungen können die europäischen Juden nur dann eine friedliche und der Gesittung förderliche Rolle spielen, wenn sie sich entschließen - soweit Religion, Ueberlieferung und Stammesart dies erlaubt - in den Culturvölkern, deren Sprache sie reden, aufzugehen. Jedermann erkennt willig an, daß ein Theil der, deutschen Juden diesen nothwendigen Entschluß längst gefaßt hat und darnach handelt; aber ein anderer, ein sehr einflußreicher Theil unseres Judenthums denkt durchaus nicht so. Zum Beweise dessen erlaube ich mir, auf den elften Band der Geschichte der Juden des Herrn Graetz einen Blick zu werfen. Da jedes große Volk nur, aus seinem eigenen Wesen heraus gerecht beurtheilt werden kann, so muß ein Historiker, der die deutschen Dinge vom specifisch jüdischen Standpunkte betrachtet, unvermeidlich Manches schief und einseitig auffassen; wenn Herr Graetz unseren Lessing als "den größten Mann, den Deutschland his dahin erzeugt hatte", bezeichnet, so ist das freilich grundfalsch, jedoch im Munde eines eifrigen Israeliten sehr begreiflich. Desgleichen wird ein solcher Schriftsteller über das Christenthum oft scharf sprechen, Uebertritte seiner Glaubensgenossen streng verurtheilen müssen; ja selbst einige Bitterkeit und manche Ungerechtigkeiten mag man ihm nachsehen, da er so viel Trauriges zu berichten hat. Nur zwei Forderungen dürfen wir an ihn stellen: daß seine Polemik gegen die Religion der ungeheuren Mehrheit seiner deutschen Landsleute die Schranken der Mäßigung nicht gänzlich überschreite, und daß er von dem Volke, dessen milde Gesetze ihn selber beschützen, mit einiger Achtung und Schonung rede. Wie genügt Herr Graetz diesen bescheidenen Ansprüchen? Sein Band predigt von der ersten bis zur letzten Seite Haß, wilden Haß gegen das Christenthum und hoffärtige, herausfordernde Verachtung gegen das deutsche Volk. Ich sagte neulich, Herr Graetz nenne das Christenthum den Erbfeind. Er aber antwortet mir mit der heiligen Entrüstung tief gekränkter Unschuld, dies Wort komme in seinem Buche gar nicht vor. Nun wohl, hätte ich mit Herrn Graetz einen Wechselprozeß auszufechten, so müßte ich unterliegen; denn sein Schein ist buchstäblich in Ordnung, der meine leidet an einem kleinen Formfehler. Vor dem sittlichen Urtheile unserer Leser hoffe ich jedoch zu bestehen, wenn ich bekenne, daß ich den Band schon im letzten Sommer gelesen und mir keine Notizen daraus gemacht habe; so hat mir denn mein Gedächtniß den unverzeihlichen Streich gespielt - - die beiden Buchstaben b und z zu verwechseln. Herr Graetz nennt das Christenthum allerdings nicht den Erbfeind (wenigstens ist mir beim nochmaligen Durchblättern dieser Ausdruck nicht aufgefallen) - wohl aber "den Erzfeind, welcher das Heil vom Judenthum empfangen hatte und es dafür einkerkerte und anspie" (S. 389). Erbfeind oder Erzfeind - was ist wohl milder, anständiger, würdiger eines Mannes, der beständig über christliche Unduldsamkeit eifert? Und jene Stelle steht keineswegs allein, sie giebt vielmehr den Ton an, worauf der ganze Band gestimmt ist. Wenn Juden sich taufen lassen, so "gehen sie ins feindliche Lager über" (172) oder "sie verlassen die Quelle lebendigen Wassers um sich Labung aus übertünchten Gruben zu holen" (183). Und so sprudeln die Schmähreden weiter über "die übermüthige Tochter der geknechteten Mutter", "den gekreuzigten Gott", und "die Kluft, welche das Christenthum zwischen sich und der Vernunft gehöhlt hat". Dann wird rundweg für unwahr erklärt, daß das Christenthum die allgemeine Menschenliebe und die Brüderlichkeit predige (197); und wieder: "faktisch war kein Jude ein Shylock, wohl aber ein Christ". Wenn Israel Jacobsohn einige deutsche Gebete und die Confirmation (das "Ableiern des Glaubensbekenntnisses" sagt unser Buch) in die Synagoge einführt, so ist Herr Graetz damit nicht einverstanden. Ich rechte nicht mit ihm, da ich mich grundsätzlich nicht in die inneren Angelegenheiten eines fremden Cultus mische. Aber auch hier wieder der gleiche Ton: Herr Graetz findet es "beschämend und lächerlich, der ergrauten Mutter den schimmernden Plunder der Tochter umzuwerfen, der sie mehr entstellte als zierte" (412). Nach solchen Aeßerungen über das Christenthum können die maßvollen Urtheile über unsere Theologen nicht mehr befremden. Schleiermachers Reden über die Religion - jene geniale Schrift, mit der das Wiedererwachen des kirchlichen Sinnes unter den gebildeten Protestanten begann - werden bezeichnet als "die Zwillingsschrift" von Friedrich Schlegels Lucinde, dem nahezu frivolsten Buche unserer gesammten Literatur; und da Schleiermacher bekanntlich viele Berliner Juden zum "Christeln" verführte (so drückt unser Buch sich aus), so stellt Herr Graetz die Wirksamkeit dieses Mannes in Vergleichung mit dem Astarte-Cultus! (181 ff.) Inmitten dieser Kraftleistungen versichert er endlich, es sei "dummes Vorurtheil oder Verlogenheit, daß das Judenthum Christenhaß predige." Mancher Leser mag vielleicht dem Glaubenseifer Alles zu gute halten; für seine Schmähungen wider Deutschland hingegen kann Herr Graetz eine solche Entschuldigung nicht beanspruchen. "Die Germanen, diese Erfinder der Leibeigenschaft, des Feudal-Adels und des gemeinen Knechtssinns" - so schildert er uns (260). Demgemäß war der junge Börne durch den patriotischen "Taumel schon so sehr verdeutscht, daß er blinden Gehorsam predigte" (376). Der gereifte Börne aber und Heinrich Heine wurden die "zwei Racheengel, welche mit feurigen Ruthen die Querköpfigkeit der Deutschen peitschten und ihre Armseligkeit schonungslos aufdeckten" (367). Unsere germanische Urzeit riß den Feind Tacitus zur Bewunderung hin, diesem deutschen Staatsbürger ist sie "ein grauenhaftes mittelalterliches Gespenst" (329). Herr Graetz gesteht offen ein, daß er Deutschland mit nichten als sein Vaterland betrachtet; er schildert den trefflichen Gabriel Riesser als das merkwürdige Beispiel eines Juden, der in seinem zufälligen Geburtslande vollständig aufging," und fügt herablassend hinzu: Riesser "theilte die Beschränktheit deutschen Wesens, die Vertrauensseligkeit, die pedantische Ueberlegtheit und die Scheu vor rascher That" (471). Allerdings ist Herr Graetz, wie er in seinem offenen Briefe hervorhebt, einmal so freundlich Goethe und Fichte zwei Männer ersten Ranges zu nennen; doch er verschweigt, mit welchen gehässigen Worten er auf S. 245 ff. diesen Beiden zu Leibe geht; er verschweigt seine anmuthigen Bemerkungen über "die giftige Frucht von Fichte's Samen" (361). Er erzählt, wie die Juden unserer polnischen Provinzen im Winter, von 1806/7 dem Landesfeinde Vorschuh leisteten und fragt dann zuversichtlich: "Hätten sie etwa dem preußischen Königshause für jenes Gesetz treu und dankbar sein sollen, welches ihnen neue Beschränkungen aufgelegt und sie nur der Willkür des polnischen Adels entzogen hatte um sie dem Hochmuth des preußischen Beamtenthums zu überliefern?" (294). Er wird mich also gar nicht verstehen, wenn ich trocken antworte: allerdings hätten sie treu sein sollen. Er begnügt sich nicht, die Thatsachen unserer Geschichte gehässig zu verzerren; er scheut auch vor Erfindungen nicht zurück, wenn sie zur Verunglimpfung unseres Volkes geeignet scheinen. Wenn der Kopenhagener Pöbel im Jahre 1819 die Juden mißhandelt, so ist er "möglicherweise von deutschen Kaufleuten aufgestachelt" - eine Verdächtigung, wofür nicht der Schatten eines Beweises vorliegt. Wenn dagegen der ehrwürdige Thibaut und die Heidelberger Studenten mit Gefahr ihres Lebens die verfolgten Juden gegen den Pöbel beschützen, so sind diese Deutschen "vielleicht durch Berührung mit Frankreich menschlicher gestimmt"; und doch muß Herr Graetz wissen, daß Thibaut ein erklärter Franzosenfeind war und die Heidelberger akademische Jugend damals, von französischen Ideen noch völlig unberührt, ganz ebenso christlich-germanisch dachte wie die jungen Teutonen von Jena oder Breslau. Und zu Alledem noch dieser unbeschreiblich freche und hämische Ton: der Mann schüttelt sich vor Vergnügen, so oft er den Deutschen etwas recht Unfläthiges sagen kann. Hand in Hand mit solchem Unglimpf gegen Deutschland geht eine ungeheuere Ueberhebung. Herr Graetz wird nicht müde, seine Stammgenossen zum "Ahnenstolze" zu ermahnen, ihnen von ihrem "uralten Adel" zu sprechen. Ich habe nichts dawider, aber wer also denkt hat doch wohl nicht das Recht, uns Germanen als "Erfinder des Feudal-Adels" zu brandmarken? Herr Graetz behauptet, Moses Mendelssohn habe zuerst den Gedanken gefunden, daß die Religion keine Zwangsmittel anwenden dürfe, und fährt triumphirend fort: "das war bisher innerhalb des Christenthums Niemand eingefallen". Ja wohl, weder Grotius noch Leibnitz, weder Coornhert noch Bayle, weder Milton noch Locke, weder Pufendorf noch Thomasius waren auf diesen Einfall gekommen! Nachdem Herr Graetz uns gelehrt, Lessing sei der größte Deutsche gewesen, versichert er erhaben: "Börne war mehr als Lessing." Wir haben also die Freude, in Börne den allergrößten Sohn deutscher Erde zu verehren, werden jedoch in solchem Genusse sogleich gestört, da der Verfasser uns ausdrücklich erklärt, Börne sei keineswegs ein Deutscher, sondern ein Jude. Nun frage ich: kann ein Mann, der also denkt und schreibt, selber für einen Deutschen gelten? Nein, Herr Graetz ist ein Fremdling auf dem Boden "seines zufälligen Geburtslandes" ein Orientale, der unser Volk weder versteht noch verstehen will; er hat mit uns nichts gemein, als daß er unser Staatsbürgerrecht besitzt und sich unserer Muttersprache bedient - freilich um uns zu verlästern. Wenn Leute dieses Schlages, die von dem Geiste Nathans des Weisen gar nichts ahnen, ihren Haß und ihren Stammesdünkel hinter dem Namen Lessings, des Deutschen und des Christen zu verschanzen suchen, so schänden sie das Grab eines Helden unserer Nation. Das Buch des Herrn Graetz aber wird leider von einem Theile unseres Judenthums als ein standard work angesehen, und was er mit der Plumpheit des Zeloten herauspoltert, das wiederholt sich in unzähligen Artikeln jüdischer Journalisten, in der Form gehässiger Witzelei gegen Christenthum und Germanenthum. Zum Schluß hebt Herr Graetz nochmals hervor, daß die Juden ein Volk Gottes sind, und faßt dann seine Pläne für die Zukunft zusammen in dem Satze: "Die Anerkennung der Juden als vollberechtigte Glieder ist bereits so ziemlich durchgedrungen; die Anerkennung des Judenthums aber unterliegt noch schweren Kämpfen." Um diesen Gedanken noch durchsichtiger zu machen, citirt er in seinem offenen Briefe frohlockend jenen bescheidenen Ausspruch Benjamin Disraelis, der die Juden als "eine höhere Rasse", den europäischen Völkern gegenüber, preist. Da das Judenthum als Religionsgenossenschaft bei uns längst anerkannt ist, so kann die Forderung des Herrn Graetz schlechterdings nur bedeuten: Anerkennung des Judenthums als einer Nation in und neben der deutschen. Auf einen solchen Anspruch muß aber jeder Deutsche, dem sein Christenthum und sein Volksthum heilig ist, kurzab erwiedern: Niemals! Unser Staat hat in den Juden nie etwas anderes gesehen als eine Glaubensgenossenschaft, und er kann von diesem allein haltbaren Rechtsbegriffe unter keinen Umständen abgehen; er hat ihnen die bürgerliche Gleichberechtigung nur zugestanden in der Erwartung, daß sie sich bestreben würden, ihren Mitbürgern gleich zu sein. Unsere alte Cultur ist reich und duldsam genug, um viele starke Widersprüche zu ertragen: wie die Bekenner jener Kirche, die sich für die allein seligmachende hält, friedlich mit den Ketzern zusammenleben, so können wir es auch gleichmüthig hinnehmen, wenn ein Theil unserer Mitbürger sich in der Stille für das auserwählte Volk ansieht. Tritt aber dieser Rassendünkel auf den Markt hinaus, beansprucht das Judenthum gar Anerkennung seiner Nationalität, so bricht der Rechtsboden zusammen, auf dem die Emancipation ruht. Zur Erfüllung solcher Wünsche giebt es nur ein Mittel: Auswanderung, Begründung eines jüdischen Staates irgendwo im Auslande, der dann zusehen mag, ob er sich die Anerkennung anderer Nationen erwirbt. Auf deutschem Boden ist für eine Doppel-Nationalität kein Raum. An der tausendjährigen Arbeit deutscher Staatenbildung haben die Juden bis auf die allerneueste Zeit herab gar keinen Antheil genommen. Auch in den drei großen Epochen geistigen Schaffens, welche den Charakter unserer Cultur bestimmten, in der Blüthezeit mittelalterlicher Dichtung, im Reformationszeitalter, in der classischen Literaturepoche spielten die Juden entweder keine oder eine untergeordnete Rolle. Als sie zuerst anfingen in Staat und Literatur bei uns etwas zu bedeuten, fanden sie die Fundamente germanischer Gesittung längst gesichert vor, und für sie, wie für den doch wohl nicht minder begabten Stamm der eingewanderten Franzosen, ergab sich die Nothwendigkeit sich zu germanisiren. Viele von ihnen sind seitdem als deutsch Gelehrte und Künstler, als Träger deutscher Bildung zu verdientem Ansehen gelangt. Herr Graetz und die ihm gleichen gehen andere Wege. Doch unsere öffentliche Meinung beginnt endlich wachsam zu werden. Nur noch wenige Jahre, und sie wird so weit erstarkt sein, daß jene Schimpfreden wider den "germanischen Ur-Mob", welche heute durch die jüdische Presse gehen, in Deutschland ebenso unmöglich werden wie sie in England schon längst undenkbar sind. 15. December 1879 |
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Zur Judenfrage. von Harry Breslau [Auszug] Sehr geehrter Herr College! Ich fürchte nicht Ihrem Widerspruch zu begegnen, wenn ich bei den nachfolgenden Erörterungen von einer Voraussetzung ausgehe. Sie werden mit mir darin übereinstimmen, daß die Judenfrage in der Weise, wie sie heute auftritt, keine religiöse, sondern eine Frage der Nationalität, wenn Sie wollen, der Race ist. Indem Sie selbst von getauften und ungetauften Juden reden, in dem Sie Felix Mendelssohn und Börne trotz ihres Uebertritts zum Christenthum zu den Juden rechnen, indem Sie an uns nur die Aufforderung richten, Deutsche zu werden, uns aber das Festhalten an unserer Religion gestatten wollen, bereiten Sie den gemeinsamen Boden, auf dem es mir erst möglich ist, in die Discussion mit Ihnen einzutreten: über Fragen religiöser Natur mir Ihnen zu streiten, würde es mir so an der Neigung wie an dem Berufe gefehlt haben. Wie Sie selbst werde ich demnach den Ausdruck Jude nur zur Bezeichnung der Abkunft, nicht der Religion anwenden[1]; wenn ich mich nicht des neuerdings in Aufnahme gekommenen Namens Semit bediene, so geschieht das nicht, weil ich gegen denselben irgend eine besondere Abneigung hätte, sondern nur weil er mir doch sehr wenig passend zu sein scheint. Ihnen ist es ja sehr wohl bekannt, daß die Begriffe Jude und Semit sich in keiner Weise decken, daß wir über die Charaktereigenschaften der zum Semitenstamme gehörigen Völker zum Theil nur sehr schlecht unterrichtet sind, und daß jedenfalls manche derselben sich nicht weniger scharf und bestimmt von einander unterscheiden, als Germanen und Slaven, Inder und Kelten. Wenn trotzdem auch Sie gelegentlich in unserer Frage den Ausdruck Semit anwenden, so kann ich darin nur eine Concession an einen zwar populären, aber darum nicht minder ungenauen Sprachgebrauch erkennen, in der ich Ihnen nicht zu folgen gedenke. "Vor wenigen Monaten", so beginnen Sie Ihre Ausführungen, "herrschte in Deutschland noch das berufene 'umgekehrte Hep-Hep-Geschrei'. Ueber die Nationalfehler der Deutschen, der Franzosen und aller anderen Völker durfte Jedermann ungescheut das Härteste sagen; wer sich aber unterstand, über irgend eine unleugbare Schwäche des jüdischen Charakters gerecht und maßvoll zu reden, ward sofort von der gesammten Presse als Barbar und Religionsverfolger gebrandmarkt". Dem gegenüber heben Sie es hervor, wie die Sache heute doch ganz anders stehe. Der Instinct der Massen habe eine schwere Gefahr, einen hochbedenklichen Schaden des neuen deutschen Lebens richtig erkannt, es sei keine leere Redensart, wenn man heute von einer deutschen Judenfrage rede. Und dem entsprechend sagen Sie (S. 575), die laute Agitation des Augenblicks erscheine als eine zwar brutale und gehässige, aber natürliche Reaction des germanischen Volksgeistes gegen ein fremdes Element, das in unserem Leben einen zu breiten Raum eingenommen habe; sie habe das Verdienst den Bann einer stillen Unwahrheit von uns genommen zu haben; es sei schon ein Gewinn, daß ein Uebel, das jeder fühlte, aber niemand berühren wollte, jetzt öffentlich besprochen werde. Nichts in Ihrem ganzen Aufsatz hat mich in höheres Erstaunen versetzt, als diese Zeilen. Leben wir denn wirklich so schnell, daß selbst ein Historiker, von Ihrer Bedeutung Dinge, die sich erst vor kurzer Zeit vor seinen Augen ereignet haben, die damals nicht geringes Aufsehen erregten, so völlig vergessen haben kann? Um so nöthiger aber ist es Ursprung und Charakter der gegenwärtigen Judenagitation klarzulegen, damit nicht unter der machtvollen Einwirkung einer Autorität, wie die Ihrige ist, gänzlich irrige Ansichten darüber sich festsetzen. Die Judenhetze des neuen deutschen Reichs ist mit nichten erst wenige Monate alt: sie ist entstanden im Jahre 1875. Zum Johnnisquartalwechsel dieses Jahres veröffentlichte die "Kreuzzeitung" ihre vielberufenen fünf Artikel über die Aera Bleichröder-Camphausen-Delbrück, welche die Germania (1875, Nr. 185) sehr treffend als "Artikel über die Judenwirthschaft in Preußen und Deutschland" bezeichnete. Ihre Tendenz ist bekannt. Sie enthielten die schärfsten Angriffe gegen die finanzielle und wirthschaftliche Politik der damaligen preußischen und deutschen Regierung. Es wurde beabsichtigt, zu zeigen, daß dieselbe bewußt oder unbewußt unter dem mächtigen Einflusse einer Anzahl von Juden stehe; man hoffte, daß man die in weiten Kreisen des Volkes schlummernden Vorurtheile gegen die Juden zur Untergrabung der Autorität der Regierung benutzen könne, welche man bekämpfte. Der Gedanke war zu schlau und zu niederträchtig, als daß er nicht alsbald hätte Nachahmung finden sollen. Auf hochconservativer und hochorthodoxer Seite stimmte seit dem November 1875 der "Reichsbote" ein (vgl. Germania Nr. 271). Schon vorher hatte nicht nur die "Deutsche Eisenbahnzeitung" des Herrn Gehlsen, die nachmalige "Reichsglocke", sondern auch die "Deutsche Landeszeitung" des Herrn M. A. Niendorf, das Hauptorgan der damals noch nicht in hoher Gnade stehenden agrarischen Partei sich in gleichem Sinne vernehmen lassen; am 14. September erhielt die letztere von der "Germania" das Compliment, daß sie im Kampfe gegen den Schwindel der Geldmacht und des Judenthums unermüdlich sei. Die "Germania" selbst begann die Serie ihrer eigentlichen Judenartikel am 17. August; der Plan der "Kreuzzeitung" war ihr offenbar sehr sympathisch; in fast naiver Weise verrieth sie in dem ersten Artikel ihre Absicht mit folgenden Worten: Dies, sehr geehrter Herr College, ist die Entstehungsgeschichte, dies der Charakter der neuesten deutschen Judenhetze. Werden Sie mir nicht zustimmen müssen, wenn ich behaupte, daß dieselbe nicht aus dem Instinct der Massen hervorgegangen, sondern unter Benutzung alter Vorurtheile von bestimmten politischen Parteien zu bestimmten politischen Zwecken künstlich in dieselben hineingetragen ist? Was Sie bis zum Schluß des Jahres 1875 an derselben betheiligt finden, die extremen Blätter derjenigen Parteien, welche der Reichspolitik und dem leitenden Staatsmann die schärfste Opposition machten, deckt sich nahezu mit dem, was man damals unter dem Namen Reichsfeinde zusammenzufassen pflegte. Ich meine, für den Patriotismus und die nationale Gesinnung der Juden, in dem Sinne wie Sie und ich sie verstehen, kann es kaum ein vollgiltigeres Zeugniß geben! Schon im Herbst 1875 (vgl. "Germania" vom 9. October) warnte ein kleines schlesisches Blatt, die "Ratibor Leobschützer Zeitung" die Juden, sich am Culturkampf zu betheiligen. "Sie haben", so äußerte sich die Zeitung, "offenbar nicht daran gedacht, daß sich die beiden Parteien eines schönen Tages vertragen und auf ihrem (der Juden) Rücken ein Compromiß schließen könnten". Noch vermag ich nicht zu glauben, daß wir schon so weit gekommen sind! [...] In welchem gedanklichen Zusammenhange Sie nun aber in unmittelbarem Anschluß an die Erwähnung der jüdischen Wucherer die Behauptung aufstellen, daß unter den führenden Männern in Kunst und Wissenschaft die Zahl der Juden nicht sehr groß sei, um so stärker die betriebsame Schaar der Talente dritten Ranges, das ist mir nicht völlig klar geworden. Groß und sehr groß sind so relative und subjective Begriffe, daß ich ganz davon absehe, Ihnen einzelne hervorragende Namen zu nennen, deren die deutschen Juden auf allen Gebieten der Kunst und Wissenschaft sich zu rühmen haben. Aber vielleicht gestatten Sie mir eine andere Bemerkung. An den deutschen Hochschuhen wirken gegenwärtig, wie der Universitätskalender aufweist, gegen 70 Professoren rein jüdischer Abkunft; darunter namhafte Vertreter aller Disciplinen, der protestantischen Theologie und der Jurisprudenz, der Philosophie und Philologie, der Geschichte und Mathematik, der Medicin und der Naturwissenschaften. Diese Zahl - und gewiß werden Sie nicht geneigt sein, so viele Ihrer Collegen unter die betriebsame Schaar der Talente dritten Ranges zu verweisen - ist allerdings, wie jede unbefangene Betrachtung anerkennen wird, groß; sie beträgt im Verhältniß zu der Gesammtzahl deutscher Professoren mehr als dreimal so viel, als nach den Bevölkerungsziffern erwartet werden sollte; gerade ihre Größe wird uns von anderen Gegnern zum Vorwurf gemacht. Ich glaube damit gezeigt zu haben, daß die Juden nicht blos an dem materiellen, sondern auch an dem geistigen Kapital der deutschen Nation einen guten Antheil haben. Alle diese Männer mühen sich in redlicher Arbeit zur Ehre des deutschen Namens und zur Förderung des größten Ruhmes unserer Nation, der deutschen Wissenschaft; - und alle diese Männer, welche die bisherigen Agitationen mit Gleichmuth betrachtet haben, muß Ihr Artikel aufs tiefste verletzen! Zu den seit langer Zeit in jeder antijüdischen Schrift wiederkehrenden Angriffen gehören die Klagen über die "Judenpresse", und dieselben nehmen denn auch in Ihrem Aufsatze einen breiten Raum ein. "Zehn Jahre lang", sagen Sie, "wurde die öffentliche Meinung in vielen deutschen Städten zumeist durch jüdische Federn >gemacht<; es war ein Unglück für die liberale Partei und einer der Gründe ihres Verfalls, daß gerade ihre Presse dem Judenthum einen viel zu großen Spielraum gewährte. Der nothwendige Rückschlag gegen diesen unnatürlichen Zustand ist die gegenwärtige Ohnmacht der Presse; der kleine Mann läßt sich nicht mehr ausreden, daß die Juden die Zeitungen schreiben, darum will er ihnen nichts mehr glauben". Das letztere mag zum Theil richtig sein; ich weiß sehr wohl, daß z. B. die ultramontanen und auch ein Theil der hochorthodoxen Zeitungen seit Jahren die Aeußerungen der liberalen Organe dadurch zu discreditiren suchen, daß sie frischweg behaupten, dieselben seien Judenblätter; mit welcher Keckheit dabei zu Wege gegangen wurde, beweist z. B. die Thatsache, daß die ultramontane "Kölnische Volks-Zeitung" ihre liberale Gegnerin, die "Kölnische Zeitung", als ein Judenblatt bezeichnete, obwohl gerade hier streng darauf gehalten worden ist, daß kein Jude der Redaction angehörte, oder daß der hiesige "Reichsbote" noch vor Kurzem der "National-Zeitung" als "dem Blatt des Herrn Dr. Salomon" die Competenz zur Besprechung kirchlicher Angelegenheiten bestritt, obwohl er wissen mußte, daß die kirchenpolitische Haltung dieser Zeitung von ihrem Verleger nach keiner Richtung und in keiner Weise beeinflußt wird. Sie ersehen schon hieraus, wie wenig glaubwürdig derlei ultramontane Behauptungen im Allgemeinen sind, und es wäre vielleicht wünschenswerth gewesen, statt dieselben einfach zu wiederholen, eine Untersuchung über diese wichtige Frage anzustellen. Leicht ist das ja bei der Anonymität unserer Zeitungen nicht, zumal für Jemanden, der, wie ich, völlig außerhalb der journalistischen Kreise steht; indessen einiges habe ich doch durch Mittheilungen sachkundiger Männer in Erfahrung gebracht. Man hat mir gesagt, daß allerdings unter den Journalisten, welche als Correspondenten und Reporter die Presse bedienen, die Juden sehr zahlreich vertreten seien, aber das ist natürlich nicht entscheidend: Correspondenten und Reporter bestimmen Haltung und Ton einer Zeitung nicht, sondern haben sich diejenige Haltung und denjenigen Ton anzueignen, den die Redaction vorschreibt, oder sich gefallen zu lassen, daß ihre Mittheilungen in diesem Sinne geändert werden. In Betracht kommt also für die Beurtheilung des Einflusses der Juden auf die Presse so gut wie ausschließlich ihre Vertretung in den Redactionen; und da habe ich denn die mich selbst geradezu überraschende Thatsache erfahren, daß in der Mehrzahl der älteren, größeren und einflußreicheren Organe der liberalen und freiconservativen Presse die Juden in den Redactionen fast garnicht vertreten sind. Ich nenne speciell die "Vossische Zeitung", die "National-Zeitung", und die "Post" in Berlin, die "Köhnische" und die frühere "Rheinische Zeitung" im Westen, die "Augsburger Allgemeine Zeitung", die "Augsburger Abendzeitung", den "Schwäbischen Merkur", die "Süddeutsche Presse", die "Badische Landeszeitung" im Süden, den "Hamburger Correspondenten", den "Hannöverschen Courier", die "Weser-Zeitung" im Norden, die "Magdeburger Zeitung", die Leipziger "Deutsche Allgemeine Zeitung", die "Hessische Morgen-Zeitung" im Centrum, die "Schlesische Zeitung", die "Breslauer Zeitung", die "Neue Stettiner Zeitung", die "Danziger Zeitung" im Osten Deutschlands. Bei allen diesen Blättern sind, wie wir mitgetheilt wird, die Juden garnicht, oder nur in verschwindend geringer Zahl in der Redaction vertreten. So sind es doch von wenigen Ausnahmen abgesehen, zumeist nur jüngere Blätter und solche zweiten und dritten Ranges, an welche Sie bei Ihrer Behauptung gedacht haben können; ich fürchte, Sie haben aus den Verhältnissen in Berlin allgemeine Schlüsse auf die Herrschaft der Juden in der deutschen Presse gezogen, die ich als berechtigt nicht anerkennen kann. Aber auch wenn die Zahl der jüdischen Redacteure größer wäre, als sie in Wirklichkeit zu sein scheint, so würde ich doch nicht zugeben können, daß dies von vornherein ein Unglück wäre; daß es unter denselben sehr kenntnißreiche und ehrenwerthe Männer giebt, werden Sie gewiß nicht in Abrede stellen. Eine Schwierigkeit liegt dabei allerdings vor: wie soll sich ein jüdischer Redacteur bei der Erörterung von Angelegenheiten der christlichen Kirche verhalten? Daß er sie ganz von der Besprechung in seinem Blatte ausschließe, ist natürlich von vornherein unmöglich; eine Zeitung, die heute, da die kirchlichen Fragen so brennend geworden sind und in unserm öffentlichen Leben einen so großen Raum einnehmen, auf die Discussion derselben ganz verzichten wollte, würde ihren Leserkreis gar bald verlieren. Es gehört das größte Tactgefühl dazu, diese Dinge in der richtigen Weise zu behandeln, und ich gebe Ihnen bereitwillig zu, daß dieser Tact nicht immer beobachtet worden ist; es kann Sie nicht mit größerer Entrüstung erfüllt haben, als mich und viele meiner Gesinnungsgenossen, wie z. B. der "Berliner Börsencourier" in dieser Beziehung verfahren ist. Aber ist das nicht vielmehr auf einen allgemeinen Mißstand in unserem Preßwesen zurückzuführen, als auf besondere Mängel der jüdischen Journalisten? Unsere Presse - und dasselbe gilt nach meiner Kenntniß der Dinge nicht minder von der französischen und englischen Journalistik - beschäftigt neben einer großen Anzahl hochbedeutender und charaktervoller Männer, auch eine gewisse Zahl jener catilinarischen Existenzen, die hier leichter als in jedem andern Berufe eine lohnende Thätigkeit finden. Es wäre eine sehr verdienstvolle, wenn auch sehr schwierige Aufgabe, wirksame Vorschläge zur Hebung dieses in unserem öffentlichen Leben sehr fühlbaren Mißstandes zu machen - mit dem bloßen Schelten auf die Judenpresse ist es wahrhaftig nicht gethan! Um so weniger, als ich gewiß bin Ihre Zustimmung zu finden, wenn ich behaupte, daß die schlimmsten Ausschreitungen, deren sich unsere Zeitungen schuldig gemacht haben, nicht von den jüdischen Organen, sondern vielmehr gerade von denjenigen ausgegangen sind, die in der Judenhetze in vorderster Reihe stehen. Die Beispiele liegen ja nahe genug; nie hat in der Zeit, von der ich aus eigener Erfahrung reden kann, irgend ein jüdisches Preßerzeugnis an Perfidie der Polemik das römische Jesuitenblatt erreicht, das zur Schmach des deutschen Volkes den Namen "Germania" an der Spitze trägt, nie an Niedertracht der Verläumdung die "Reichsglocke" des Herrn Gehlsen oder an frecher Verhöhnung jedweden nationalen Gefühls das "Vaterland" des urgermanischen Herrn Dr. Sigl! Aber Sie meinen das Judenthum habe noch in anderer Beziehung einen verderblichen Einfluß auf die deutsche Presse ausgeübt. Börne zuerst habe in unsere Journalistik jenen eigenthümlich schamlosen Ton eingeführt, der über das Vaterland so von außen her ohne jede Ehrfurcht abspricht, als ob man selber gar nicht mit dazu gehöre. Indessen jene schneidige Selbstkritik, die bei Börne allerdings in besonders bemerkenswerther Weise hervortritt, ist, wie mir scheint, von jeher einer und, wie ich meine, nicht der schlechteste Zug deutschen Charakters gewesen. Daß ich von Anderen schweige: wie unbarmherzig, um mit Ihren eigenen Worten zu reden, hat nicht schon vor zwei Jahrhunderten der von Ihnen mit Recht so hochgeschätzte Samuel von Pufendorf die Blöße seines eigenen Landes vor aller Welt aufgedeckt, er, der die Maske des frivolen Italieners vornahm, um desto unbefangener die Zustände Deutschlands kritisiren zu können, gleich als ob er gar nicht mit dazu gehöre! Und wenn Sie es bei der Besprechung von Pufendorf's Schriften ausdrücklich hervorheben, daß der überlegene Hohn von jeher das Vorrecht großer Publicisten gewesen, so scheint es mir nicht billig, Börne, der von jenem an heißer Gluth der Vaterlandsliebe sicherlich nicht übertroffen wurde, mit anderem Maße zu messen. Und wenn ich schließlich mit Ihnen der Ansicht bin, daß Börne's Einfluß auf die deutsche Journalistik ein sehr bedeutender gewesen ist, so haben doch andere Factoren weit bestimmender auf dieselbe eingewirkt. Es hat Ihnen gewiß nicht entgehen können, wie sehr unsere Presse namentlich seit der Julirevolution durch das Vorbild der Pariser beeinflußt worden ist; hat sie dieser ohne Frage eine oder die andere gute Eigenschaft zu verdanken, so ist es mir doch zweifellos, daß andererseits der vielfach in derselben eingerissene frivole Ton - eine der unerfreulichsten Erscheinungen unserer Zeit - wesentlich hierauf zurückzuführen sein wird. Börne nahm es mit seiner Aufgabe alle Zeit sehr ernst. Ich denke alle wichtigeren Punkte, die in ihren Erörterungen über die Judenfrage begegnen, im Vorstehenden unbefangen und vorurtheilsfrei geprüft zu haben,[5] so weit das bei der starken Erregung möglich ist, die sich angesichts der gegenwärtigen Agitation jedes deutschen Juden bemächtigen mußte: jedenfalls werden Sie mir nicht den Vorwurf machen können, daß ich mich zum unbedingten Apologeten unseres Judenthums habe machen wollen. Um so entschiedener und nachdrücklicher aber muß ich gegen den geradezu ungeheuerlichen Schlußsatz protestiren, in welchem Sie die Kritik desselben zusammenfassen und der gleichsam die scharfe Spitze Ihrer Ausführungen bildet. "Bis in die Kreise unserer höchsten Bildung hinauf", sagen Sie, "unter Männern, die jeden Gedanken kirchlicher Unduldsamkeit oder nationalen Hochmuths mit Abscheu von sich weisen würden, ertönt es heute wie aus einem Munde: die Juden sind unser Unglück!" Man muß diesen Satz in seinen einzelnen Bestandtheilen prüfen, um seine Tragweite völlig zu ermessen. Nicht auf die althergebrachten, von den Vätern ererbten und auf die Kinder verpflanzten Vorurtheile gegen die Juden, die in weiten Kreisen unseres Volkes herrschen, beziehen Sie Sich, sondern auf die wohlerwogene Ueberzeugung von Männern, die an der Spitze der geistigen Bewegung der deutschen Nation stehen. Nicht vereinzelt, meinen Sie, herrsche in diesen Kreisen eine Antipathie gegen die Juden, sondern dieselbe verschaffe sich einen einmüthigen und einstimmigen Ausdruck. Nicht gegen einen einzelnen oder mehrere Fehler und Schwächen des deutschen Judenthums richte sich dieselbe, sondern gegen die Gesammtheit, die man kurzweg als unser Unglück, als das Unglück des deutschen Volks bezeichne. Dem ist zur Ehre des deutschen Volkes mit nichten so. Ich habe in den letzten Wochen Gelegenheit gehabt, mit manchem meiner christlichen Freunde, die nicht weniger Anspruch darauf haben, zu den Kreisen unserer höchsten Bildung zu zählen, als Sie selbst, über diese Angelegenheit Rücksprache zu nehmen - nicht einen habe ich gefunden, der Ihren Satz zu vertreten und auf sich zu beziehen geneigt gewesen wäre! An sich freilich sollte mich derselbe nicht Wunder nehmen. In Momenten, wie der gegenwärtige, da in dem Volke ein gewisses Unbehagen, eine allgemeine Unzufriedenheit mit seiner Lage Platz gegriffen hat, ist es von jeher beliebt gewesen, einen Sündenbock aufzusuchen, dem man die eigene und die fremde Schuld aufzubürden geneigt ist. In Deutschland haben dazu von Alters her die Juden dienen müssen. Wie man im 13. Jahrhundert den Verrath Deutschlands an die Mongolen, im 14. das Wüthen der Pest ihnen zur Last legte, so sind sie auch heute der bequeme Prügelknabe, der für Jedermann herhalten muß. Ihnen schreiben die Conservativen die Hauptschuld an unserer liberalen Gesetzgebung, die Ultramontanen an dem Culturkampfe zu; sie werden verantwortlich gemacht für die angebliche Corruption unserer Presse und unseres Buchhandels, für die wirthschaftliche Krisis, für den allgemeinen Nothstand und für den Verfall der Musik. Geht es doch so weit, daß sogar schon Herr Prof. Zöllner jüdischen Intriguen eine Mitschuld an dem geringen Fortschritt der spiritistischen Bewegung zuschreibt, und daß Herr Prof. Jäger es auf ein jüdisches Complot zurückführt, daß seine Seelen-Theorie nicht die ihr nach seiner Meinung gebührende Anerkennung gefunden hat. Es ist nur eine letzte Consequenz davon, wenn Sie Alles kurz und bündig in dem vernichtenden Ausdruck zusammenfassen: die Juden sind unser Unglück! Aber daß Sie, gerade Sie Sich dazu haben entschließen können, das war mir ein tiefer Schmerz und eine bittere Enttäuschung. Ihnen, sehr geehrter Herr College, weist der hohe Rang, den Sie in Wissenschaft und Politik einnehmen, eine verantwortungsvolle Stehlung zu. Mag dieser oder jener unbekannte Mensch ohne Namen und ohne Bedeutung sich mit der Wiederholung der schon hundert Mal wiederholten Anklagen und Beschuldigungen begnügen: wenn Sie Sich entschlossen, Sich an der Discussion über die Judenfrage zu betheiligen, so mußten Sie sagen, was denn geschehen solle, dieselbe zu lösen.[6] Solche positiven Vorschläge vermisse ich, wie im ganzen Verlauf Ihrer Darlegungen, so auch am Schluß derselben. Eine Aufhebung oder Beschränkung der Emancipation weisen Sie selbst als unmöglich und unwürdig zurück: und schließlich begnügen Sie Sich mit moralischen Ermahnungen und legen statt jedes anderen Vorschlages die Lösung in die Hände der Juden selbst, denen Sie noch einmal zurufen, Deutsche zu sein. Daß meine Stammesgenossen nach dieser Richtung hin an sich selbst arbeiten, werden Sie gewiß nicht in Abrede stellen; noch vor einem Jahrhundert war kaum ein oder der andere in Deutschland lebende Jude ein Deutscher, und heute geben Sie zu, daß es ihrer Viele zu ihrem und des deutschen Volkes Glücke geworden seien. Eine Schrift, wie die Ihrige freilich, die von gewandten Agitatoren geschickt ausgebeutet wird, kann nur dazu beitragen, die Schranken, welche zwischen Deutschen und Juden noch bestehen, zu erhöhen und zu befestigen, start sie einfernen zu helfen. Und doch könnten Sie und Ihre Gesinnungsgenossen erheblich dazu beitragen, die erwünschte Lösung der Frage, die sich natürlich nicht mit einem Male und sprungweise, sondern nur langsam und allmählich herausbilden kann, zu beschleunigen. Julian Schmidt hat einmal mit Recht hervor gehoben, wie man sich in Deutschland eine Gemeinvorstellung von den Juden gerade nach den niedrigsten Elementen bilde, denen man am häufigsten begegne. Die Juden, die man in der Literatur und auf der Bühne vorführt, sind entweder jene edlen und guten Gestalten, jene Ideale, die aber dann als Ausnahmen erscheinen, oder es sind Trödler, Hausirer und Wucherer, die durch ihre Sprache die Lachlust und durch ihr gemeines Gebahren die billige Entrüstung der Menge erregen. Jeder einzelne Jude muß sich somit, wie Schmidt bemerkt seine bürgerliche und gesellschaftliche Stellung erst von Neuein erkämpfen, und wenn er sie errungen hat, dann gilt auch er höchstens als eine Ausnahme, dem man, wie mir das noch vor kurzem von einem hochgebildeten, mir sehr wohlgesinnten Manne begegnet ist, ein zweifelhaftes Compliment macht, indem man ihm sagt, daß er doch eigentlich gar kein Jude sei. Mit der großen Masse der jüdischen städtischen Durchschnittsbevölkerung, die ohne den vordringlichen Luxus der Geldaristokratie und ohne den verkommenen Schmutz des Wucher- und Trödlerthums in stiller bürgerlicher Arbeitsamkeit lebt, ist man in christlichen Kreisen doch nur sehr wenig bekannt. Zu einfach und schlicht, vielfach auch durch manche herbe Erfahrung zu sehr eingeschüchtert, um jene Vorurtheile zu besiegen, die sie von ihren christlichen Mitbürgern trennen, ist diese Mehrzahl meiner, deutschen Stammesgenossen, abgesehen von den Beziehungen des geschäftlichen und öffentlichen Lebens, wesentlich auf sich selbst beschränkt und auf den Verkehr im eigenen Kreise angewiesen. Wenn es gelingen könnte, den Begriff Jude aus den Merkmalen zusammenzusetzen, welche diese Mittelklasse aufweist, ohne sich durch jene Ausnahmen nach oben und nach unten beeinflussen zu lassen, so wäre, glaube ich, die sog. Judenfrage ihrer Lösung erheblich näher gebracht. Dazu aber könnten Sie, sehr geehrter Herr College, dem die Gabe des Wortes in so hervorragendem Maße verliehen ist, sehr wesentlich beitragen: Sie würden Sich damit ein größeres Verdienst erwerben können, als indem Sie, wie immer absichtslos, einer lediglich agitatorischen Judenhetze die Autorität Ihres Namens leihen. H. Breßlau Fußnoten: [1] Um jedes Mißverständniß auszuschließen, bemerke ich, daß ich diejenigen im Sinne dieser Erörterungen als Juden betrachte, deren beide Eltern als Juden geboren sind.] |
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Noch einige Bemerkungen zur Judenfrage von Heinrich von Treitschke Tagaus tagein stürmt eine Heerschaar von Flugschriften und Zeitungsartikeln gegen die Schlußworte meiner November-Rundschau heran. Meine Gegner selber scheinen zu fühlen, daß die kaufmännische Regel "die Menge muß es bringen" in geistigen Kämpfen nicht genügt; denn nachdem jede Zeile meines Aufsatzes durch ebenso viele Druckbogen voller Widerlegungen getötet worden ist, tritt an jedem neuen Tage ein neuer Streiter auf und hält für nöthig, die Blutarbeit von vorn zu beginnen. Unter der Masse dieser Entgegnungen befindet sich eine, die ich mit aufrichtigem Bedauern gelesen habe: das würdig und sachlich gehaltene Sendschreiben meines Collegen Harry Breßlau. Als ich jenen Aufsatz schrieb, mußte ich unwillkürlich an einen verstorbenen Jugendfreund denken, einen guten Deutschen von jüdischer Abstammung, einen der treuesten, liebevollsten und uneigennützigsten Menschen, die ich je gekannt; ich richtete meine Worte so ein, als ob ich mit ihm spräche, und hoffte auf die Zustimmung jener Juden, die sich ohne Vorbehalt als Deutsche fühlen. Wenn ein so ganz deutsch gesinnter Mann, wie Breßlau, der meine Bemerkungen über die Auswüchse unseres Judenthums doch unmöglich auf sich beziehen kann, mir heute erklärt, daß er sich durch meine Worte tief gekränkt fühle, so sehe ich darin einen Beweis jener übertriebenen Empfindlichkeit, welche die deutschen Juden vor ihren französischen und englischen Stammgenossen auszeichnet. Diese Empfindlichkeit ist so krankhaft, daß man schließlich kaum noch weiß, mit welchem Namen man unsere israelitischen Mitbürger bezeichnen darf. Der Ausdruck Semit wird als eine schnöde Beleidigung zurückgewiesen; rede ich von Israeliten, so tadelt mich ein Breslauer Blatt wegen dieser hochmüthigen Cavalierphrase; ein jüdischer College an einer kleinen Universität hingegen, ein wohlmeinender Mann, der ähnlich denkt wie Breßlau, spricht mir die Hoffnung aus, es werde der beleidigende Name Jude ganz abkommen und künftig nur noch von Israeliten die Rede sein. Angesichts solcher Reizbarkeit bleibt uns wirklich nur der alte deutsche Trost: Aergerniß hin, Aergerniß her! Breßlau gelangt, obwohl er mir Einzelnes zugiebt, zuletzt doch zu dem Ergebniß, daß ich, befangen in einer unbegreiflichen Schrulle, meine Behauptungen aus der leeren Luft gegriffen hätte. Nun wohl; aber warum erregen dann diese willkürlichen Einfälle eines wunderlichen Heiligen nicht mitleidiges Lächeln, sondern einen unerhörten Sturm leidenschaftlicher Erwiderungen? Doch wohl nur, weil ein Theil der deutschen Judenschaft sich durch meine Worte getroffen fühlt, und weil man ahnt, daß ich keineswegs eine persönliche Ansicht ausgesprochen habe, sondern die Meinung von Hunderttausenden. Breßlau ist völlig im Irrthum, wenn er glaubt, die heutige Bewegung sei seit 1875 durch die Hochconservativen und Ultramontanen hervorgerufen worden. Sie ist in Wahrheit viel älteren Ursprungs; ich habe sie seit mehr als einem Jahrzehnt in der Stille anwachsen sehen. Seit vielen Jahren wird immer häufiger und immer leidenschaftlicher in den Gesprächen der guten Gesellschaft, ohne Unterschied der Partei, die Frage erörtert, wie wir unsere alte deutsche Art gegen die wachsende Macht und den wachsenden Uebermuth des Judenthums beschützen sollen. Wenn viele wackere Männer noch heute Bedenken tragen, ihre Meinung über die Frage öffentlich kundzugeben, so geschieht es nur, weil jene beiden extremen Parteien die vorhandene, in den weitesten Kreisen verbreitete Verstimmung für ihre Sonderzwecke auszubeuten suchen und nicht jedermann die Gefahr laufen mag, als ein Gesinnungsgenosse der Clericalen verrufen zu werden. Mir schien es umgekehrt wünschenswerth, daß einmal ein Mann, den man nicht mit den beliebten Schlagworten "unduldsamer Pfaff" oder "der Jude wird verbrannt" abfertigen kann, sich unumwunden über die gegenwärtige Bewegung ausspräche. Sollen wir etwa jene folgenschwere Veränderung unseres socialen Lebens, die sich vor unsern Augen vollzieht, nicht bemerken? Es bleibt dabei, daß in Berlin allein nahezu ebenso viel Juden leben wie in ganz Frankreich. Nach der neuesten mir zugänglichen amtlichen Zählung wohnten in Frankreich 49.439 Juden (was mit der etwas älteren Angabe Morpurgo's, die ich früher mittheilte, gut übereinstimmt), in Berlin im Jahre 1875: 45.464 Juden; die jüdische Bevölkerung unserer Hauptstadt hat sich seit 1811 auf das Vierzehnfache, die Gesammtzahl der Einwohner nur auf das Sechsfache vermehrt. Und dieser Stamm, der sich so mächtig in die Mittelpunkte unseres Staates und unserer Bildung hineindrängt, enthält außer sehr vielen achtungswerthen, gut patriotischen Leuten auch eine Schar von unverfälschten Orientalen, wie ich ihrer einen neulich nach seinen eigenen Worten schilderte, desgleichen einen Schwarm von heimathlosen internationalen Journalisten, sodann große, kosmopolitische Geldmächte - denn daß das Haus Rothschild mit Allem, was daran hängt, deutsch sei, wird doch wohl Niemand behaupten wollen - endlich manche schlechthin gemeinschädliche Elemente, von deren Bedeutung unsere mit jüdischen Wörtern so reich geschmückte Gaunersprache ein Zeugniß giebt. Die Emancipation hat insofern günstig gewirkt, als sie den Juden jeden Grund berechtigter Beschwerden entzog. Aber sie erschwert auch die Blutsvermischung, die doch zu allen Zeiten das wirksamste Mittel zur Ausgleichung der Stammesgegensätze war; die Zahl der Uebertritte zum Christenthum hat sich sehr verringert, und Mischehen zwischen Christen und ungetauften Juden werden immer nur seltene Ausnahmen bleiben so lange unser Volk seinen Christenglauben heilig hält. Die Juden sind dem neuen Deutschland Dank schuldig für das Werk der Befreiung; denn die Theilnahme an der Leitung des Staats ist keineswegs ein natürliches Recht aller Einwohner, sondern jeder Staat entscheidet darüber nach seinem freien Ermessen. Statt solcher Dankbarkeit sehen wir in einem Theile unseres Judenthums einen Geist des Hochmuths aufwuchern, der sich keineswegs blos in der nichtswürdigen Religionsspötterei einzelner Zeitungsschreiber äußert, sondern zuweilen schon gradezu versucht die christliche Mehrheit in der Freiheit ihres Glaubens zu beeinträchtigen. Aus vielen wohlbeglaubigten Beispielen nur eines, das kürzlich von den Zeitungen berichtet wurde. In Linz am Rhein besteht eine katholische Volksschule, die auch von einigen jüdischen Kindern besucht wird. Bei dem Religionsunterrichte, woran die Juden selbstverständlich nicht theilnehmen, benutzt der Lehrer ein Lehrbuch der biblischen Geschichte, das, dem Neuen Testamente gemäß, erzählt, wie Christus von den Juden unschuldig gekreuzigt wurde. Alsbald beschwert sich der Synagogenvorstand bei der Regierung und verlangt Beseitigung dieses Lehrbuchs, weil es Haß und Verachtung gegen die Juden errege. Also im Namen der Toleranz maßt sich die winzige Minderheit ein Recht des Einspruchs an gegen die Glaubenslehre der Christen; für sich selber fordert sie die unbeschränkte Freiheit. Ohne jeden Zweifel beurtheilt Breßlau Vorfälle dieser Art genau ebenso wie ich; aber darf er es uns Christen verargen, wenn wir meinen, es sei hohe Zeit, einer Gesinnung, die schon wenige Jahre nach der Emancipation solche Früchte zeitigt, offen entgegenzutreten, bevor der Terrorismus einer rührigen Minderzahl, ermuthigt durch unsere feige Geduld, uns über den Kopf wächst? Leider nöthigt mich Breßlau, noch einmal auf den Unterschied der beiden großen Stämme des europäischen Judenthums zurückzukommen. Er redet fast, als ob ich diesen Unterschied erfunden hätte. Was ich sagte ist aber aktenmäßig nachweisbar aus der Geschichte der französischen Gesetzgebung. Als die ersten Gemeinde- und Departementswahlen des Revolutionszeitalters herannahten, wurde der Nationalversammlung ein Gesetzentwurf vorgelegt, der allen Nicht-Katholiken das Wahlrecht und die Fähigkeit zur Bekleidung öffentlicher Aemter ertheilte. Maury und Rewbell, der EIsasser, beantragten die Juden von diesen Rechten auszuschließen, weil sie im Elsaß allzu verhaßt seien. Das Haus beschloß endlich, in das Gesetz, das am 24. December 1789 zu Stande kam, einen Satz aufzunehmen, kraft dessen die Constituante sich vorbehielt, über die Rechte der Juden später zu entscheiden. Nach abermaligen Berathungen folgte am 26. Januar 1790 das Gesetz "über die Juden des Südens": die sogenannten spanischen Juden (les Juifs connus en France sous le nom de Juifs portugais, espagnols et avignonais) erhielten das active Bürgerrecht. Gegen die deutschen Juden Frankreichs aber blieb jener Vorbehalt vom 24. December 1789 noch immer in Kraft, obgleich der Gedanke der égalité damals alle Köpfe beherrschte; sie erhielten die gesicherte Gleichberechtigung erst durch die Verfassung vom 3. September 1791. Aus diesen Thatsachen erhellt, daß die Franzosen den Stammesunterschied innerhalb des Judenthums sehr wohl kannten, daß die spanischen Juden bei dem christlichen Volke weniger verhaßt waren als die deutschen. Nun ist Südfrankreich bekanntlich das classische Land der religiösen Leidenschaften. Wie fürchterlich hat hier die Glaubenswuth gehaust die Jahrhunderte hindurch, in den Albigenser- und den Hugenottenkriegen; noch das achtzehnte Jahrhundert sah hier die Gräuel des Camisardenkampfes und die Hinrichtung des Jean Calas; noch im Jahre 1815 raste der weiße Schrecken durch das Land, in Nimes und Montpellier wurden die Protestanten von dem Pöbel ermordet. Wenn ein solches, durch fanatischen Glaubenseifer berühmtes Volk mit seinen Juden im Ganzen freundlicher lebte als die gutmüthigen Elsässer, die nach deutscher Weise schon längst an das friedliche Nebeneinander der Glaubensbekenntnisse gewöhnt und schon seit anderthalb Jahrhunderten dem Jammer der Religionskriege entwachsen waren, so ergiebt sich der unabweisbare Schluß, daß der spanische Judenstamm sich leichter als der deutsche in die abendländische Weise zu schicken wußte. Diese Haltung der spanischen Juden hat nachher, wie mir scheint, einen günstigen Einfluß ausgeübt auf die Stellung des Judenthums in Frankreich überhaupt, sowie auf die Sitten der später eingeströmten deutsch-jüdischen Einwanderung. Auch meine Bemerkungen über das Uebergewicht des Judenthums in der Tagespresse scheinen mir nicht widerlegt durch die Aufzählung der Zeitungen, die von Christen redigirt werden. Daß die Juden unter den Correspondenten ganz unverhältnißmäßig stark vertreten sind, giebt Breßlau selbst zu; wer aber das innere Getriebe unserer Zeitungen etwas näher kennt, der weiß auch, daß die Redacteure ihren Berichterstattern keineswegs so selbständig gegenüberstehen, wie Breßlau annimmt. Es kommt hier nicht blos in Betracht was die Zeitungen sagen, sondern auch was sie aus Furcht verschweigen. Viele Redactionen sind völlig außer Stande, sich der Ungnade ihrer jüdischen Correspondenten in Paris und London auszusetzen. Dazu die Rücksicht auf die Abonnenten. Die Schlesische Zeitung verlor im Sommer 1878 mit einem Schlage mehr als sechshundert jüdische Abonnenten, lediglich weil sie sich unterstanden hatte, über einige Aeußerungen jüdischer Ueberhebung ehrlich ihr Urtheil zu sagen. Endlich beziehen nahezu alle deutsche Zeitungen ihren Geschäftsgewinn aus den Inseraten, da der bei uns übliche allzu niedrige Abonnementspreis die Kosten nicht deckt; was aber die jüdische Kundschaft für diesen Zweig des journalistischen Geschäfts bedeutet, das lehrt ein Blick auf die vierte Seite unserer Lokalblätter. Ich selber bin über die stille sociale Macht des fest unter sich zusammenhaltenden Judenthums erst während der jüngsten Wochen ganz in's Klare gekommen - durch die Briefe von manchen achtungswerthen Männern, die mir ihre warme Zustimmung aussprechen, aber dringend um Verschweigung ihres Namens bitten, weil sie sich jüdischer Rachsucht nicht bloßstellen dürften. Nimmt man alle diese Verhältnisse zusammen, so wird erklärlich, warum ein großer Theil unserer liberalen Presse für die Ausschreitungen jüdischen Hochmuths nicht den zehnten Theil des Tadels übrig hat, der über jeden Fall christlicher Unduldsamkeit ausgeschüttet wird. Ich sagte: wir wollen nicht, daß auf die Jahrhunderte germanischer Gesittung ein Zeitalter deutsch-jüdischer Mischcultur folge. Breßlau wirft mir ein, unsere Gesittung sei bereits eine Mischcultur. Das scheint mir ein Spiel mit Worten. Allen modernen Völkern ist die Gedankenarbeit vergangener Jahrtausende zum Stab und zur Stütze gegeben. Unsere deutsche Gesittung fließt, wie Breßlau richtig bemerkt, aus den drei großen Quellen: des classischen Alterthums, des Christenthums und des Germanenthums; doch ist sie darum durchaus nicht eine Mischcultur, sondern wir haben die classischen wie die christlichen Ideale mit unserem eigenen Wesen so völlig verschmolzen, daß sie uns in Fleisch und Blut übergegangen sind. Wir wollen aber nicht, daß zu diesen drei Culturmächten noch das neujüdische Wesen als eine vierte hinzutrete; denn was im Judenthum, dem deutschen Genius zusagt, das ist schon längst durch die Vermittlung des Christenthums in unsere Gesittung aufgenommen worden. Wir wollen dies nicht; denn wir haben schon einmal bitter genug erfahren, daß der neujüdische Geist, wenn er sich dem unseren selbständig gegenüberstellt, unser Volk auf Abwege führt. In den Tagen des wie lucus a non lucendo sogenannten Jungen Deutschlands wurde unsere Literatur von Börne und Heine beherrscht. Je mehr wir uns aber von jener Epoche entfernen, je ruhiger wir sie betrachten, um so klarer erkennen wir, daß sie eine Zeit sittlichen und geistigen Verfalles war. Kein anderer Zeitraum unserer Literaturgeschichte seit Klopstock hat so wenig Bleibendes hinterlassen. Unheimische, radicale, abstracte Ideen drangen damals in unser Leben, eine sclavische Verehrung fremden Wesens ward im Namen der Freiheit gepredigt; und noch bis zum heutigen Tage arbeiten unsere besten geistigen Kräfte daran, die Nation von den undeutschen Idealen jener unfruchtbaren Epoche zu befreien und sie zu sich selber zurückzuführen. Breßlau täuscht sich, wenn er in Börne's Schriften den überlegenen Hohn Pufendorfs wiederzufinden glaubt. Dem Publicisten des jungen Deutschlands fehlt gänzlich die Ueberlegenheit, die immer auf der Sachkenntniß ruhen muß: welch ein Abstand zwischen Pufendorfs gründlichem Fleiße und der Oberflächlichkeit Börnes, der niemals über irgend eine politische Frage ernstlich nachgedacht und geforscht hat! Der Hohn aber ist in der Politik nur dann berechtigt, wenn er aus der heißen Liebe zum Vaterlande, aus einem festen Nationalstolze entspringt. Was verhöhnte Pufendorf? Die verrotteten Formen des heiligen Reichs, die hohle Nichtigkeit der Kleinstaaterei. Von der deutschen Nation aber sprach er mitten in den Tagen ihres tiefsten Verfalles nie anders als mit freudigem Stolze, und ihrem ersten Manne, dem Großen Kurfürsten, setzte er ein Denkmal, das dauern wird wie Schlüters Standbild. Börne dagegen riß den größten Deutschen seiner Tage, Goethe, als den gereimten Knecht in den Koth und beschimpfte die Deutschen, das Volk der Bedienten, mit der ganzen Frechheit eines Mannes, der sich ihnen innerlich fremd fühlte. Die Geschichte hat bereits gerichtet. Börne ist todt, seine Gedanken sind überwunden, seine Schriften liest Niemand mehr außer den Fachgelehrten; Heine lebt und wird leben. Warum? Nicht blos, weil Heine eine ungleich reichere Natur war als Börne, nicht blos, weil die Dichtung eine zähere Lebenskraft besitzt als die Schriften des Publicisten, sondern vor Allem, weil Heine weit mehr ein Deutscher war als Börne. Heine's unsterbliche Werke sind wahrhaftig nicht jene internationalen Witze, um derentwillen er le seul poète vraiment parisien genannt wurde, sondern die schlichtweg deutsch empfundenen Gedichte: so die Loreley, dies echte Kind deutscher Romantik, so jene herrlichen Verse: "Schon tausend Jahr aus Gräcia", die noch einmal Alles zusammenfaßten, was die Deutschen seit Winckelmann's Tagen über die Schönheit der hellenischen Welt gesungen und gesagt hatten. Heine ist sogar in seiner Sprache, wie alle unsere großen Schriftsteller, nicht ohne einen leisen landschaftlichen Anklang. Wie Goethe den Franken, Schiller den Schwaben nicht verleugnen kann, wie Lessing und Fichte, so grundverschieden unter sich, doch Beide unverkennbar Obersachsen sind, so zeigt sich Heine, wo seine Kraft rein zu Tage tritt, als der Sohn des Rheinlands. Börne hingegen redet jene abstracte journalistische Bildungssprache, die wohl glänzen und blenden kann, doch niemals wahrhaftig mächtig, niemals wahrhaft deutsch ist; ihr fehlt der Erdgeruch, die ursprüngliche Kraft; die Worte sinken nicht in des Hörers Seele. Heute haben die wirklich bedeutenden und gesunden Talente unter unseren jüdischen Künstlern und Gelehrten längst eingesehen, daß sie nur auf den Bahnen des deutschen Geistes Großes erreichen können, und sie handeln darnach. Nur die anmaßende Mittelmäßigkeit stellt sich mit der Miene eingebildeter Ueberlegenheit dem ritterlichen germanischen Esau gegenüber; sie versucht die Marktschreierei der Geschäftswelt in die Literatur, das Kauderwälsch der Börse in das Heiligthum unserer Sprache einzuführen. Wenn wir solchen Unarten der schlechten Elemente unseres Judenthums entgegentreten, so sollten Männer wie Breßlau uns unterstützen. Eine ernste und tiefe Meinungsverschiedenheit zwischen ihm und mir vermag ich nicht aufzufinden. Das Gleiche kann ich von der Streitschrift eines anderen Collegen leider nicht sagen. M. Lazarus geht in seinem Vortrage "Was ist national?" von dem unanfechtbaren Satze aus, daß das Wesen der Nationalität nicht in der Abstammung oder der Sprache allein zu suchen ist, sondern in dem zweifellosen, lebendigen Bewußtsein der Einheit. Aber obwohl er mit beredtem Pathos über die Bedeutung der Religion spricht, so läßt er sich doch nicht näher ein auf die schwierige Frage, inwieweit dies Bewußtsein der Einheit bei vollständiger Verschiedenheit des religiösen Gefühles möglich ist. Er nimmt vielmehr als erwiesen an, daß alle deutschen Juden in jedem Sinne Deutsche seien, und von dieser Behauptung gelangt er zu dem ungeheuerlichen Schlusse: "Das Judenthum ist ganz in demselben Sinne deutsch wie das Christenthum deutsch ist. Jede Nationalität umfaßt heute mehrere Religionen, wie jede Religion mehrere Nationalitäten." Hier muß ich rundweg widersprechen. Ich bin kein Anhänger der Lehre vom christlichen Staate, denn der Staat ist eine weltliche Ordnung und soll seine Macht auch gegen die Nicht-Christen mit unparteiischer Gerechtigkeit handhaben. Aber ganz unzweifelhaft sind wir Deutschen ein christliches Volk. Um diese Weltreligion unter den Heiden zu verbreiten vergossen unsere Ahnen ihr Blut in Strömen; um sie auszugestalten und fortzubilden litten und stritten sie als Bekenner und Helden. Mit jedem Schritte, den ich in der Erkenntniß der vaterländischen Geschichte vorwärts thue, wird mir klarer, wie fest das Christenthum mit allen Fasern des deutschen Volkes verwachsen ist; selbst der Unglaube, sofern er nicht in frivole Spötterei ausartet, vermag bei uns nicht den Boden des Christenthums ganz zu verlassen. Christliche Gedanken befruchten unsere Kunst und Wissenschaft; christlicher Geist lebt in allen gesunden Institutionen unseres Staates und unserer Gesellschaft. Das Judenthum dagegen ist die Nationalreligion eines uns ursprünglich fremden Stammes, seinem Wesen nach mehr zur Abwehr als zur Bekehrung geeignet und darum auch wesentlich auf die Stammgenossen beschränkt. An seiner Entwicklung nahmen die Deutschen durch die Jahrhunderte gar keinen Antheil; seine Ideen, soweit sie nicht in das Christenthum übergegangen sind, übten auf unseren Staat, unsere Gesittung gar keinen Einfluß. Wer Angesichts dieser offenkundigen Thatsachen behauptet, das Judenthum sei genau in demselben Sinne deutsch wie das Christenthum, der versündigt sich an der Herrlichkeit der deutschen Geschichte. Ebenso falsch ist, in solcher Allgemeinheit hingestellt, die Behauptung, daß jede Nationalität heute mehrere Religionen umfasse. Die bestgesitteten Nationen der Gegenwart, die westeuropäischen, sind allesammt christliche Völker. Jenes lebendige Bewußtsein der Einheit, das die Nationalität bedingt, kann sich der Regel nach nicht bilden unter Menschen, die über die höchsten und heiligsten Fragen des Gemüthslebens grundverschieden denken. Man stelle sich nur vor, daß die Hälfte unseres Volkes sich vom Christenthum lossagte: kein Zweifel, die deutsche Nation müßte zerfallen. Alles was wir deutsch nennen ginge in Trümmer. Lazarus beachtet nicht den Unterschied von Religion und Confession; er denkt sich die Begriffe: katholisch, protestantisch, jüdisch als coordinirt. Confessionelle Unterschiede innerhalb derselben Religion kann eine Nationalität allerdings ertragen - schwer genug freilich, wie die Leidensgeschichte Deutschlands zeigt. Der Gegensatz der Protestanten und Katholiken, wie gehässig er auch leider oft hervortritt, bleibt doch ein häuslicher Streit innerhalb des Christenthums; wir Protestanten haben mit unseren katholischen Landsleuten wesentliche Grundsätze christlicher Dogmatik und Moral gemein. Wenn unsere tapferen Väter nach heißem Kampfe das Schwert in die Scheide steckten und sich die Hände boten zu einem Religionsfrieden, dann setzten sie in den Vertrag regelmäßig die Clausel: donec per Dei gratiam de religione ipsa convenerit. So darf auch heute noch kein deutscher Christ die Hoffnung aufgeben, es werde dereinst eine reinere Form des Christenthums sich bilden, welche die getrennten Brüder wieder vereinigt. Hingegen das Bestehen mehrerer Religionen innerhalb einer Nationalität kommt wohl als ein Uebergangszustand vor; auf die Dauer ist es, wie die Geschichte aller abendländischen Culturvölker lehrt, nur da möglich, wo eine Religion die Regel bildet, die Andersgläubigen die Ausnahme, die verschwindende Minderheit. Dies ist die Lage des Judenthums im heutigen Westeuropa. Die christlichen Völker des Westens sind darum noch nicht christlich-jüdisch geworden, weil eine kleine Minderheit von Juden unter ihnen lebt. Sie mögen dieser Minderzahl alle staatsbürgerlichen Rechte und vollkommene Religionsfreiheit gewähren; doch sie bleiben auch nach der Judenemancipation berechtigt und verpflichtet, in dem angehobenen Gange ihrer christlichen Gesittung zu beharren, den christlichen Geist ihrer Institutionen zu bewahren. Es ist der Grundfehler des Lazarus'schen Vortrags, daß der Redner für alle diese Verhältnisse gar kein Auge hat, und die bescheidene Ausnahmestellung, welche dem Judenthum, in der christlichen Culturwelt gebührt, hochmüthig verkennt. Von den übrigen Streitschriften erwähne ich nur noch eine, weil in ihr ein händelsüchtiger, beleidigender Rassendünkel, mit christlicher Salbung versetzt, hervortritt. Wer Berliner Personen und Zustände kennt, wird leicht begreifen, daß Herr Paulus Cassel sich durch meine Bemerkungen über das Reclame-Unwesen des jüdischen Literatenthums schwer beleidigt fühlt und mich mit gewohnter Anmuth als den Pharisäer des modernen Bewußtseins darstellt. Unbegreiflich aber ist es, daß ein christlicher Geistlicher die Judenfrage der Gegenwart zu lösen vermeint durch die Worte Christi: "das Heil kommt von den Juden!" und darauf die unbiblische, aus verschiedenen Bibelstellen willkürlich zusammengeschweißte Weissagung ausspricht: "Die Völker müssen alle in den Zelten von Christus Sem wohnen!" Herr Cassel verschweigt dabei nur die Kleinigkeit, daß jene Worte Jesu gesprochen wurden bevor die Juden selber das Heil von sich stießen und Christus kreuzigten. Den heutigen Christen zurufen: "das Heil kommt von den Juden!" - ist noch weit thörichter, als wenn ein Protestant zu Protestanten sagen wollte: das Heil kommt von Rom, weil Luther von der römischen Kirche ausging und der Protestantismus einen großen Theil seiner Cultur der alten Kirche verdankt. Jede junge geistige Macht, die eine ältere besiegt, ist selber das Kind ihrer Gegnerin. Die Größe der christlichen Lehre liegt darin, daß sie, hervorgegangen aus einem semitischen Volke, das Semitenthum überwand und zur Weltkirche wurde. Wenn Herr Paulus Cassel in den Schriften des großen Apostels, auf dessen Namen er getauft ist, ernstlich forscht, so kann er sich über diese einfachen Wahrheiten unterrichten. Mag Herr Cassel zusehen, ob er für seine selbstverfertigte Lehre von "Christus Seltsamerweise werden gerade diejenigen Sätze meiner November-Rundschau, die mir die wichtigsten waren, von keiner der zahlreichen Gegenschriften erwähnt: die Bemerkungen nämlich über die Mitschuld der Deutschen an der Macht des Judenthums. Wir haben uns durch die großen Worte von Toleranz und Aufklärung verleiten lassen zu manchen Mißgriffen im Schulwesen, welche die christliche Bildung unserer Jugend zu schädigen drohen, und beginnen jetzt endlich einzusehen, daß die Simultanschulen auf der niedersten Stufe des Unterrichts nur ein leidiger Nothbehelf sein können. Duldung ist ein köstlich Ding, doch sie setzt voraus, daß der Mensch selber schon eine feste religiöse Ueberzeugung habe. Ein guter Elementarunterricht muß in allen Fächern von dem gleichen Geiste durchdrungen sein. Weltgeschichte zu lehren vor Kindern, die nach Kinderart nur Gut und Böse, Wahr und Falsch zu unterscheiden wissen, und dabei weder den Protestanten, noch den Katholiken, noch den Juden Anstoß zu geben - das ist ein Eiertanz, der selbst einem bedeutenden Gelehrten kaum gelingen kann, geschweige denn der bescheidenen Bildung eines Elementarlehrers. Nichts gefährlicher für das kindliche Gemüth als die inhaltlose Phrase. Es ist die Pflicht des Staates scharf darüber zu wachen, daß unseren Schulkindern nicht unter dem Aushängeschilde der Duldsamkeit die Gleichgiltigkeit gegen die Religion anerzogen werde. Auch gegen die Tyrannei des Wuchers, die von den unsauberen Schichten des Judenthums wie des Christenthums in traurigem Wetteifer geübt wird, kann der Staat etwas mehr Schutz gewähren als heute. Wichtiger als alle Maßregeln der Staatsgewalt bleibt doch die Haltung der Nation selbst. Unsere Sorglosigkeit und Schwerfälligkeit konnte von den wirthschaftlichen Tugenden des jüdischen Stammes Manches lernen. Statt dessen sind wir nur zu empfänglich gewesen für die Schwächen und Krankheiten des jüdischen Wesens. Unser Kosmopolitismus kam dem jüdischen entgegen, unsere Tadelsucht erlabte sich an den hetzenden Reden der jüdischen Scandalpresse. Ein Volk von festem Nationalstolze hätte die Schmähungen der Epigonen Börne's niemals aufkommen lassen; ein Volk mit durchgebildeten Sitten hätte seine Sprache vor dem Einbruch jüdischer Witzblattsroheit spröder bewahrt. Vor allem Andern aber hat die unglückliche Zerfahrenheit unseres kirchlichen Lebens, die Spottsucht und der Materialismus so vieler Christen den jüdischen Uebermuth großgezogen. In den frivolen, glaubenlosen Kreisen des Judenthums steht die Meinung fest, daß die große Mehrheit der gebildeten Deutschen mit dem Christenthum längst gebrochen habe. Die Zeit wird kommen und sie ist vielleicht nahe, da die Noth uns wieder beten lehrt, da die bescheidene Frömmigkeit neben dem Bildungsstolze wieder zu ihrem Rechte gelangt. Am letzten Ende führt jede schwere sociale Frage den ernsten Betrachter auf die Religion zurück. Die deutsche Judenfrage wird nicht eher ganz zur Ruhe kommen, das Verhältniß zwischen Juden und Christen sich nicht eher wahrhaft friedlich gestalten, als bis unsere israelitischen Mitbürger durch unsere Haltung die Ueberzeugung gewinnen, daß wir ein christliches Volk sind und bleiben wollen. 10. Januar 1880 |
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Erklärung des Herren v. Forckenbeck und 74 weitere Unterzeichner Erklärung Heiße Kämpfe haben unser Vaterland geeint zu einem mächtig aufstrebenden Reiche. Diese Einheit ist errungen worden dadurch, daß im Volksbewußtsein der Deutschen das Gefühl der nothwendigen Zusammengehörigkeit den Sieg über die Stammes- und Glaubensgegensätze davontrug, die unsere Nation wie keine andere zerklüftet hatten. Solche Unterschiede den einzelnen Mitgliedern entgelten zu lassen, ist ungerecht und unedel und trifft vor Allem diejenigen, welche ehrlich und ernstlich bemüht sind, in treuem Zusammengehen mit der Nation die Sonderart abzuwerfen. Von ihnen wird es als ein Treubruch derer empfunden, mit denen sie nach gleichen Zwecken zu streben bewußt sind, und es wird dadurch verhindert, was das gemeinsame Ziel ist und bleibt: die Ausgleichung aller innerhalb der deutschen Nation noch von früher nachwirkenden Gegensätze. In unerwarteter und tief beschämender Weise wird jetzt an verschiedenen Orten, zumal den größten Städten des Reichs, der Racenhaß und der Fanatismus des Mittelalters wieder ins Leben gerufen und gegen unsere jüdischen Mitbürger gerichtet. Vergessen wird, wie viele derselben durch Fleiß und Begabung in Gewerbe und Handel, in Kunst und Wissenschaften dem Vaterlande Nutzen und Ehre gebracht haben. Gebrochen wird die Vorschrift des Gesetzes wie die Vorschrift der Ehre, daß alle Deutschen in Rechten und Pflichten gleich sind. Die Durchführung dieser Gleichheit steht nicht allein bei den Tribunalen, sondern bei dem Gewissen jedes einzelnen Bürgers. Wie eine ansteckende Seuche droht die Wiederbelebung eines alten Wahnes die Verhältnisse zu vergiften, die in Staat und Gemeinde, in Gesellschaft und Familie Christen und Juden auf dem Boden der Toleranz verbunden haben. Wenn jetzt von den Führern dieser Bewegung der Neid und die Mißgunst nur abstrakt gepredigt werden, so wird die Masse nicht säumen, aus jenem Gerede die praktischen Konsequenzen zu ziehen. An dem Vermächtniß Lessings rütteln Männer, die auf der Kanzel und dem Katheder verkünden sollten, daß unsere Kultur die Isolierung desjenigen Stammes überwunden hat, welcher einst der Welt die Verehrung des einigen Gottes gab. Schon hört man den Ruf nach Ausnahmegesetzen und Ausschließung der Juden von diesem oder jenem Beruf und Erwerb, von Auszeichnungen und Vertrauensstellungen. Wie lange wird es währen, bis der Haufen auch in diesen einstimmt? Noch ist es Zeit, der Verwirrung entgegenzutreten und nationale Schmach abzuwenden; noch kann die künstlich angefachte Leidenschaft der Menge gebrochen werden durch den Widerstand besonnener Männer. Unser Ruf geht an die Christen aller Parteien, denen die Religion die frohe Botschaft vom Frieden ist; unser Ruf ergeht an alle Deutschen, welchen das ideale Erbe ihrer großen Fürsten, Denker und Dichter am Herzen liegt. Vertheidiget in öffentlicher Erklärung und ruhiger Belehrung den Boden unseres gemeinsamen Lebens: Achtung jedes Bekenntnisses, gleiches Recht, gleiche Sonne im Wettkampf, gleiche Anerkennung tüchtigen Strebens für Christen und Juden. Berlin, den 12. November 1880 [Es folgen 75 Namen] |
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... wird fortgesetzt ... |
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