Free Web Hosting by Netfirms
Web Hosting by Netfirms | Free Domain Names by Netfirms

Antisemiten im Deutschen Reichstag [1881-1895]
Wahlergebnisse
1893
antisemitische
Abgeordnete
antisemitische
Debatten
antisemitische
Veröffentlichungen
antisemitische
Aktivitäten
christlicher
Antijudaismus
 
  Debatte  
  zur Beschränkung des Wuchers  
  [Auszüge]  


111. Sitzung am Donnerstag den 30. April 1891

Präsident: [...] Wir kommen zum

dreizehnten Bericht der Kommission für die Petition (Nr. 283 der Drucksachen). - Revision des Wuchergesetzes vom 24. Mai 1880 betreffend.
(Antrag: Ueberweisung an den Reichskanzler.)

[...]
Ich eröffne die Diskussion und gebe das Wort dem Herrn Referenten. - Der Herr Referent verzichtet.
Das Wort hat der Herr Abgeordnete Liebermann von Sonnenberg.

Abgeordneter Liebermann von Sonnenberg [fraktionsloser Antisemit] : Meine Herren, die Petitionen, die augenblicklich zur Berathung stehen, bewegen sich auf derselben Linie wie ein Paragraph der Grundsätze und Forderungen der deutsch-sozialen Partei, deren Abgeordneter ich bin. Der betreffende Paragraph lautet:

Wir verlangen "Schutz des Bauernstandes gegen Güterschlächter und Wucherer durch eine wirksame Wuchergesetzgebung mit Festsetzung des Zinsfußes auf einen höchst zulässigen Satz und Verpflichtung zur Entschädigung der Ausgebeuteten".

Es ist mir unbekannt, ob die Petenten durch unser Vorgehen zu ihrem Ansuchen veranlaßt worden sind oder nicht. Ich meine aber, aus den Petitionen selber die Beweis entnehmen zu dürfen, daß große Volkskreise sehnlichst eine Verschärfung der Wuchergesetzgebung herbeiwünschen.
[...]
Ich meine, daß der Augenblick für eine solche Reform dieser Wuchergesetzgebung deshalb sehr günstig ist, weil die Regierung nicht nur große Sympathien dafür im ganzen Lande finden, sondern weil sich auch hier in diesem hohen Hause gewiß eine gewaltige Majorität auf ihre Seite stellen würde, nicht nur aus den Parteien der Rechten und dem Zentrum, sondern auch aus den Parteien der Linken; denn es sitzt da eine große Anzahl von Herren, die in einem Schriftstücke, das in Millionen von Exemplaren ins Land hinaus gegangen ist, sich feierlich verpflichtet haben, daß sie "wirklich vorkommende Ausschreitungen und Mißstände weder verhehlen noch entschuldigen, sondern durch positive Einwirkung, insbesondere auch durch wirthschaftliche Maßregeln, solche zu beseitigen suchen" wollen. Nun, meine Herren, Ausschreitungen und Mißstände liegen hier im weitesten Umfange vor. Der Ausdruck "Mißstand" ist eigentlich viel zu milde für die verheerende Wirkung des Wuchers in den deutschen Landen - er ist ein Krebsschaden, der an unserem Volksleibe frißt und die Säfte desselben vergiftet; er ist ein Mauerschwamm, der sich vom Fundament bis in die höchsten Spitzen und Zinnen unseres Staatsgebäudes eingenistet hat und dasselbe zerfrißt und zerbröckelt. Es ist die allerhöchste Zeit, daß wir daran gehen, denselben gründlich zu beseitigen, wenn unser Reichspalast noch für die Zukunft wetterfest und widerstandsfähig bleiben soll gegenüber den Stürmen auswärtiger Verwicklungen oder der Sturmfluth einer sozialen Revolution, die uns näher ist, als die meisten denken.
[...]
Meine Herren, durch die 12jährige Agitation der Antisemiten sind nunmehr im Lande auch Männer anderer Parteien dahinter gekommen, daß es nothwendig ist, dem um sich greifenden Wucher durch eine wirksame Gesetzgebung zu steuern. Es haben sich gerade in neuerer Zeit in vielen deutschen Landestheilen Vereine gegen den Wucher gebildet, so z. B. auch in Baden. Die "jüdische Schutztruppe" hat sogar in ihren Zeitungen die Bildung dieser Vereine für sich als Verdienst in Anspruch genommen - nicht ganz mit Recht, denn der neueste Zweigverein gegen den Wucher in Baden z. B., in Mühlheim, zählt zu seinem Vorstand gerade auch Männer meiner Parteirichtung; indessen darauf kommt es gar nicht an. Es ist uns ganz gleichgiltig, woher die Hilfe kommt, wenn überhaupt nur Hilfe gebracht wird. Daher wünsche ich diesen Vereinen das allerbeste Gedeihen und eine gesegnete Wirksamkeit; sie werden dann, ohne es zu wollen, im antisemitischen Sinne thätig sein müssen. Den Ruhm, in Deutschland diese gewaltige allgemeine Volksbewegung gegen den Wucher zu Stande gebracht zu haben, wird man uns Antisemiten nicht gut rauben können.
Meine Herren, wie die Verhältnisse in dem Fundament unseres Staates, im Bauernstand, liegen, - dazu braucht die Regierung gar keine Umfrage im Lande zu halten, dafür liegt vollständig ausreichendes Material schon vor. Ich habe hier in der Hand die Berichte des Vereins für Sozialpolitik "Ueber den Wucher auf dem Lande", und ich werde mir erlauben, einige Betrachtungen an dieses sehr bemerkenswerthe Buch zu knüpfen, dem ich viel Leser wünsche, als dasselbe augenscheinlich bisher gefunden hat. Es sind im ganzen 27 Landestheile, die dort behandelt worden sind, und davon können einige wenige besonders glückliche Länder als ziemlich wucherfrei bezeichnet werden: [...] In einer ganzen Reihe von Berichten - ich habe sieben ausfindig machen können - wird eine sehr starke Schönfärberei getrieben. Das ist mit den Berichten für Baden, das preußische Saargebiet, Thüringen, Brandenburg, Schlesien, West- und Ostpreußen der Fall.
Der Herr Berichterstatter für das Großherzogthum Baden ist der Herr Geheimrath Buchenberger. Derselbe sagt auf Seite 19 dieses Berichts:

Von einzelnen der vom Vertreter gefragten Gewährsmänner wir die Wucherfrage in unmittelbaren Zusammenhang mit konfessionellen Verhältnissen gebracht und der gewerbsmäßige Wucher mit dem Betriebe von Handelsgeschäften israelitischer Geld- und Viehhändler gewissermaßen identifiziret. Von der Mittheilung der hierauf bezüglichen Ausschreitungen ist Umgang genommen worden.

Ja, meine Herren, das mag ja "tolerant" sein, birgt aber eine starke historische Ungenauigkeit in sich. Der Herr Buchenberger bestätigt übrigens durch seinen ganzen Bericht, daß jene Gewährsmänner mit ihrer Aussage durchaus Recht gehabt haben. Zunächst verwechselt er, beiläufig bemerkt, wie das leider so häufig vorkommt, Konfession mit Abstammung oder Nationalität - es wäre wirklich wünschenswerth, wenn die Herren, denen solche Verwechselungen öfter passiren, darüber das Wort Schopenhauers nachlesen wollen.
[...]
Das nächste Land, über welches auch, wie ich meine, zu rosig berichtet wird, ist das preußische Saargebiet. Dafür ist Berichterstatter Herr Landrath Knebel. Er giebt zu, daß in dem Saargebiet alle Arten von Wucher vorkommen, vermeidet zwar ängstlich das Wort "Jude", aber die Schilderung der einzelnen Vorkommnisse beweist haarscharf, daß die Wucherverhältnisse hier genau so liegen wie in den benachbarten Trierschen Landen.
Für diese liegt, wie eingeschaltet werden mag, ein Musterbericht des Herrn Kaplan Dasbach vor, der ein genauer Kenner der Sache ist. Er spricht mit dankenswerther Deutlichkeit, nimmt gar kein Blatt vor den Mund und sagt die nackte Wahrheit, daß der Begriff Wucherer und Jude sich dort deckt. Aber, meine Herren, die Berichte des Kaplan Dasbach beweisen auch, was eine gut geleitete Selbsthilfe zu leisten vermag; sie beweisen, was ein einzelner warmherziger und thatkräftiger Mann zu Wege bringen kann. Der Triersche Bauernverein, unter der Führung des genannten verdienten Mannes, schmälert thatsächlich den armen Wucherjuden in den Trierschen Landen in furchtbarer Weise ihren Erwerb; sie fangen schon an, auszuwandern.
(Heiterkeit.)
Ich empfehle sie der Obhut des Judenschutzvereins.
[...]
Sehr interessant ist der Bericht über Thüringen; auch er gehört zu den rosig gefärbten. Der Berichterstatter, Herr Dr. Franz, vermeidet zwar nach Möglichkeit das Wort "Jude", aber er hilft sich auf andere Weise; wo er den Wucherer redend einführt, läßt er ihn - verzeihen Sie, meine Herren, das harte Wort - da läßt er ihn mauscheln, wie hier eben schon gerufen wurde: er spricht von "schmusen", läßt ihn "Gott der gerechte" sagen, gebraucht jüdische Satzstellung; kurz und gut, wer zu lesen versteht, sieht auch aus diesem Bericht, daß Juden und Wucher meist identisch sind. Aber auf Seite 272 wird er auch ganz intolerant und sagt: "auch habe ich hier einzuschalten, daß wohl auch einmal ein Nichtjude sich die Schliche angeeignet hat". Sie werden mir zugeben, daß das bezeichnend ist.
Für Schlesien hat sich kein besonderer Berichterstatter gefunden. Die Angaben in dem Buche sind dem Referat des Baron von Tschammer-Dromsdorf im Zentralkollegium der verbündeten landwirthschaftlichen Vereine der Provinz Schlesien am 28. Februar 1887 entnommen.
Baron von Tschammer berichtet, daß eine Anzahl von schlesischen Vereinen überhaupt keine Auskunft gegeben hätte, und schließt - nach meiner Meinung viel zu optimistisch - daraus, daß in jenen Gegenden kein Wucher vorkäme. [...] Der Wucherer bestrebt sich, sein Opfer nicht nur wirthschaftlich, sondern auch moralisch und politisch todt zu machen, und in den meisten Fällen gelingt ihm das auch. Der Herr Referent muß dann aber auf Seite 32 folgendes zugeben:

Es betreiben hauptsächlich den Wucher in Oberschlesien die Schankwirthe auf dem Landes und vorwiegend wieder darunter diejenigen unserer Mitbürger, die mosaischen Glaubens sind.

Nun, meine Herren, der mosaische Glaube ist vielleicht am wenigsten daran schuld; wenn die Juden danach handeln wollten, so müßten sie sich erinnern, daß in dem mosaischen Gesetze ein sogenanntes Jobeljahr vorgesehen ist, wo aller Besitz in die ursprünglichen Hände wieder zurückkehrt. Vielleicht suchen sich die Juden das fünfzigste Jahr der Judenemanzipation als Jobeljahr aus.
(Heiterkeit.)
Ich möchte den Verein für Judenschutz bitten, sich diese Anregung zu Nutze zu machen. Er könnte dadurch am besten die wirthschaftlichen Schäden aus der Welt schaffen, zu deren Beseitigung die Herren von jenem Verein ja die Verpflichtung übernommen haben.
[...]
Ich komme nun zu den Berichten, worin mit aller wünschenswerther Deutlichkeit und Klarheit der Ausdruck Wucherer und Jude als gleichwerthig bezeichnet wird. [...] Ich werde nur die Hälfte, also 8 Landestheile, und darunter noch nicht einmal diejenigen, worin die Verhältnisse am schlimmsten erscheinen, herausgreifen.
In dem Bericht über Württemberg heißt es auf Seite 54:

der Wucherer, meist Jude und in Verbindung stehend mit einem oder mehreren geheimen Genossen ec.

und auf Seite 55:

Der Güterwucherer tritt in Form des spekulativen Güterhandels, hauptsächlich durch jüdische Händler betrieben, auf.

In dem Bericht über das Fürstenthum Hohenzollern liest man auf Seite 62:

Der Wucher in Hohenzollern wird ausschließlich von Juden betrieben.

Vom Großherzogthum Hessen wird auf Seite 76 gesagt:

Der Wucher wird hauptsächlich betrieben von den Juden.

Und auf Seite 77 steht das ergreifende Wort:

Der Jäger ist der Jude, die Treiber sind die Judenschaft, das Wild ist der Bauer.

Das ist das Land, wo der Ober-Staatsanwalt Schlippe -
(Lachen links)
- Rechnen Sie sich zu den Jägern? Ich bin stolz darauf, Schutz für die Gehetzten zu sein. - Meine Herren, das ist das Land, wo der Ober-Staatsanwalt Schlippe seine Staatsanwälte angewiesen hat, in jedem Judenbeleidigungsprozeß ein öffentliches Interesse anzunehmen. Es scheint mir, der Herr ist passionirter Jäger; aber es würde mir würdiger und angemessener erscheinen, wenn die Gesetze die Güter der Gehetzten in Schutz nehmen wollten. Es muß immer und immer wieder auf diese unerhörte Thatsache hingewiesen werden, die einen Faustschlag in das Gesicht des deutschen Volkes bedeuten.
[...]
Heute hier Vorschläge für eine neue Redaktion des Wuchergesetzes zu machen, wäre nicht angebracht; dies muß man sich aufsparen, bis ein Gesetzentwurf vorliegt. Ich werde dann meine Ansicht darüber im Plenum, lieber aber noch in der Kommission vertreten, wenn mir eine der größeren Parteien dort einen Sitz einräumen wollte. Es ist leider Gottes bekannt genug, daß nicht nur der Bauer, sondern auch viele mittlere und größere Gutsbesitzer, Bürger, Beamte, Offiziere, kurz starke Bruchtheile aller Stände, in den Klauen der Wucherer sitzen. Ich will diese Verhältnisse heute nicht des breiteren ausführen, behalte mir aber für künftige Fälle eingehende Mittheilungen darüber vor. Ueberall frißt dieser Krebsschaden weiter, und das ist furchtbar gefährlich, weil sich daraus eine schmähliche politische Abhängigkeit für die zahlreichen Opfer des Wuchers in allen Ständen ergiebt. Der Wucherer hält, wie ich sagte, seine Opfer nicht nur wirthschaftlich, sondern auch sozial, moralisch und politisch an dem Würgestrick, den er ihm um den Hals geworfen hat, fest und macht überall den Versuch, ihn im Sinne derjenigen politischen Richtung zu beeinflussen, die dem Wucherer die größte Freiheit, den größten Spielraum für seine Kravattengeschäfte gewährleistet.
[...]
Ich habe nun den Herren, die sich den Schutz des Judenthums zur Lebensaufgabe gemacht haben, mit einem kleinen Theil des riesigen Materials, welches sich in unseren Hände anhäuft, aufgewartet. Es war ganz positives Material, und wir werden daher erwarten dürfen, daß dieses positive Material entweder angefochten oder daß meine Behauptungen als richtig anerkannt werden. Hic, Rickert, hic salta! Hier, Herr Rickert, ist jetzt Gelegenheit, Ihre Qualifikation als Kommandeur der jüdischen Schutztruppe zu beweisen.
(Heiterkeit.)
Scharf muß das Gesetz sein, welches wir hier hoffentlich bald vorgelegt bekommen. Quod medicamenta non sanant, sanat ignis; quod ignis non sanat, sanat ferrum. Scheiden Sie den Krebsschaden aus unserem Volksleibe, sonst stirbt unser Volk an der Blutvergiftung!
Ich bitte nun den Herrn Präsidenten, mir zu gestatten, zum Schlusse einen Ausspruch Dr. Martin Luthers vorzulesen, von dem ich wünsche und hoffe, daß er nicht für unsere heutigen Verhältnisse zutreffen möge. Er lautet:

Dazu sitzen die Fürsten und Oberkeit, schnarchen und haben das Maul offen, lassen die Juden aus ihrem offenen Beutel und Kasten nehmen, stehlen und rauben, was sie wollen, das ist, sie lassen sich selbst und ihre Unterthanen durch der Juden Wucher schinden und aussaugen, und mit ihrem eigen Gelde sich zu Bettlern machen.

(Bravo! rechts.)

Präsident: Das Wort hat der Herr Abgeordnete Rickert.

Abgeordneter Rickert: Meine Herren, Sie werden wohl nicht von mir erwarten, daß ich dem Herrn Vorredner in Bezug auf das, was er mir persönlich gesagt hat, antworte; ich halte das nicht für nöthig. Mit ihm und den Herren, die ebenso operiren, ist eine sachliche Diskussion unmöglich. Hervorheben möchte ich nur, daß es ein Zeichen ist von bewundernswürdiger Geduld der Vertretung eines mächtigen Kulturvolkes, wenn sie so lange und so ruhig derartigen Reden zuhört, wie sie eben hier gegen einen großen gleichberechtigten Theil der deutschen Mitbürger, die gewissermaßen in Pausch und Bogen als die inkranirten Wucherer dargestellt werden, gehalten worden ist. Das ist in der That ein Beweis von bewundernswürdiger Enthaltsamkeit, Geduld und Ruhe.
Meine Herren, ich befinde mich in derselben Lage wie das hohe Haus: diese Ausführungen lassen mich eisig kalt. Ich kenne die Mittel genau, mit denen die Antisemiten bei uns in Deutschland arbeiten und die Ruhe und den Frieden in der Bevölkerung zu untergraben suchen.
[...]
Die Frage des Wuchers hat uns nun schon Jahre lang so viel beschäftigt. Wir thäten gut, sie auch einmal mehr nach dem Gesichtspunkt der gemachten Erfahrungen und realen Momente aufzufassen. Daß der Wucher ein ekelhaftes Geschäft ist, daß der Wucherer, wie er sich in dem schlechten Sinne darstellt, der öffentlichen Verachtung preisgegeben werden muß
(Zuruf - Heiterkeit),
darüber ist ein Streit unter den anständigen Menschen nicht möglich; darum handelt es sich gar nicht; das wird anerkannt. Die Hauptsache ist: wie sind die Uebelstände, welche vorhanden sind, in zweckmäßiger Weise zu beseitigen?
Vor allem möchte ich eine Thatsache hervorheben, die die Herren sehr gerne schnell vergessen haben: die Aufhebung der Wuchergesetze in Preußen ist ein christlich-germanisches Werk; es sind ganz strenge konservative, christlich-germanische Minister gewesen, welche nach den schweren Jahren von 1857 und später auf die Abschaffung der Wuchergesetze drangen. Als Ende der fünfziger Jahre die Krisis bei uns in Deutschland, namentlich auch auf dem Gebiete des landwirthschaftlichen Gewerbes, eintrat, sahen die Herren ein, daß die Wuchergesetze gerade am gefährlichsten für den Bauern und für den größeren Grundbesitzer wären. [...] Für diese Aufhebung sind denn auch eingetreten die konservativen Männer, der hohe Adel, die Herren ganz zweifellos christlich-germanischer Abstammung. Ich erinnere mich dabei einer vortrefflichen Rede des Herrn Grafen Renard im Abgeordnetenhause.
[...]
Der Herr Vorredner rühmt sich dessen, daß in Baden ein Verein - ich glaube, in Müllheim - von den Antisemiten gegründet ist. Der große badische Verein gegen den Wucher, dessen Entstehungsgeschichte ich kenne, der von allen Parteien in Karlsruhe gegründet ist, verdankt seine Entstehung der Anregung eines Juden, und es wäre wirklich eine geradezu beispiellose Ungerechtigkeit, wenn man nicht anerkennen wolle, daß unter unseren jüdischen Mitbürgern eben so gut Männer sind wie unter uns Christen, die den Wucher verabscheuen und mit ganzer Kraft gegen ihn thätig eingreifen.
[...]
Um nun zur Wucherfrage zurückzukehren, so habe ich mir schon erlaubt, zu sagen, daß es zweifellos richtig ist, daß unter den Wucherern auch Juden und zwar ein verhältnißmäßig größerer Theil sich befindet; aber, meine Herren, ist denn das nicht natürlich? Jemand, der mit Unbefangenheit die letzten Jahrhunderte unserer geschichtlichen Entwicklung verfolgt, - diese Unbefangenheit traue ich einem fanatischen Antisemiten natürlich in keiner Weise zu, - der wird wissen, daß die Juden geradezu gezwungen worden sind
(ah! rechts; Heiterkeit),
daß sie künstlich durch Kaiserliche Edikte in Deutschland zu Wucherern gemacht worden sind.
(Zuruf.)
Wer das nicht weiß, weiß nichts von der Geschichte unseres Vaterlandes, kennt sie nicht. Man hat den Juden verwehrt, ein ehrliches Gewerbe zu treiben; man hat ihnen verwehrt, Grundbesitz zu erwerben, und hat sie ausdrücklich darauf hingewiesen, höhere Zinsen zu nehmen. Ich erwähne hier nur das Privilegium Kaiser Karl V. vom 3. April 1541, - und so ist es weiter gegangen durch Jahrhunderte, - dieses Privilegium lautet, wie folgt:

Daß es den Juden, nachdem sie in viel höherem Maße zur Leistung von Abgaben und Steuern herangezogen sind als die Christen, dabei aber weder liegende Güter besitzen und bebauen, noch eine andere staatliche Hantirung, Aemter oder ein Handwerk haben und betreiben dürfen, gestattet werden soll, ihre Baarschaft zu höherem Nutzen und Zinsen anzulegen und zu verwenden, als dies den Christen erlaubt ist.

Solches war die Politik der Staatsmänner jener Jahrhunderte. Sie gingen dahin, die Juden zu pressen; das war die Geldquelle, und um das Geld aus den Juden herauszupressen, hat man ihnen zwar jeden andern Erwerb verwehrt, aber man hat ihnen die Erlaubniß gegeben, daß sie sich wieder erholen sollen durch höhere Zinsen, durch Wucherzinsen an ihren christlichen Mitbürgern. Das ist die geschichtliche Entwicklung, die, wie ich glaube, die Herren auf jener Seite, die ja so viel Respekt haben für historische Thatsachen, doch auch in ihrem Gerechtigkeitsgefühl in Berücksichtigung ziehen mögen.
[...]
Der Herr Vorredner hat hier wieder das Märchen vorgebracht, als ob die Moral der Juden gewissermaßen den Wucher mit sich brächte; er hat auch von den jüdischen Gesetzen gesprochen. Das ist positiv unrichtig; das kann ihm jeder widerlegen, der nur eine Ahnung von den Thatsachen hat. Die jüdische Moral und Sittenlehre ist genau dieselbe wie die christliche.
(Oho! rechts.)
- Bezweifeln Sie das, meine Herren?
(Zurufe.)
- Dann bitte ich, lesen Sie doch einfach die betreffenden Bücher nach! Auch das, was über den Talmud behauptet wir, trifft nicht zu. Ich bin der Meinung, daß in allen Kreisen, in denen überhaupt noch Gerechtigkeitsgefühl vorhanden ist, diese Thatsachen auch anerkannt worden sind. [...]

Präsident: Das Wort hat der Herr Abgeordnete Stadthagen.

Abgeordneter Stadthagen:
[...]
Meine Herren, es ist [...] seitens der Petenten in ihrer Petition gebeten worden, überhaupt den Wucher schärfer zu bestrafen. Es wäre meines Erachtens richtig, den Wucher unmöglich zu machen; dies kann nur durch Beseitigung der Ursachen des Wucherthums ermöglicht werden. Nur durch Aenderung der Gesellschaftsform im sozialdemokratischen Sinn ist das zu erreichen; bis dahin werden alle Versuche, dem Wucher auf den Leib zu gehen, leider nicht viel Erfolg haben. Natürlich muß auch jetzt schon der Wucherer in schärfster Weise bekämpft werden. Vorschub leisten dem elenden Gewerbe des Wucherers heißt es aber, wenn man dem Wucherer nur dann bestrafen will, wenn er ein Jude ist, und dem antisemitischen Wucherer freie Hand geben und ihn unbehelligt lassen will. Daß es auch unter Juden leider Wucherer giebt, ist zweifellos; aber mehr als lächerlich und frivol ist die Behauptung, daß die Juden als solche Wucherer seinen. Für die Mittel zur Bekämpfung, zur ehrlichen Bekämpfung des Wucherthums, nicht zu dem unehrlichen, den Wucher befördernden Kampf der sogenannten Antisemiten ist es vollkommen gleichgiltig, ob ein Jude oder ob ein Nichtjude, etwa ein Antisemit, wuchert; zu bekämpfen ist, und zwar mit aller Energie, der Wucher in jeder Form.
Der erste Redner zu der vorliegenden Petition äußerte sich in einer Weise, als ob, wie der Kollege Rickert sich ausdrückte, die Juden ein zum Wucher prädestinirte oder inkarnirte Klasse seien. Meine Herren, solche Behauptungen hier zu wiederlegen, ist mehr als überflüssig. Der Redner selbst kann sich ohne Mühe davon überzeugen, daß, was er sagt, für unrichtig und unerheblich von allen erachtet werden muß. Was würde der Herr Redner meinen, wenn jemand folgende Schlußfolgerung machte: ein Mitglied einer kleinen politischen Fraktion, welche aus 5 Leuten besteht, treibt Wucher; also treibt diese Fraktion überhaupt Wucher - ? Würde jemand so deduziren, so würde der erste Redner ihm wahrscheinlich antworten: wie kann man nur solche unlogischen und dummen Schlüsse ziehen!
[...]
Recht bezeichnend war es aber für das Nichteintreten in den Kampf, wenn gegen den Wucher seitens des ersten Herrn Redners, der von Krebsschäden, Mauerschwamm, Sturmfluth, Heugabeln und anderen landwirthschaftlichen Gebrauchsgegenständen sprach, auch von dem, was zur Erzeugung landwirthschaftlicher Produkte gebraucht wird, meines Erachtens ziemlich erheblichen Gebrauch machte, - es war recht bezeichnend für die wucherfreundliche Stellung des ersten Herrn Redners, daß er uns hier entgegen rief: schaffen Sie uns den Judenwucher aus dem Lande! Nein, meine Herren, das wäre thöricht, wenn man etwa den Theil der Wucherer treffen wollte, die zufälligerweise Juden sind. Es muß vielmehr gegen den Wucher als solchen in jeder Form, so weit er sich vorfindet, gegen die Ausbeutung der Schwachen durch den wirthschaftlich Stärkeren Front gemacht werden in jeder Weise.
[...]
Der erste Herr Redner möge mir verzeihen: er mag darin bewanderter sein als ich; indessen empfehle ich ihm, das alte Testament zu lesen; vielleicht nimmt er dann, wenn er das, was dort gegen den Wucher steht, verstanden haben sollte, Moses als ersten Antisemiten auf.
[...]

Präsident: [...] Ich gebe das Wort dem Herrn Abgeordneten Münch.

Abgeordneter Münch: [...] Das der Herr Abgeordnete Liebermann von Sonnenberg die Gelegenheit nicht vorübergehen lassen würde, hier - wie soll ich sagen? - eine scharfe Rede gegen die Juden zu halten, habe ich mir von vornherein gedacht. Denn es ist richtig: ohne solche Reden würden Sie bei den Bauern nichts machen können, und Sie würden von der Bildfläche verschwinden, wenn Sie diese Hetzreden nicht hielten.

Präsident: Ich muß dem Herrn Redner doch bemerken, daß ich den Ausdruck "Hetzrede" von einer hier im Hause gehaltenen Rede nicht zulassen darf.
(Bravo!)

Abgeordneter Münch: Meine Herren, ich wollte nur auf einige Punkte aufmerksam machen, die mir bei der Rede des Herrn Liebermann aufgefallen sind, resp. die ich vermißt habe. [...]
Wenn Herr Liebermann von Sonnenberg nicht aus eigener Erfahrung - er sagte, sei sehr vorsichtig gewesen bei der Zusammenstellung der Beispiele, die er vorführte - wenn er nicht aus eigener Erfahrung, aus seinem reichen Studium heraus solche Fälle hätte finden können, wo man gegen christliche Wucherer vorgegangen ist, so hätte er sich an seinen Fraktionsgenossen Pickenbach wenden sollen, - der hätte ihm jedenfalls hinreichenden Aufschluß gegeben und geben können.
(Heiterkeit. - Zuruf.)
- Ich weiß nicht, was darin für Unwahrheit liegen soll, wenn ich nur darum bitte, diese Frage zu stellen.
(Zuruf.)

Präsident: Ich bitte, den Redner nicht zu unterbrechen.

Abgeordneter Münch: Herr Liebermann von Sonnenberg würde dann gefunden haben, daß der Ausdruck, den er gebracht hat: "Wucher deckt sich mit Juden", nicht richtig ist. [...]





© by Susanne Reisinger, [Berlin - 2004] / E-Mail an Susanne Reisinger E-Mail