Als es gerade fünf jüdische Geschäfte in Pirna gibt, erscheint am 7.10.1886 im "Pirnaer Anzeiger" folgende Annonce:
"Höchste Zeit ist es, dass man sich jetzt immer um einen Platz zur Erbauung einer Synagoge umsieht, da die Kinder Israels in unserer Stadt sich in beängstigender Weise vermehren.
Ein Reformer." [1]
Diese Anzeige ist eine Novität. Zum ersten Mal außerhalb von Wahlen finden wir in der örtlichen Zeitung individuelle politische Meinung bekundet, dazu noch in ironisch-hetzerischer Form. Was den Verfasser so beängstigt, ist das Anwachsen des jüdischen Bevölkerungsanteils auf 37 Personen (davon mindestens 12 Kinder), also bei rund 12.000 Einwohnern auf 0,32%![2] Gleichzeitig ist diese Anzeige aber auch das früheste Anzeichen des neueren Antisemitismus im Raum Pirna.
Nach diesem ersten Signal im "Pirnaer Anzeiger" finden seit 1890 antisemitische Tiraden ihren Nährboden.
Zwischen 1890 und den nächsten Reichstagswahlen von 1893 scheinen im Kreis Pirna antisemitische Tendenzen erste organisatorische Formen angenommen zu haben. Auf dem Parteitag der Antisemitischen Volkspartei 1892 in Dresden sind unter 119 Delegierten auch die Reformvereine von Helmsdorf, Neustadt und Stolpen vertreten.[3] 1893 existiert bereits ein Wahlausschuss der "Deutschen Reform-Partei" im 8. sächsischen Reichstagswahlkreis. Er nominiert den Dresdner Mörtelfabrikanten Carl Friedrich Lotze, der zum Führungskern dieser Antisemitenpartei in Sachsen gehört, als Reichstagskandidaten.[4] Lotze betreibt eine rührige Wahlwerbung. Er wird dabei, wie in Teilen Sachsens, auch durch Konservative unterstützt. So finden wir im "Pirnaer Anzeiger" vom 9.6.1893 einen Wahlaufruf des "Conservativen Landes-Vereins im Kgr. Sachsen", in dem es u.a. heißt:
"... Wir wollen ein christliches Volk unter christlicher Obrigkeit, eine deutsche Nation unter deutschen Fürsten und einem deutschen Kaiser sein und bleiben. Fort mit dem sich vordrängenden und zersetzenden jüdischen Einflusse auf unser Volksleben, aber auch fort mit der jüdischen Lüge, dem jüdischen Betruge im Munde derer, die sich zwar Deutsche und Christen nennen, aber nur auf die Untergrabung von Deutschtum und Christentum ausgehen, indem sie Beides den verwerflichen Parteizwecken unterordnen." [5]
Lotze wird auch vom "Reichstreuen Verein für Königstein und Umgebung" unterstützt.[6] Er tritt allenthalben als "Candidat der gesinnungstüchtigen Mittelparteien" auf. An sozialen Reformen werden u.a. gefordert: "... verschärfte Konkurs- und Wucher-Gesetze, Beseitigung der Conkurrenz der Zuchthausarbeit, der zügellosen Gewerbefreiheit und der unbegrenzten Freizügigkeit, Beschränkung des Hausier-Handels, der Abzahlungs-Bazare, Schwindel-Ausverkäufe und Wanderlager, der Börsenspekulation ...", auch die soziale Lage der Arbeiter soll verbessert werden.[7]
Der bisherige konservative Abgeordnete, Kommerzienrat Grumbt, sei nicht mehr wählbar, verkünden die Reformparteiler.
"Allein seine Haltung zu den Handelsverträgen, seine völlige ablehnende Stellung gegenüber dem Antisemitismus, dessen Berechtigung auch von der deutschkonservativen Partei anerkannt worden ist, machen es für jedes Mitglied des Mittelstandes unmöglich, ihn wieder zu wählen."
In der Tat löst sich der konservative "Reichstreue Verein" im Kreis auf und tritt für die Wahl Lotzes ein.[8] Einige Konservative nominieren zwar noch rasch Hoenerbach, aber der hat keine reale Chance. Der Steinbruchbesitzer Julius Lotze, Stadtrat in Pirna, distanziert sich in der Zeitung öffentlich vom "antisemitischen oder reformerischen Kandidaten" C. F. Lotze und möchte keinesfalls mit ihm verwechselt werden.[9]
Die organisierte Arbeiterbewegung ist ohne die jüdischen Intellektuellen Karl Marx, Ferdinand Lassalle, Eduard Bernstein und Rosa Luxemburg, um nur einmal die wesentlichsten zu nennen, schlechthin nicht vorstellbar. Weil sie nach radikaler Emanzipation strebte, war sie gerade auch für viele Juden politische Heimstatt. Sie grenzte sich unzweideutig von antisemitischer Volksverhetzung ab.
Im Vorfeld der Wahlen von 1893, wählt der sozialdemokratische Kandidat Julius Fräßdorf in bewusster Auseinandersetzung mit dem "Reformer"-Kandidaten Lotze als Thema einer öffentlichen Versammlung des sozialdemokratischen Volksbildungsvereins am 22.1.1893 vor ca. 250 Teilnehmern: "Die Antisemiten und die Sozialdemokratie".[10]
Am 6.5.1893 beschließen im Carolabad ca. 120 anwesende Mitglieder, auch aus Sebnitz, Königstein und Schandau, in einer öffentlichen sozialdemokratischen Parteiversammlung, ein Flugblatt gegen den Antisemitismus in Angriff zu nehmen. Es ist leider nicht erhalten geblieben.[11]
Und so sahen dann die Wahlergebnisse im Kreis aus:
Lotze (Reformpartei) 7.803 Stimmen, Fräßdorf (Sozialdemokrat) 7.665, Eysoldt (Freisinn) 4.233 und Hoenerbach (Cons.) 1.248.[12] Eine Stichwahl ist nötig. Aus diesem Anlass veröffentlicht Lotze erneut einen Wahlaufruf, in dem es heißt: "Wollt Ihr gegen die Verjudung des deutschen Volkes energisch Front machen, ... dann wählt Lotze!"[13] In der Stichwahl setzt sich Lotze mit 12.296 Stimmen gegen Fräßdorf mit 9.606 durch.[14] In Sachsen erhielten die antisemitischen "Reformer" bei diesen Wahlen 93.364 Stimmen und brachten es bei 11 Kandidaturen auf 6 Mandate im Reichstag, darunter das für den bei uns gewählten Lotze.[15]
In diesem Jahr 1893 kommt es im Ergebnis der konzentrierten antisemitischen Aufheizung auch zu ersten Boykottaufrufen gegen die jüdischen Kaufleute. Wenn auch Einzelheiten dazu nicht überliefert sind, so legt doch die Gegenaktion in Gestalt einer ganzseitigen Anzeige im "Pirnaer Anzeiger" vom 16.12.1893 davon Zeugnis ab.[16] Dieser Appell an die Käufer enthält einen indirekten Vorstoß an die Adresse der Sozialdemokratie, wohl auch zur Absicherung gegenüber einer kleinbürgerlich geprägten Mehrheit in der Bevölkerung.
Für Lotze, der sich 1898 erneut als Reichstagskandidat bewirbt, sind aber Sozialdemokraten wie Juden Feinde. In seinem ersten Wahlaufruf im "Pirnaer Anzeiger" vom 29.5.1898 heißt es denn auch:
"Die Reichstagswahlen von 1898 müssen zum Entscheidungskampfe zwischen dem deutschen Volke und seinem Erbfeinde, der verjudeten Sozialdemokratie werden."
Als "geeignete Kampfmittel gegen die Sozialdemokratie" gelten:
"Die Aufklärung des Volkes und speziell der Arbeiter über das Wesen und die wahren Ziele der sozialdemokratischen Lehre, die Hebung der Religiosität und des sittlichen Gefühls in der arbeitenden Bevölkerung, die Verminderung der Begehrlichkeit der Massen durch Vereinfachung der Lebenshaltung aller Stände, die Verminderung der Steuerlast in den erwerbenden Klassen und die Beseitigung des jüdischen Einflusses in der Führerschaft der Industrie-Arbeiter." [17]
Diese Stoßrichtung betont auch eine andere bezeichnende Stellungnahme, die am 16.6.1898 erscheint, und zwar mit fetter Balkenüberschrift gleich auf Seite 1:
"Reichstagswahl!
Angesichts der sozialdemokratischen Anmaßungen werden die Mitglieder des Reichstreuen Vereins dringend aufgefordert, geschlossen Mann für Mann für
Herrn C. F. Lotze in Dresden
einzutreten und demselben am 16. Juni ihre Stimme zu geben.
Commerzienrat Hugo Hoesch, Hütten." [18]
Bei diesen Wahlen setzt sich erneut der Antisemit Lotze mit 11.118 Stimmen, diesmal sogar im ersten Wahlgang mit der absoluten Mehrheit, gegen Fräßdorf mit 10.007 und den Freisinnigen Fischbeck mit 652 Stimmen durch.[19] Bei den Wahlen ein Jahr später, 1899, gewinnt Lotze zwar mit 10.692 Stimmen weniger als Fräßdorf mit 11.571 und dem abgeschlagenen Kandidaten des Freisinns, Strohbach, mit 1.825 Stimmen, setzt sich aber in der Stichwahl mit 13.307 gegenüber 12.605 für Fräßdorf noch einmal gegen diesen durch.[20] Erst 1903 unterliegt er dem sozialdemokratischen Kandidaten.
So hat die Mehrheit der Wählerschaft des 8. sächsischen Reichstagswahlkreises für runde 10 Jahre einen erklärten Antisemiten in die höchste parlamentarische Vertretung des deutschen Reiches entsandt!
[1] Pirnaer Anzeiger, vom 7.10.1886, S.4.
[2] Vgl. Diamant, Chronik der Juden in Dresden. Darmstadt 1973.
[3] Stadtarchiv Pirna, B II-XXII, 2 und 3, Reichstagswahlen.
[4] Lexikon zur Parteiengeschichte. Bd.1, S.85f; Bd.2, S.63.
[5] Pirnaer Anzeiger, vom 9.6.1893, S.8.
[6] Pirnaer Anzeiger, vom 10.6.1893, S.4.
[7] Pirnaer Anzeiger, vom 13.6.1893.
[8] Ebenda.
[9] Pirnaer Anzeiger, vom 14.6.1893.
[10] B III-XXVI, 03, Bl. 117-121 (Acten, die Sozialdemokratie betreffend 1874-1918).
[11] B III-XXVI, 13, Bl. 128/129 (Sozialdemokratie betreffend 1878-1918).
[12] Pirnaer Anzeiger, vom 17.6.1893, S.1.
[13] Pirnaer Anzeiger, vom 21.6.1893.
[14] Pirnaer Anzeiger, vom 25.6.1893.
[15] Lexikon zur Parteiengeschichte, Bd.1, S.86.
[16] Pirnaer Anzeiger, vom 16.12.1893, S.7. Im Anhang wiedergegeben.
[17] Pirnaer Anzeiger, vom 29.5.1898, S.13.
[18] Pirnaer Anzeiger, vom 16.6.1898, S.1.
[19] Pirnaer Anzeiger, vom 18.6.1898, S.5.
[20] Pirnaer Anzeiger, vom 17.9.1898, S.1.
Der vollständige Text "Früher Antisemitismus in Sachsen und in Pirna" finden Sie auf folgender Internet-Seite: http://www.geschichte-pirna.de/bis_1933.htm
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