Free Web Hosting by Netfirms
Web Hosting by Netfirms | Free Domain Names by Netfirms

Antisemiten im Deutschen Reichstag [1881-1895]
Wahlergebnisse
1893
antisemitische
Abgeordnete
antisemitische
Debatten
antisemitische
Veröffentlichungen
antisemitische
Aktivitäten
 
weitere Artikel zum christlichen Antijadaismus
 
  Geschichte des christlichen Antijudaismus  
     

Im ersten Jahrhundert nach Christus war die Gemeinde eng verbunden mit ihren jüdischen Wurzeln. Schließlich war Jesus ein Jude und die Basis Seines Lehrens stimmte mit den hebräischen Schriften überein.

Es ist ebenso bekannt, dass die Autoren des Neuen Testamentes, mit Ausnahme von Lukas, Juden waren. Die Apostel und ersten Jünger waren Juden. Sie beteten am Shabat, feierten die Feste und gingen in die Synagoge. Sogar die Mitglieder der frühen Gemeinde in Jerusalem und Umgebung - Judäa, Samaria und Galiläa - waren überwiegend jüdisch. Wir wissen zum Beispiel, dass unter den Namen der Leiterschaft der Jerusalemer Gemeinde bis 135 n. Chr. kein nicht-jüdischer Name erscheint.

Allerdings muss auch festgestellt werden, dass das Judentum zur Zeit des zweiten Tempels, also zur Zeit Jesu, sich in sehr viele Gruppen gliederte, die alle in Polemik gegeneinander lebten. Es hat nie ein monolithisches Judentum gegeben. Zu jener Zeit schon ganz und gar nicht.
Jesus war einer unter anderen, die in polemischer Auseinandersetzung mit einem Teil ihrer Umgebung lebten. Diese Polemik wurde im Zuge der frühchristlichen Entwicklung sehr schnell zur Polemik der anderen gegen die Juden.

Von Frustrationen zu Feindseligkeit

 Die Kreuztragung Christi
  "Die Kreuztragung Christi", von Hieronymus Bosch (um 1500), 74 x 81cm, Musee des Beaux-Arts, Gent
Von einer gewissen Ambivalenz war nicht nur das Verhältnis zwischen Juden- und Heiden-Christen gekennzeichnet. Dies traf vor allem auch auf die gesellschaftliche Stellung dieser Gruppierungen zu, die ihnen die römischer Herrschaft jeweils zugestand.

Unter römischen Gesetz wurde das Judentum anfänglich als eine religio licita, eine legale Religion, eingestuft, da es zum einen vor Rom zurückdatiert werden konnte und zum anderen sich im allgemeinen nicht dem römischen Staatskult widersetzte.
Das Christentum war jüngeren Datums und wurde deshalb als religio ilicita - illegale Religion - gebrandmarkt. Zu dieser Zeit waren Juden-Christen für Rom nichts anderes als die Anhänger einer neuen jüdischen Sekte, die sich, im Gegensatz zu den Bisherigen, den Zeremonien zur Anerkennung des Reiches verweigerten und die besonders um die Gunst der Heiden warben. Misstrauen im fernen Rom erweckte auch, das Christen anfänglich noch keine eigenen Kultzentren - also Tempel bzw. Kirchen - besaßen. Das Praktizieren des Christentums war somit ein strafbarer Angriff.
Die daraus resultierenden Verfolgungen und Frustrationen der Christen brüteten eine Feindseligkeit gegenüber der jüdischen Gemeinde, die frei anbeten konnte und nicht der Verfolgung ausgesetzt war, aus.

Trennung von Juden- und Christentum

Zum ersten gravierenden Einschnitt kam es, als 135 n. Chr. der römische Kaiser Hadrian, der den Bar-Kochba-Aufstand niederschlug, die Juden aus Jerusalem vertrieb und ihnen die Ausübung der jüdischen Religion verbot wie Beschneidung, Tora-Lesung und Sabbat-Heiligung.
In Folge dessen wechselte nicht nur Jerusalem die kirchliche Leiterschaft von den bisherigen Judenchristen zu den Heidenchristen. Heidenchristliche Zentren wie Alexandrien, Antiochien und Rom übernahmen die Leitung der Kirche.

Durch den starken Zuwachs aus der griechischen und römischen Welt wurde die Bibel immer mehr durch ein griechisches Bewusstsein gesehen und immer weniger durch ein hebräisches. So wurde z.B. das Zölibat von einige wenige Berufene, in folge dessen auf einen ganzen Berufsstand ausgeweitet.

Nachdem im Jahre 306 n. Chr. Konstantin I Herrscher im Nordwesten des römischen Reiches wurde, erlangen die Christen durch das Edikt von Mailand (313 n. Chr.) ihre endgültige Freiheit.
Im Jahre 321 n. Chr. verfügte Konstantin, dass alle Geschäftigkeit am "Ehrentag der Sonne" ruhen sollte. Durch das Ersetzen des Samstages durch den Sonntag für christliche Anbetung trieb er die Spaltung weiter voran.
Das Konzil von Nicäa brachte 325 wesentliche Weichenstellungen für das Christentum. Auf diesem Konzil wurde die Wesenseinheit (Homousia) Gottes mit Jesus Christus festgestellt. Diese Lehre wurde durch kaiserliches Gesetz zum Dogma. Ferner wurde beschlossen, das Osterfest vom jüdischen Passah-Termin auf den Sonntag zu verlegen, der dem ersten Vollmond nach der Frühjahrssonnwende folgt.
Dies waren auch die Jahre, in dem sich der Charakter der Schriften der Kirchenväter änderte - von defensiv und zurückhaltend, hin zu aggressiv und boshaft an jeden "außerhalb der Herde", im Besonderen gegen Juden, die in fast jeder Gemeinschaft und Nation zu finden waren.

Chrysostomus Homilien gegen Juden

Vor- und Anwürfe gegen Juden kommen in einer besonderen Massierung in den "Acht Reden gegen Juden" von Johannes Chrysostomus vor, die dieser als Diakon und Presbyter von Antiochien in den Jahren 386/387 gehalten hatte. Johannes trieb die Angst um, Christen könnte sich aus Plausibilitäts- und Identitätsgründen von der Kirche abwenden um sich dann dem Judentum in Gänze zuzuwenden.

 Johannes Chrysostomus
  Johannes Chrysostomus (griech. Goldmund), heiliger Prediger in Antiochia und Patriarch von Konstantinopel
Viele Stereotypen mit denen Juden die letzten zwei Jahrtausende hindurch belegt wurden, brachte Chrysostomus in seinen Predigten in den christlichen Antijudaismus ein. Ihn plagte, wie er es in seiner ersten Rede sagte, eine "enorm schwere Krankheit", die "im Leib der Kirche gewachsen" sei, und weswegen er nun seine "Zunge zur Heilung" rufen müsse. Weiter fragt er: "Was ist es denn für eine Krankheit? Die Feste der unseligen, unglücklichen Juden sind im Kommen, die anhaltend eines nach dem andern stattfinden, Schofarhörner, die Laubhütten, die Fastentage. Und von den vielen aus unseren Reihen, die behaupten, unsere Gesinnungsgenossen zu sein, gehen die einen hin, bei den Festfeiern zuzuschauen, die anderen feiern sogar mit und nehmen an den Festen teil. Diese schlechte Gewohnheit will ich also jetzt von der Kirche wegjagen. (...) Jetzt (...) geht es um diejenigen, die sich durch ihre Sympathien für das Judentum als krank erweisen: Wenn wir die nicht jetzt behandeln, (...) dann fürchte ich, dass unter dem Einfluss der unzeitgemäßen, deplazierten Gewohnheit und der großen Ungewissheit einige an deren gesetzwidrigem Tun teilnehmen."
Dieses gesetzwidrige Handeln nahm, so Chrysostomus, seinen Anfang in der Kreuzigung Christi durch die Juden, wodurch sie das Joch Christi zerbrochen hätten.
Zwar seien das Gesetz und die Prophetenbücher in der Synagoge deponiert. Doch, so predigte Chrysostomus, "ich jedenfalls hasse deswegen die Synagoge am meisten und wende mich von ihr ab, weil die Juden, obgleich im Besitz der Propheten, den Propheten nicht glauben, weil sie, obgleich die Schriften lesend, deren Zeugnisse nicht annehmen, was doch die Art von gewaltigen Frevlern ist." (...) "Darum dürften sie in um so höherem Maß gottlos und unrein sein, weil sie, obgleich im Besitz der Propheten, mit ihnen in feindseliger Absicht umgehen."
"Wo Christusmörder zusammenkommen, wo das Kreuz weggeschafft, wo gegen Gott gelästert, wo der Vater nicht erkannt, wo am Sohn gefrevelt, wo die Gnade des Geistes außer Kraft gesetzt wird, wo vielmehr sie selbst Dämonen sind, (...) dort ist unverhüllt und weithin sichtbar die Gottlosigkeit."

Der erste Kreuzzug

Das Zeitalter der Kreuzzüge begann mit der am 27. November 1095 von Papst Urban II. auf dem Konzil von Clermont gehaltenen flammenden Rede. Jeden Mann, ob arm oder reich, niedrig oder hoch, Ritter oder Fürst, rief er auf, sich an einem Feldzug gegen die Seldschuken, zur Befreiung der heiligen Stadt Jerusalem, zu beteiligen.
Wer an diesem Kreuzzug teilnehmen wollte, würde unter eine besondere Gesetzgebung gestellt, die ihm unter anderem den Erlass seiner Schulden und seiner Sünden gewähre.
Heute vermutet man, dass der eigentliche Grund war, sich von dem Problem zu befreien, dass es viele Ritter gab, die nichts von ihren Vätern geerbt hatten, da sie Zweit- und Drittgeborene waren. Im Mittelalter erbten meist nur die Erstgeborenen. Nun zogen diese Ritter ohne Hab und Gut durchs Land und machten es als Raubritter unsicher.

Weil im Frühsommer 1096, als sich der undisziplinierte Mob von Kreuzkriegern versammelte, keine Moslems in der Nähe waren, richteten die "Verfechter des Kreuzes" ihre Aufmerksamkeit auf die Juden, die in ihren Augen genau solche "Ungläubigen" und Feinde des Christentums waren, wie die Moslems.
Auf ihrem Weg ins Heilige Land hinterließen die Kreuzzugsheere in den jüdischen Gemeinden quer durch Europa eine blutige Spur der Verwüstung. Sie vergewaltigten, beraubten und plünderten buchstäblich jede jüdische Kommune. Juden, die sich nicht zwangstaufen ließen oder durch den Märtyrertod starben, wurden auf der Stelle enthauptet.
Bis heute wird den im Rheinland 1096 ermordeten Juden, deren Zahl zwischen 2.000 und 3.000 geschätzt wird, beim Sabbatgebet gedacht. Was damals geschah, hinterließ tiefe Spuren im Judentum.

Ausgrenzung und Verfolgung im Mittelalter

 Erkennungszeichen
  Aufgrund des kirchlichen Beschlusses mussten Juden ein Erkennungszeichen tragen.
Der Antijudaismus im Mittelalter drückt sich durch Ausgrenzungen und Verleumdungen aus, die gegen Juden erfunden und in Umlauf gebracht wurden.
Durch den Beschluss des Vierten Laterankonzils der römischen Kirche von 1215 wurden die Juden als Außenseitervolk abgestempelt, indem ihnen auferlegt wurde, sich durch eine besondere Art Kleidung von der übrigen Bevölkerung zu unterscheiden. Das Aussehen dieses Erkennungszeichens variiert in verschiedenen Ländern.
In Deutschland und Frankreich mussten die Juden ein gelbes "O" tragen, in anderen Ländern war das tragen eines dreieckigen Hutes (oder Spitzhutes) vorgeschrieben. Auf diese Weise konnten Christen sicher sein, dass sie nicht versehentlich mit Juden in Kontakt kamen. Sogar in der mittelalterlichen Kunst wurden Juden in Gemälden und Holzschnitzereien mit einem Kreis auf ihrer Kleidung oder mit Spitzhüten dargestellt.
Zu dieser stigmatisierenden Kennzeichnung kamen verschiedene Verleumdungen, die gegen Juden erfunden und in Umlauf gebracht wurden. Ihnen wurde Brunnenvergiftung, Hostienschändung, Ritualmord und die Schuld für die Pest 1348 zugeschoben. Dies gab Anlass für die Ausrottung zahlreicher jüdischer Gemeinden.
Zwar verurteilten die Päpste im Mittelalter die Zwangstaufen, abergläubische Verleumdungen des Ritualmordes und der Hostienschändung. Die Kirchenleitung konnte aber nicht mehr stoppen, was sie durch ihre antijüdische Theologie selbst mitverursacht hatte!

Die Inquisition

 inquisitorische Scheiterhaufen
  Die Hinrichtung in einer Feuergrube - sie war üblich für Juden wie der Scheiterhaufen für Ketzer.
Ende des 14. Jahrhunderts entfaltete sich die Inquisition in Spanien. Nachdem das spanische Königspaar, Isabella und Ferdinand, über die Mauren siegte und die Reconquista abgeschlossen war, bekehrten sich viele Mauren und Juden gezwungenermaßen zum Christentum.
Die Könige sahen in diesen Bekehrten, den sog. "Conversos", die sich für keine richtigen Christen hielten, eine Bedrohung für den Staat. Durch ihren gesellschaftlichen Aufstieg erweckten sie vielfach Neid. Nachdem noch die Gerüchte verbreitet wurden, sie hingen insgeheim noch den jüdischen Bräuchen an und übten sie auch aus, kam es bald zu Volksaufständen gegen sie. Zur Untersuchung dieses Verdachts kamen die "Conversos" vor die Inquisisitonsgerichte. Von 1478 bis 1530 waren 91 Prozent der Angeklagten dieser "Gerichte" "Conversos". In der Hälfte aller Fälle (ca. 900 allein in Toledo) wurden sie zum Tode verurteilt. In Guadalupe waren sogar 82 Prozent der Beschuldigten zum Tode verurteilt worden. Bei der Bestrafung der zu Tode verurteilten Delinquenten durfte kein Blut fließen, deshalb war das Verbrennen die erste Wahl zur Exekution. Dies wurde durch den Text in Johannes 15:6 gerechtfertigt: "Wenn jemand nicht in mir bleibt, so wird er hinausgeworfen wie die Rebe und verdorrt; und man sammelt sie und wirft sie ins Feuer, und sie verbrennen."
Schließlich wurden auch praktizierende Juden (nicht "Conversos") vor die Inquisitionsgerichte geführt, wurde ihnen doch zur Last gelegt, einen schlechten Einfluss auf die "Conversos" zu haben. Auch sie wurden verurteilt und verbrannt.

Die Inquisition in Spanien dauerte von 1481 - 1820. Über 350 000 Juden erlitten Bestrafungen.

Der Reformator Martin Luther

 Martin Luthers Pamphlet gegen Juden
  Von den Jüden und iren Lügen. D(octoris) M(artini) Luth(eri). Gedruckt zu Wittemberg / Durch Hans Lufft M.D.XLIII.
Nachdem sich Martin Luther der hebräischen Schrift zuwandte, von Juden dafür auch begeisterte Echos erhielt, kippte seine Liebe zur jüdischen Tradition in Judenhass um, weil die Juden seine Version des Christentums und der Konvertierung nicht akzeptierten.
Er schrieb 1543 die schreckliche Schrift "Von den Juden und ihren Lügen", die auch direkte Anleitung zu Gewaltausschreitungen gegen Juden gab, nämlich Synagogen anzuzünden, jüdische Häuser zu zerstören, Juden ihre Bücher wegzunehmen, den Rabbinern unter Androhung der Todesstrafe das Lehren zu verbieten, Juden das Reisen zu untersagen, Juden den Geldhandel zu verbieten, sie zu enteignen (wenn sie nicht zum Christentum konvertieren würden), Juden zu körperlicher Arbeit zu zwingen, Juden des Landes zu verweisen . . .
In seiner letzten Sonntagspredigt (14. Februar 1546), drei Tage vor seinem Tod, erteilte Luther im Anschluss an die Predigt eine "Vermahnung wider die Juden". Darin bezeichnete er die Juden als "der Christen öffentliche Feinde", die von den Regierenden aus ganz Deutschland vertrieben werden sollten.

Luther zeigte deutlich auf, dass er die vermeintliche theologische Krise nicht aushalten konnte, dass Juden sein christlich-messianisches Denken nicht übernehmen wollten.
Wie schon andere Kirchenväter vor ihm, wollte Luther die Juden instrumentalisieren, sie nur dann akzeptieren, wenn sie Christen werden und ihr Jude-Sein aufgeben. Er fiel in das alte christliche Modell zurück: Taufe oder Tod. Dies deutet auch daraufhin, dass gerade der Kern der Theorie Luthers, die die Welt verändern sollte, Plausibilitätsprobleme aufweist. Was in seiner evangelischen Theologie nicht funktioniert, bürdet er den Juden auf.

Fünfhundert Jahre später fand Hitler viele seiner Ideen und Rechtfertigungen für seine Behandlung der Juden und für den Holocaust in diesen Schriften.

Das Zeitalter der Aufklärung und Emanzipation

Wenn wir nun weitergehen in die Ära der Aufklärung des 17. und 18. Jahrhunderts, finden wir Juden noch immer unter einem Vermächtnis von Vorurteilen leidend.
Während die Herrschaft des Christentums in Europa nicht herausgefordert wurde, konnten die Juden nur am Rande des sozialen Lebens in Europa existieren und es war ihnen nicht erlaubt, Immobilien zu besitzen. Die Formulierung "Der wandernde Jude" fand ihre Definition in der Tatsache, dass die Juden von Stadt zu Stadt und Land zu Land getrieben wurden. Aus diesem Grund hielten sich die Juden an intellektuelle Berufe, Handel und Kunst, Talente, die sie mitnehmen konnten, wenn sie gezwungen wurden, zu gehen. Außerstande, Immobilien zu kaufen, legten sie ihr Geld oft in Juwelen oder andere, leicht zu transportierende Kostbarkeiten an. Dies und ihre Berufung in das Bankwesen und den Geldverleih, was ihnen von den Kirchenautoritäten aufgezwungen wurde, erlegte ihnen den unverdienten Ruf auf, geldgierig zu sein.

Ein "neues" Gewand für den Judenhass

In Zeiten einer sich mehr und mehr säkularisierenden Welt, einer Welt von Aufklärung, Emanzipation und Wissenschaftlichkeit, hatten es christlich geprägte antijüdische Legenden zunehmend schwer, sich Gehör zu verschaffen. Weder Ritualmorde noch Brunnenvergiftungen, die bislang von den Kanzeln der Kirchen den Juden anlastend gepredigt und somit für wahr gehalten wurden, ließen sich wissenschaftlich aufrecht erhalten. Es war also nach "Ersatz" für wegbrechende Elemente des Antijudaismus gefragt, möglichst solcher, der weltlichen Ansprüchen genügte, wenn nicht sogar auch "wissenschaftlich" begründet werden konnte.
Der aufkeimende Rassismus kam da gerade Recht; er wurde zum essentiellen Teil des sogenannten Antisemitismus. Anhänger der jüdischen Religion und deren Nachkommen - auch jene, die nicht mehr die Religion praktizierten - wurden fälschlich als einheitliche und vor allem minderwertige Rassengruppe angesehen. Im Unterschied zu den früheren Formen des Antijudaismus - Juden konnten sich bisweilen durch Konvertierung und Assimilation ihren Widersachern entziehen - waren die negativen Eigenschaften des antisemitischen Judenhasses auf Grund der konstruierten "jüdischen Rasse" unaufhebbar.
In den Gründungen von jüdischen Wohlfahrtsverbänden, die nicht mehr nur national, sondern fortan auch international agierten, entdeckten Antisemiten Mitte des 19. Jahrhunderts ein zweites Standbein für ihren antiemanzipatorischen Judenhass. Mit der Fälschung von Dokumenten und Andichtung einer Freimaurerei konstruierten Antisemiten aus harmlosen jüdischen Vereinigungen eine angebliche jüdische Weltherrschaftsverschwörung. So veröffentlichte die französische Antisemitenzeitung "L'Antisemitique" 1883 den gefälschten Gründungsaufruf der 1860 ins Leben gerufenen "Alliance Israélite Universelle", in dem es fälschlicher Weise heißt: "Die israelitische Lehre muß sich eines Tages die ganze Welt unterwerfen."
Der Antisemitismus stützt sich seit seiner Entstehung auf die Werke seiner ersten Protagonisten. Als wenige Beispiele seien genannt:

  • Joseph-Arthur Comte de Gobineau, ("Essai sur l'inégalité des races humaines" ["Versuch über die Ungleichheit der Menschenracen"], 4 Bände, 1853-55);
  • Friedrich Wilhelm Adolph Marr, ("Der Judenspiegel", 1862; "Der Sieg des Judenthums über das Christenthum - Vom nicht-confessionellen Standpunkt aus betrachtet", 1879);
  • Heinrich von Treitschke, ("Unsere Aussichten", 15.11.1879);
  • Karl Eugen Dühring ("Die Judenfrage als Racen-, Sitten- und Culturfrage", 1881);
  • Hof- und Domprediger Adolph Stöcker,("Das moderne Judentum in Deutschland, besonders in Berlin. Zwei Reden in der christlich-sozialen Arbeiterpartei", 1880)
  • Houston Stewart Chamberlain ("Die Grundlagen des neunzehnten Jahrhunderts", 1899; "Arische Weltanschauung", 1905).

Hinsichtlich des Begriffes "Antisemitismus" gilt es zu beachten, dass sich Antisemiten nicht darauf beriefen, gegen Angehörige der semitischen Sprachfamilie (Bewohner Nordostafrikas und Vorderasiens) oder der jüdischen Religion vorzugehen, sondern allein auf die Bekämpfung von Menschen mit angeblich jüdischen Rassen- und Charaktereigenschaften aus waren. Die Auffassung, das es sich bei der sogenannten Judenfrage um eine religiöse Frage handelte, wies der Antisemit Dr. Ernst Henrici in einem 1881 gehaltenen Vortrag mit folgenden Worten ab: "Läge hier der Kern der Judenfrage, dann käme es nur darauf an, die Juden zum Christenthum zu belehren. Das wird aber, soviel man auch dagegen einwerfen mag, nie möglich werden. Denn die Religion der Juden ist eine Raçen-Religion." [...] "Daher kann die Religion der Juden nie auf andere Völker übergehen." [...] "Aber der Jude kann auch nie wahrer Christ werden."
Wilhelm Marr, Mitbegründer der "Antisemiten-Liga" (Berlin, 1879) wagt es sogar "jüdische Charaktereigenschaften" vom Körperlichen her abzuleiten: "Lenkt man das Gespräch in eine wissenschaftliche Bahn und betont den Raçenunterschied, erwähnt man die Osteologie (Knochenlehre) der Juden, den Bau der Zunge und der Stimmritze, das 'Mauscheln', dann wird der Reformjude böse und spricht von 'beschränktem Raçenhaß'."

Bis zum Ende des Dritten Reichs war Antijudaismus und Antisemitismus in allen Bereichen der Gesellschaft und vielen Ländern beheimatet und verankert. So konnten 16 Abgeordnete der "Deutschen Reform-Partei" (ein 1889 gegründeter Zusammenschluss verschiedener antisemitischer Vereinigungen) 1893 im Deutschen Reichstag problemlos Platz nehmen und kaum jemand störte sich an den antisemitischen Schriften eines Karl Marx.

Sicher, es gab zum Ende des 19. Jahrhunderts auch Gegner des Antisemitismus. Aber die waren zumeist Angehörige der jüdischen Glaubenslehre.
So löste der, in den "Preußischen Jahrbüchern" im November 1879 erschienene Artikel "Unsere Aussichten" von Heinrich von Treitschke, eine heftige Debatte aus, die damals als "Berliner Antisemitismusstreit" ihre Runde machte. Daran beteiligte sich u.a. auch Theodor Mommsen.

Die russischen Pogrome

Zum Ende des 19. Jahrhunderts verschärfte sich unter der Herrschaft Alexander des III. die Lage der mehr als zwei Millionen jüdischen Einwohner des Zarenreichs, als Ostern 1881 das erste größere Pogrom in Russland ausbrach. Am Zarenhof selbst grassierte ein militanter Antisemitismus. Unter den letzten Zaren Nikolaus II. entfesselten die Schwarzhundertschaften, die "Tschoryie sotni" über 60 blutige Pogrome gegen wehrlose Juden. Diese Pogrome waren eine Serie von Attacken, begleitet von Zerstörung, Plünderung der Besitztümer, Ermordungen und Vergewaltigungen, ausgeführt von der christlichen Bevölkerung Russlands gegen die Juden.
Unter diesen Bedingungen war klar, dass sich der Großteil der entrechteten jüdischen Minderheit des Zarenreiches den Oppositionsparteien anschloss, die das autokratische Regime bekämpften und für Minderheitenrechte eintraten.

 jüdische Spinne
  Die Ausgesaugten
Während dieser Zeitspanne finden wir die infame Publikation "Die Protokolle der Weisen von Zion". Diese Protokolle, Erstausgabe veröffentlicht 1905 in Russland, besteht aus einem angeblichen freimaurerischen Programm zur jüdischen Welteroberung dessen Quelle wahlweise – je nach Intension der Urheber - eine mutmaßlichen Unterhaltung zwischen zwei jüdischen Freimauren oder eine Vortrag von Theodor Herzl beim Zionistenkongreß in Basel von 1897 war.
Bereits um 1880 finden sich schon bei dem deutschen Antisemiten Wilhelm Marr und – wie erwähnt - dem französischen Antisemitenblatt "L'Antisemitique" Anklänge auf die Protokolle. Ohne auch nur einen stichhaltigen Beweis zu liefern, spricht Marr in Bezug auf die 1860 in Paris gegründete "Alliance Israélite Universelle" von einer "Freimaurerei", die nach der Weltherrschaft streben würde.
Obwohl immer und immer wieder bewiesen wurde, dass die Urheberschaft dieser Broschüre erlogen war, diente sie als Grundlage der antisemitischen Protagonisten des 21. Jahrhunderts - von Henry Ford bis Adolf Hitler.
Noch heute finden die Protokolle unter Holocaustleugnern, Islamisten und Verschwörungsanhängern ihre Abnehmer.

Der Holocaust

Deutschland war eine der aufgeklärtesten, intellektuellsten und kultiviertesten Gesellschaften zu jener Zeit. Und doch stand die sogenannte christliche Gesellschaft daneben und beobachtete die Ausrottung der Juden Europas. Manche nahmen sogar daran teil.

Bereits bevor Hitler an die Macht kam konstituierte sich 1932 mit Hilfe der NSDAP, aus einer lokalen christlichen Gruppierung im Thüringischen, die "Glaubensbewegung Deutscher Christen". Diese streng nach dem Führerprinzip organisierte Bewegung bezeichnete sich als "SA Jesu Christi" und bekannte sich zu einem "positiven Christentum", wie es in Artikel 24 des Parteiprogramms der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei propagiert wurde. Nach ihrer Auffassung sollte Christentum und Nationalsozialismus eine Synthese eingehen.
Forderungen von Deutschen Christen nach Übernahme des "Arierparagraphen" für die Reichskirche und nach Verwerfung des als jüdisch angesehenen Alten Testaments führten bereits Anfang September 1933 zu Massenaustritten und zur Spaltung der Deutschen Christen. Der Dahlemer Pfarrer Martin Niemöller rief daraufhin den Pfarrernotbund ins Leben, aus dem wenig später die Bekennende Kirche hervorging. Während des Zweiten Weltkriegs wurden die Auseinandersetzungen zwischen der Bekennenden Kirche und der NS-Herrschaft hintangestellt, vorrangig, weil sich die Anhänger zu einem Burgfrieden im "Kreuzzug gegen den Bolschewismus" verpflichtet sahen. Der Mord an den Juden wurde zwar im Oktober 1943 durch die Altpreußische Bekenntnissynode verurteilt, zu massiven Protesten kam es aber nicht.
Die Nationalkirchliche Bewegung entstand durch den Zerfall der Glaubensbewegung der Deutschen Christen. Sie vertrat ein "völkisches Christentum" und gründete am 6. Mai 1939 das Eisenacher "Institut zur Erforschung und Bekämpfung des jüdischen Einflusses auf das deutsche kirchliche Leben". Nach Ansicht der Nationalkirchler galt es, die Reformation Luthers durch die vollständige Beseitigung aller "Judaismen" in der Bibel zu vollenden. In der Bekanntmachung vom 4. April 1939 heißt es: "Der Kampf des Nationalsozialismus gegen jeden politischen Machtanspruch der Kirchen, sein Ringen um eine dem deutschen Volke artgemäße Weltanschauung, sind nach der weltanschaulich-politischen Seite hin Fortsetzung und Vollendung des Werkes, das der deutsche Reformator Martin Luther begonnen hat".
Die katholische Kirche in Deutschland war in den Jahren 1930 bis 1933 vielfach als Kritikerin des Nationalsozialismus aufgetreten. Die "Euthanasie"-Aktionen des NS-Systems waren Gegenstand dieses kirchlichen Protestes. Nach Predigten des Münsteraner Bischof Clemens August Graf von Galen im Sommer 1941 nahmen Proteste in der Bevölkerung derart zu, dass die Mordaktionen offiziell gestoppt, heimlich jedoch weitergeführt wurden. Zur Verfolgung der Juden schwiegen die Kirchen hingegen zu lange. Weder zu den Nürnberger Gesetzen von 1935, noch zur Reichspogromnacht vom 9. November 1938 äußerten die Amtskirchen sich öffentlich. Auch nach Beginn der Deportationen deutscher Juden in die Vernichtungslager im Oktober 1941 kam es zu keinem ähnlichen Protest wie gegen die "Euthanasie". Nur indirekt verurteilten die katholischen Bischöfe in Kanzelworten und mit der Verlesung eines "Menschenrechtshirtenbriefs" im März 1942 den NS-Völkermord.
Es muss unbedingt betont werden, dass in ähnlicher Weise alle Freikirchen während der Zeit des Nationalsozialismus in die Irre gingen mit Ausnahme einzelner oder kleinerer Gruppen, die ihre Stimme gegen das Unrecht erhoben.
Sechs Millionen Juden, einschließlich zwei Millionen Kinder, wurden von den Nationalsozialisten ermordet. Hitler und seine Agenten waren sicherlich keine wahren Christen. Die Naziphilosophie wurde eher von heidnischen Mythologien und Verschwörungstheorien beeinflusst. Doch waren viele Nazis angesehene Mitglieder der Lutheranischen oder Katholischen Kirchen. Sie verübten diese Taten in einer historisch christlichen Nation ... und aus der christlichen Welt kam eine ohrenbetäubende Stille.

Das Schweigen auch großer Teile der Bekennenden Kirche zum NS-Völkermord war nach Ende des Zweiten Weltkriegs einer der Gründe für die Abfassung des "Stuttgarter Schuldbekenntnisses", in dem sich der Rat der Evangelischen Kirche in Deutschland zur Mitverantwortung der Kirche an den Verbrechen des Nationalsozialismus bekannte.
Nach Ende des Zweiten Weltkriegs erkannten die katholischen Bischöfe in einem Hirtenwort vom 23. August 1945 die Mitschuld der katholischen Kirche an den Verbrechen des Nationalsozialismus an.

Ein Fazit

Der Struktur des Antijudaismus ist es eigen, ängstlich und besorgt um seine Vorrechte zu sein.
In Zeiten großer gesellschaftlicher Veränderungen und damit verbundener Verwerfungen, sind Menschen besonders anfällig für die polaren Einteilung der Welt in "Gut" und "Böse" und für einfache populistische Schuldzuweisungen und Lösungen.
Schuldzuweisungen gegen Juden unterscheiden sich wesentlich von sonstigen Gruppenvorurteilen. Normalerweise hängt ein Gruppenvorurteil mit zeitgenössischen Phänomenen, also mit wirklichen Geschehnissen zusammen. Der Antisemitismus aber auch der Antijudaismus dagegen hat fast keine Beziehung zur tatsächlichen Umwelt, sondern ist gekennzeichnet, durch ein Phantasiegebilde aus einer global pauschalisierenden totalen Ablehnung, auf Grund irrationaler und emotionaler Elemente, die auf Abgrenzung und Diffamierung zielen, ohne das man konkret Juden kennt.

Da außer Zweifel steht, dass die Geschichte der Schriftauslegung seit den frühesten Tagen des Christentums fast ständig von antijüdischen Implikationen belastet war, ist die Frage nach dem Ursprung und Wesen des christlichen Antijudaismus zugleich ein Beitrag zur Klärung des eigenen Vorverständnisses und des Standpunktes des exegetisierenden Subjekts. Wer als Exeget jüdische Gesetze als Zustandsbeschreibung rezipiert, erliegt einem antijüdischen Stereotyp, macht er doch bei seiner Auslegung dieser Texte genau das, was für stereotype vorurteilsbehaftete Wahrnehmung von sozialer Wirklichkeit kennzeichnend ist. Er blendet den konkreten Entstehungskontext von Beurteilungen völlig aus und überträgt diesen pauschalisierend auf andere Personen ohne Beachtung der Folgen solcher Reden für die eigene Sprechsituation und die jetzt lebenden Betroffenen. Der gleiche Vorwurf ist auch denen zu machen, die undifferenziert von "dem Judentum" oder "den Juden" religionsgeschichtlich sprechen, wie es allenthalben bis heute auch in wissenschaftlichen Kommentaren geschieht.
Keineswegs kann ein Exeget den "ursprünglichen Textsinn" "an sich" erfassen, da seine Wahrnehmung nie losgelöst von seiner eigenen Person, konkret seiner eigenen Perspektivität, seiner eigenen Motivation und seiner eigenen Lebenskontexten erfolgt.
Dieser Umstand trifft vor allem auch auf die in diesem Artikel besonders hingewiesenen Exegeten Johannes Chrysostomus und Martin Luther zu.

Eine entscheidende Frage, der man sich noch zu stellen hat, ist die nach den antijüdischen Elementen, die sich im Neuen Testament wieder finden lassen.
Hierzu muss angemerkt werden, dass das Judentum zur Zeit des Zweiten Tempels kein fest gefügtes religiöses Gebilde war, in dem eine der zahlreichen Gruppen die andere majorisieren konnte, als sei sie das offizielle bzw. normative Judentum. Die Grundstruktur des Judentums dieser Zeit war sektiererisch. Dies bedeutete, dass verschiedene Gruppen um den Anspruch konkurrierten alleinig legitim die Theorie und Praxis dessen, was Judentum ausmachte, zu bestimmen. Von daher kann die innerjüdische Kritik - mag sie auch noch so polemisch sein - nicht mit dem Begriff "Antijudaismus" in Verbindung gebracht werden.
Das christlich-jüdische Verhältnis war von Anbeginn vom Konkurrenzdenken um die Wahrheit belastet. Der christliche Anspruch auf das "wahre Israel" schien sich der Kirche durch die Zerstörung Jerusalems samt seines Tempels (im Jahre 70) zu bestätigen. Die damit verbundene Erwartung, dass das Judentum endgültig vom Erdboden verschwinden würde, erfüllte sich allerdings nicht. Aber auch darauf erfand das Christentum schließlich eine Antwort: Gott habe Jerusalem samt Tempel zerstört und die Juden in alle Winde zerstreut, damit sie in ihrem Leid der Welt als Beispiel dienen sollten.

Wenn auch heutzutage nach wie vor Christen antijüdische Klischees anhand der Bibel festzumachen versuchen, so ist doch die personelle Anzahl gegenüber denen, die ihre Judeophobie wahlweise im kruden Antisemitismus oder ganz modern unter dem Mäntelchen der Israelkritik versteckend zum Ausdruck bringen, marginal. Das mag zum einen daran liegen, dass sich die großen christlichen Kirchen in den letzten Jahrzehnten mit dieser geschichtsbeladenen Thematik beschäftigt haben. Nicht außer Acht gelassen werden darf aber auch, dass durch die zunehmenden Säkularisierung der Zivilgesellschaft, selbige nicht mehr empfänglich ist für den christlichen Antijudaismus.

In der katholischen Kirche setzte das Zweite Vatikanische Konzil 1965 mit der Erklärung "Nostra aetate" einen Markstein gegen den christlichen Antijudaismus. Darin beklagt die Kirche "alle Hassausbrüche, Verfolgungen und Manifestationen des Antisemitismus". Dies griff Papst Johannes Paul II. auf: "Antisemitismus ist ohne jede Berechtigung und in jedem Fall zu verurteilen."

Ein wichtiger Schritt auf dem Weg des Umdenkens war der Synodalbeschluss der Evangelischen Kirche im Rheinland 1980, in dem es heißt: "Wir bekennen betroffen die Mitverantwortung und Schuld der Christenheit in Deutschland am Holocaust."(72)
Die 1991 veröffentlichte Studie der EKD über das Verhältnis zum Judentum bedauert "eine ununterbrochene Tradition von Polemik, Kritik und Herabsetzung von Judentum und jüdischen Menschen" in der Geschichte der Kirche. "Schuld so konkret wie möglich aufzuweisen und zu benennen, ist aber die Voraussetzung dafür, dass Schuldbekenntnisse nicht bloße Rituale bleiben, sondern dass aus ihnen die Kraft zu Umkehr und Erneuerung hervorgeht."

antijüdische Vorurteile

Christus-Mörder

Das Etikett "Christus-Mörder", erstmals in den 160/170 n. Chr. entstandenen Paschapredigt des Melito von Sardes gegen die Juden erhoben, diente durch die Jahrhunderte hindurch dazu, Hass und Gräueltaten zu rechtfertigen. Dieser Vorwurf wurde mit Matthäus 27:25 gerechtfertigt. In diesem Abschnitt wird den Juden eine kollektive Verantwortung für die Kreuzigung Jesu zugeschrieben: "Und das ganze Volk antwortete und sprach: 'Sein Blut komme über uns und über unsere Kinder!'" Doch sie sprachen für sich selbst, nicht für ganz Israel oder das gesamte jüdische Volk.

Hostienschändungen

 Hostienfrefel
  Hostienschändung in Sternberg, 1492.
Es gibt vom 13. Jahrhundert an in unzähligen Legenden und Bildergeschichten antijüdische Erzählungen von Hostienschändungen. Die Verleumdung der Hostien-Schändung klagt die Juden an, dass sie versuchen, eine geheiligte Hostie zu stehlen und diese dann zerstechen, peinigen und verbrennen, in dem Bestreben, Christus erneut zu kreuzigen.
Was ist die Funktion solcher Geschichten? Die Vorstellung, dass sich in der Heiligen Messe Brot und Wein wirklich und wahrhaftig in Fleisch und Blut verwandeln, wurde allen Christen im vierten Laterankonzil, im Jahr 1215 in feierlichsten kirchlichen Beschluss verordnet. Diese Transubstantiation war inhaltlich offenbar schwer nachzuvollziehen. Aber dieses Glaubensproblem durfte nicht offen eingestanden werden, es war verordnet und wurde Gesetz. Wie kann man eine von höchster Stelle aufgezwungene Glaubenskrise nun lösen? Ein Weg, den damals viele Christen wählten, war, die Glaubenskrise antijüdisch auszuleben und zu übertünchen: Juden werden beschuldigt, wenn die christliche Abendmahlslehre Probleme aufweist. Und die Geschichten von Hostienschändungen erfreuten sich unerhörter Beliebtheit - nicht deshalb, weil sich Juden so oder anders benommen hätten, sondern weil die christliche Transubstantiationslehre offenbar nicht so sehr einzuleuchten vermochte.

Blutbeschuldigung (Ritualmord)

 Christus-/Kindsmord
  Anno 1475 am Grünen-Donnerstag war das Kindlein Simeon 2 Jahre alt, als es von den Juden ist umgebracht worden.
Die jüdischen Speisevorschriften verbieten das Essen von Schweinefleisch und Blut von irgendeinem Tier. Solche kulturellen Regeln, also die Leistung der Menschen, kultiviert zu leben, hinterlassen gespaltene Gefühle. Immer dort, wo die Zerrissenheit nicht ausgehalten werden will, bietet sich im christlichen Abendland die Judenfeindlichkeit als "einfache Lösung" an.
Die Blutbeschuldigung sagt aus, dass Juden Nicht-Juden töten, insbesondere Christen, damit sie Blut für ihr Passah und andere Rituale erhalten. Es wurde ebenso behauptet, dass Juden christliches Blut trinken müssen, um ihr menschliches Erscheinen aufrechtzuerhalten und dass christliches Blut auch dabei helfen würde, den unverwechselbaren foetor judaicus, den "jüdischen Geruch", der die Umkehrung des "Duftes der Heiligkeit", der den Christen zu eigen war, darstellte, zu eliminieren. Eine weitere Version dieser Anklage ist, dass Juden christliche Babys entführen würden, sie töten, ihre Körper zermahlen und ihn in ihrem Matzen (ungesäuertem Brot) für das Passahfest backen.

Brunnenvergifter

Juden wurden zum Sündenbock für die Krankheiten der Welt. Als die Menschen Europas den Schwarzen Tod (Beulenpest) starben, wurden die Juden angeklagt, die Brunnen vergiftet zu haben. Aus mangelndem Wissen in bezug auf Keime und Krankheiten und beobachtend, dass die meisten Menschen des jüdischen Glaubens, aufgrund ihrer Nahrungsvorschriften und Reinlichkeit, infektionsfrei blieben, war die Schlussfolgerung der nicht-jüdischen Bürger, dass die Juden die Quelle des Problems seien. Die medizinischen Erfolge jüdischer Ärzte wurden zwar nicht bestritten, aber auf Magie und Zauberei zurückgeführt. (Jud. VIII,5) Juden wurden als Sündenböcke ermordet. Die Krankheit blieb.
Es ist eine grausame Wendung der Geschichte, dass später Gift und Gas als Methoden gewählt wurden, Juden umzubringen. Und noch heute ereignet sich diese antijüdische Tradition in unserer Sprache, wenn ein Autor schreibt, er möchte das christlich-jüdische Verhältnis "entgiften", oder wenn wir den schrecklichen umgangssprachlichen Ausdruck "bis zur Vergasung" hören. Auch hier verbindet sich mittelalterliche Judenverfolgung mit Auschwitz.

geldgierige Wucherer

 Geldverleiher
  Ein Bauer bittet einen jüdischen Geldverleiher, der am Rechenbrett sitzt, um einen Kredit gegen Pfand oder Bürgschaft (Holzschnitt, 1531)
Weil die Juden ein "Volk von Zeugen für Gottes Bestrafung" - Sklaven und Diener, die gedemütigt werden sollten, waren, betrachteten deshalb die Monarchen des Heiligen Römischen Imperiums die Juden als Leibeigene der Kammer (servi camerae), Kammerdiener, und benutzten sie als bibliothekarische Sklaven, um die hebräischen Schriften instandzuhalten.
Sie nutzten die Dienste der Juden auch in einem anderen Unternehmen - Wucherei oder Geldverleih. Das Verleihen von Geld war notwendig für eine wachsende Ökonomie. Wucherei, das anzusammeln von Zinsen, war jedoch laut Hebräischer Bibel verboten und wurde als Gefährdung des ewigen Heils für die Christen eingeschätzt. So übertrug die Kirche die Praxis des Geldverleihs den Juden, denn in Übereinstimmung mit ihrer Argumentation waren die jüdischen Seelen ja bereits verloren. Viel später wurden Juden von westlichen Ländern als Handelsagenten in der Geschäftswelt benutzt und so sehen wir, wie es den Weg in das Bank- und Geschäftswesen fand.
Nachdem aber beim Aufkommen der Städte und später - bestärkt durch reformatorische Theorien - Christen selber das Geldgeschäft in die Hand nehmen wollten, hat man den Juden wieder verboten, Geldgeschäfte zu tätigen. Beides, der Geldberuf für Juden und dann wieder das Berufsverbot für jüdische Bankiers sind Zwänge der christlichen Herrscher gewesen. Diese problematische Beziehung der Christen zum Geld hat auch dazu geführt, dass Juden härter besteuert wurden als andere Menschen, dass Juden regelmäßig enteignet wurden, insbesondere bei Vertreibungen. Diese christlichen Verbrechen brachten Schuldgefühle hervor, die wiederum den Opfern angelastet worden sind. Nachdem Christen Zwang ausgeübt hatten, Berufsverbote verhängt, unmenschliche Zölle erhoben, Juden enteignet oder ihnen Besitz verboten hatten, kehrten sie die Spieße um: In ihren Augen waren die Juden geizig, geldgierig, an illegalem Besitz interessiert, parasitär.

Erotische Projektionen

Juden wurden immer wieder auch sexuelle Verfehlungen und Verführungen vorgeworfen. Die Phantasien über den jüdischen Penis und die jüdische "hemmungslose" Sexualität kann man schon fast als pervers bezeichnen. Da es sich aber nicht um ein von außen erkennbares Merkmal handelte, wurde sie den Juden angedichtet. Die Sexualität der jüdischen Frau war vom Mythos gekennzeichnet, hemmungslos verführerisch, hinterlistig und verschlagen zu sein - ergo als gefährlich und sündig.
Ihren Ursprung finden diese projizierten Phantasien in Bedürfnissen, Neugierde, Wünsche und Neid, die in der christlichen Seele schlummerte und auf Geheiß der Kirchenväter verdrängt werden mussten.
Je körperfeindlicher sich die christliche Konfession darstellte, um so mehr verschärften sich antijüdische und rassistische Vorwürfe gegen "die Fremden", in die die Bilder von Potenz und Lust hineinprojiziert wurden.

Weitere Artikel zum christlichen Antijudaismus
 

Geschichte des christlichen Antijudaismus
 

Wo war Liebe & Gnade?
Die Geschichte des christlichen Antisemitismus
von Clarence H. Wagner

Christlicher Antijudaismus
Ein Bogen vom Christentum zur Shoah: der christliche "Gottesmordvorwurf"
von Nico Rubeli-Guthauser

Die Kirche und das jüdische Volk in der Geschichte

Judenverfolgung in Wien
Maturaarbeit

Gestaltwandel des Antisemitismus
von Kurt Schubert

2000 Jahre Christen gegen Juden
Zu Ursachen und Wirkungen einer Konstante des sogenannten christlichen Abendlandes
von Gerhard Czermak

Die Schuld der Christenheit am Volk der Juden
von Schwester Pista (Evangelische Marienschwesternschaft)

Kreuzzug nach ...?
oder die antijüdischen Pogrome im Mittelalter

Johannes Chrysostomus
Acht Reden gegen Juden
von Rudolf Brändle u. Verena Jegher-Bucher
Hiersemann Verlag, Stuttgart, 1995

Nun aber steht diese Sache im Evangelium ...
Zur Frage nach den Anfängen des christlichen Antijudaismus
von Rainer Kampling (Hg.)
Verlag Ferdinand Schöningh, Paderborn, 1999, 363 Seiten

Christen in III. Reich
... und aus der christlichen Welt kam eine ohrenbetäubende Stille.





© by Susanne Reisinger, [Berlin - 2004] / E-Mail an Susanne Reisinger E-Mail