Vorwort. [S. 2, Überschrift]
Für Antisemiten wie für Gegner des Antisemitismus ist es gleich nothwendig, über die wichtigsten Vorkommnisse aus der Geschichte dieser Bewegung unterrichtet zu sein.
Als Anfangspunkt ist das Jahr 1888 genommen, [...] weil [...] in Berücksichtigung der Ausführungen des größten unter den antisemitischen Blättern, der "Kreuzzeitung", vom 10. April 1888, wonach der Antisemitismus bis dahin "nur Flegeljahre gehabt" hat, "nunmehr aber auf dem Gebiet der Befreiung von dem schädlichen sozialen Einflüssen des Judenthums beginnen" würde. Sechs Jahre sind seitdem vergangen, und es ist wohl angebracht, die bisherigen positiven Leistungen der Antisemiten zusammenzufassen. [...]
Es ist die Absicht, alljährlich möglichst bald nach Neujahr einen Nachtrag [...] erscheinen zu lassen, und zwar so lange, als ein Bedürfnis dazu vorhanden ist - hoffentlich wird das nicht mehr lange der Fall sein!
Berlin, im Juni 1894. [S. 2]
Januar 1888
Januar. Die gegenwärtige deutsche antisemitische Bewegung hat ihren Ursprung in Berlin. Dort ist sie seit 1877 im Gange und wie bekannt, durch Hofprediger Stöcker ins Leben gerufen und durch ihn jahrelang geleitet und betrieben worden. Anfangs 1888 eröffnete er in seinem Stadtmissionshause Säle für Veranstaltungen konservativ-antisemitischer Vereine [...] [S. 3]
Ein Schüler Stöcker's war der evangelische Diakonus Küntzel in Breslau, welcher seine geistliche Stellung zu der Aufforderung benutzte, nur bei Evangelischen, nicht aber bei Juden und Katholiken zu kaufen, [...] [S. 4]
Dr. Paul Förster, heute rassenantisemitischer Reichstagsabgeordneter Ahlwardt'scher Richtung, erklärte, er sei zu dem Fest erschienen, weil es einer Demonstration gegen die Offiziösen und Aristokraten gelte. [...] [S. 4]
März 1888
In der Generalversammlung des antisemitisch-konservativen Bauernbundes am 3. März klagte dessen Wanderredner Schreiner über den Mangel an billigem Gesindel. [S. 5]
Mai 1888
Der Führer der österreichischen Antisemiten, Reichsrathabgeordneter Ritter von Schönerer, wurde am 5. Mai in Wien wegen Verbrechens der öffentlichen Gewaltthätigkeit und wegen Beleidigung einer Wache zu viermonatlichem schweren Kerker verurtheilt. [S. 6]
Juli 1888
Die nationalliberale "Pfälzische Presse" in Kaiserslautern brachte einen scharfen antisemitischen Artikel, in dem u. A. behauptet wurde, daß die Alliance israélite "den ausgesprochenen Zweck habe, über die Köpfe der einzelnen Nationen hinweg das Volk der Juden auf Grund eines großen jüdischen Geldmonopols zu einem großen jüdischen Reich zu vereinigen". (Es ist wiederholt vollständig klargestellt worden, daß die Alliance israélite nichts als ein Wohlthätigkeitsverein ist, der in genau derselben Weise wie der evangelische Gustav-Adolph-Verein und der katholische Bonifacius-Verein die Aufgabe hat, die materiellen und geistigen Zustände der Juden, namentlich im Orient, wo sie meistenteils unter einem schweren Druck und im Schmutz leben, zu verbessern.) [S. 10-11]
August 1888
In Neustadt (Reg.-Bez. Kassel) hielt der antisemitische Reichstagsabgeordnete Dr. Böckel am 19. eine Wählerversammlung unter freiem Himmel auf dem Turnplatz der dortigen Turngemeinde [...] Am 27. wurde in der Nacht in der im Vorjahre neuerbauten Synagoge fast sämtliche Fenster zertrümmert, auch Personen thätlich angegriffen.
Der Führer der Nationalliberalen im VI. Berliner Reichswahlkreise, Professor Dr. Lortzing, gab in einer Versammlung seinen Antisemitismus deutlich zu erkennen, indem er erklärte, alle Uebelstände in Bezug auf Ausbeutung der arbeitenden Klasse, Unterdrückung der ehrlichen Arbeit und Schamlosigkeit der Presse zum großen Theil den Juden zuschreiben zu müssen. [S. 12]
September 1888
In der Nacht zum 2. wurde in Dortmund mit dicken Steinen die Fenster der Synagoge in Wüsterhof eingeworfen. Die Steine wurden in der Synagoge vorgefunden. [S. 12]
Oktober 1888
Ein hervorragender Antisemitenführer ist Herr Hans Leuß in Hannover, seit den Wahlen von 1893 auch Reichstagsabgeordneter. [S. 13]
Der antisemitische Schriftsteller Richard von Schlieben in Berlin wurde am 15. Oktober wegen Verbreitung unsittlicher Schriften zu 10 Tagen Gefängniß verurteilt. [S. 14]
Dezember 1888
Die "Schlesische Schulzeitung" berichtet, daß auf dem Christophoriplatz in Breslau ein neunjähriges Schulmädchen unfläthige antisemitische Flugblätter vertheilt und auf die Frage, wer ihr diese Blätter zur Vertheilung gegeben, geantwortet habe: der Herr Lehrer. [S. 15]
Wegen Gotteslästerung und Religionsbeschimpfung wurde der Redakteur der "Antisemitische Korrespondenz" Theodor Fritsch in Leipzig zu einer Woche Gefängniß verurteilt. [S. 15]
April 1889
Eine antisemitische Versammlung, in welcher der bekannte Antisemit Dr. Otto Glagau einen Vortrag über Börsenschwindel hielt, wurde polizeilich aufgelöst in folge eines Tumults. [S. 20]
Am 23. April starb der frühere Abgeordnete, Geh. Regierungsrath a. D. Hermann Wagener, bekannt als antisemitischer Konservativer und durch seine Betheiligung an unsauberen Eisenbahngründungsgeschäften, die der Abg. Lasker seiner Zeit im Abgeordnetenhause aufgedeckt und öffentlich gebrandmarkt hatte. [S. 20]
Mai 1889
Mai. Liebermann von Sonnenberg fordert in einer Versammlung des Deutschen Antisemitenbundes in Berlin, man solle bei den Wahlen Flugblätter über den Gründungsschwindel von Bennigsen und Miquel verbreiten, dann würde den Nationalliberalen der Appetit vergehen. (Ahlwardt, Plack und Schweinhagen, das antisemitische Verleumder-Kleeblatt von 1893 und 1894, sind also mit ihren schmutzigen Verleumdungen gegen Miquel u.s.w. nur auf dem von Liebermann von Sonnenberg bezeichneten Pfade gewandelt [...]) [S. 21]
[Am 5. Juni 1889 fanden in Bochum die "Deutschen Antisemitentage" statt]
Juli 1889
Der bekannte Antisemit Dr. Bernhard Foerster, der Gründer der Kolonie Neu-Germanien in Paraguay, starb am 3. Juni in Folge von Selbstvergiftung mittels Strychnin in San Bernhardino (Paraguay). [S. 23]
Dezember 1889
[Im Kreise Storkow-Beeskow] reisten unter Bezugnahme auf den Deutschen Bauernbund des Herrn von Ploetz Leute umher, welche die Landbewohner aufforderten, sich schriftlich und gegen eine Konventionalstrafe zu verpflichten, bei keinen Juden zu kaufen resp. Mit einem solchen irgendwie in geschäftliche Beziehungen zu treten. In Friedersdorf wurde ein eigener Verein zu diesem Zweck gegründet. [S. 30]
Januar 1890
[Cunow (antisemitischer Agitator)] [S. 31]
Januar/Mai 1890
[Hans Leuß (Redakteur vom Stöcker'schen 'Volk'); Prozess wegen Beleidigung] [S. 31] [S. 38]
Februar 1890
Eine heillose Prügelei fand am 8. unter den Antisemiten in Berlin im Saale bei Buggenhagen statt. Diejenigen, welche Wahlenthaltung proklamirten, prügelten sich mit denjenigen, welche Wahlbetheiligung verlangten, die Böckel'schen mit den Förster'schen. Man beschimpfte sich gegenseitig auf das heftigste.[S. 33]
März 1890
Wegen Beleidigung [...] war der Redakteur und antisemitische Reichstagsabgeordnete L. Werner, Herausgeber des antisemitischen Wochenblattes "Geldmonopol" schöffengerichtlich zu einer Geldbuße von 50 Mark verurtheilt worden. [S. 34]
[Kaufempfehlung für den 'Deutschen Bauernbund' des Herrn von Ploetz] [S. 34]
April 1890
[Otto Böckel und Oswald Zimmermann aus Dresden besuchen mit Wilhelm Pickenbach Orte des Gießener Wahlkreises und erzählen den Leuten die fabelhaftesten Lügen über Juden und Judengenossen (aus: 'Hessischer Volksfreund'):] So erzählen diese Herrn, daß Rothschild alle Petroleumquellen der Welt aufgekauft habe, um das Licht des deutschen Landsmannes zu monopolisiren, daß die Börsenjobber oft im Interesse der Spekulation das Getreide so lange liegen ließen, bis die Würmer darin seien; alsdann würde dieses unbrauchbare Getreide wieder zu Brod für das arme Volk verwendet. [S. 35]
Mai 1890
Mai. Der Redakteur der antisemitischen "Staatsbürgerzeitung" Dr. Bachler wurde zum Berliner Stadtverordneten gewählt [...]. [S. 37]
[Pretzel (Stadtverordneter) leitete das antisemitische Wahlkomitee] [S. 37]
Juli 1890
[antisemitischer Parteitag in Erfurt mit 150 Personen; als Redner traten u. a. Oswald Zimmermann auf] [S. 39]
August 1890
[Bericht über Herr L. Werner (antisemitischer Reichstagsabgeordneter aus Rinteln für die 'Deutsch-Soziale Partei')] [S. 39]
September 1890
[Freifrau von Thüngen in Zeitlofs bei Brückenau ließ am Eingang ihres Parks eine Tafel anbringen mit der Aufschrift: "Hunden, Juden und Jüdinnen ist der Eintritt untersagt." (aus: 'Reichsherold')] [S. 40]
[In Anwesenheit von Böckel, Werner und Pickenbach wird in Langsdorf (Oberhessen) der erste antisemitische Jahrmarkt eröffnet. (aus: Werner'schem 'Reichsgeldmonopol')] [S. 40]
[Liebermann von Sonnenberg (antisemitischer Abgeordneter) zog in der "Staatsbürgerzeitung" über die antisemitischen Abgeordneten Werner, Pickenbach, Zimmermann und Böckel her.] [S. 42]
Oktober 1890
[Karl Wald gab die antisemitische Broschüre "An die Proletarier aller Stände" heraus] [S. 43]
Dezember 1890
Der antisemitische Rechtsanwalt Meyer in Tilsit wurde wegen Beleidigung des freisinnigen Reichstagskandidaten v. Reibnitz von der Strafkammer zu Tilsit zu einer Geldbuße von 150 M. verurtheilt. [S. 46]
Januar 1891
[Die Generalversammlung des "Deutschen Bauernbundes" leitete der Bauer von Ploetz. Redner waren u.a. der Bauer von Werdeck auf Schorbus, Kammerherr von Riepenhausen, Graf von Mirbach, Freiherr von Thüngen-Roßbach.] [S. 47]
1891
Ein Antisemitenkongreß tagte Pfingsten in Leipzig. Alle Größen, wie Dr. König, Paul Förster, Theodor Fritsch, v. Liebermann, Ahlwardt, Dr. Böckel waren anwesend. Bei der Mittagstafel brachte Liebermann von Sonnenberg ein Hoch auf Dr. Böckel als Ehrengast aus. 217 Antisemiten aus 97 verschiedenen Wahlkreisen waren erschienen. U. A. wurde ein Programm für die "deutsche soziale Partei" berathen. Bezeichnend war es, daß man das allgemeine Wahlrecht nur vorläufig für die Volksvertretung beibehalten wollte. Zu erstreben sei eine Volksvertretung aus Abgeordneten der einzelnen Berufsstände, also eine Art feudaler Klassenvertretung. [...] Als Hauptpunkt des Programms wurde aufgestellt: Aufhebung der Judenemanzipation und Stellung der in Deutschland lebenden Juden unter ein Fremdenrecht (Judenrecht); Verbot der Einwanderung fremder Juden.
Ein weiterer antisemitischer Parteitag fand in Magdeburg statt. Dort nannte man sich "Volkspartei", in Leipzig "Deutschsoziale". Es waren aber vielfach dieselben Personen in Magdeburg und Leipzig anwesend, so aus Berlin Rektor Ahlwardt. Die Abg. Zimmermann, Böckel, Pickenbach und Werner leiteten den Parteitag. Herr Böckel rühmte seinen mitteldeutschen Bauernverein. Hessen werde der Fels sein, auf dem das deutsche Volk seine heiligsten Güter bewahren könne.
Die Magdeburger Antisemiten verbreiteten vertraulich ein Verzeichnis dortiger Geschäfte, deren Inhaber als Anhänger der antisemitischen Partei aller Antisemiten zur Kundschaft empfohlen wurde. [...] [S. 48-49]
August 1891
Im antisemitischen "Kasseler Sonntagsblatt" vom 12. Juli befand sich ein Aufsatz eines Herrn Hugo Ehrlacher, "Direktor des mitteldeutschen Genossenschaftsverbandes", gegen den Volksvertreter Böckel. Aus dem Aufsatz ging hervor, daß Herr Böckel und Herr Ehrlacher - der letztere war ebenfalls eine Säule des Antisemitismus – sich veruneinigt hatten und nun das "Kasseler Sonntagsblatt" benutzen, um darin gründlich ihre schmutzige Wäsche durchzuwaschen. [S. 50]
Eine antisemitische Volksversammlung fand am 22. Abends im Feenpalast in Berlin statt. Dr. Paul Förster führte den Vorsitz und fungirte zugleich als erster Redner. Er besprach in der bei Antisemiten üblichen Weise die Verhaftung des Antisemiten Paasch in Leipzig. (Paasch hatte in einem dicken Buche die ungeheuerlichsten Behauptungen über großartige internationale Judenverschwörungen und deren direkte und indirekte Förderung durch hohe Beamte des deutschen Reiches aufgestellt, Behauptungen, die, falls sie der Wahrheit entsprachen, einerseits die vollste Berechtigung der antisemitischen Bestrebungen und andererseits eine vollständige Korruption in den leitenden Reichsbehörden bewiesen hätten. [...]) Nach Förster sprach der Rektor Ahlwardt und der frühere Redakteur des Stöcker'schen "Volk", Herr Leuß. Der Letztere schimpfte besonders gegen die angebliche Einwanderung russischer Juden in Deutschland. [S. 51]
Oktober 1891
Des bekannten französischen Antisemiten Eduard Drumont Werk "Le testament d'un Antisémite" wurde in deutschen Antisemitenblättern, so namentlich in der "Kreuzzeitung" und im "Volk", einer überaus wohlwollenden Kritik unterzogen. [S. 53]
Ahlwardt hielt am 21. einen Vortrag in Gelsenkirchen. Er kam auch auf die Attentate von Nobiling und Hödel zu sprechen und wiederholte die in einer seiner Broschüren aufgestellte Behauptung, daß die Juden bei den Attentaten ihre Hand im Spiel hatten. Er erzählte ferner, er sei im Jahre 1876 Antisemit geworden - eine freche Lüge, da durch Zeugen und schriftliche Beweisstücke feststeht, daß Ahlwardt noch Mitte der achtziger Jahre und später sich als Gegner des Antisemitismus bezeichnet hat. [S. 55]
November 1891
Der "Deutschsoziale Antisemitische Verein Berlin Süden" veröffentlichte [eine Erklärung, in der er Herrn Rektor Ahlwardt seine volle Sympatie zum Ausdruck brachte.] [S. 56]
In den bei Eisleben gelegenen Orten Dederstedt, Ahlsdorf und Helbra sprach der antisemitische Abgeordnete Werner am 7. und 8. Die Pfarrer Gerlach und Kneise betheiligten sich an der Diskussion im Sinne des Vortragenden. Herr Pastor Kneise gab u. a. eine Erzählung von "Bleichröder und seiner Kalle" in mauschelndem Tone zum Besten. [...] [S. 56]
Die Antisemiten geben die Parole aus: "Kauft nicht bei Juden" und suchen in Flugblättern, insbesondere in Weihnachts-Flugblättern, diese Parole die weiteste Verbreitung zu verschaffen. Dabei wimmeln "Kreuzzeitung", "Reichsbote", "Staatsbürgerzeitung" und zahlreiche ähnliche Blätter von "Juden-Annoncen". Die "Mittheilungen aus dem Verein zur Abwehr des Antisemitismus" bemerkten hierüber: "Wenn man systematisch die jüdischen Geschäftsleute in Bausch und Bogen der Unsolidität und des Schwindels bezichtigt und zugleich das Geld für die jüdischen Geschäftsanzeigen einsteckt, so dokumentirt sich darin Heuchelei und Mammonismus schlimmster Art." [S. 59]
Dezember 1891
Etwa 12 Tage vor dem Weihnachtsfeste fand im Café Battenberg in Leipzig eine antisemitische Versammlung statt. Keiner von den Hauptführern fehlte, auch Liebermann von Sonnenberg war zur Stelle. Das Hauptthema war: "Kauft nicht bei Juden", was mit Witzen illustrirt wurde. Da schreit einer aus der Versammlung dazwischen: "Aber sollen wir auch nicht an die Juden verkaufen?" Sofort erhob sich von allen Seiten Geschrei: "Ein Jude, ein Jude!" Der Betreffende wurde also gepackt und mit den üblichen Püffen und Stockhieben an die Luft befördert - draußen stellte es sich heraus, daß der Frager kein "krummnasiger Semit", sondern ein durchaus blondhaariger germanischer Jüngling war. Ein Redner forderte nun die Anwesenden auf, bei Gott und dem Evangelium zu schwören, von keinem Juden mehr zu kaufen. [...] [S. 60]
Das die Juden auch schon im alten römischen Reich Wucherer gewesen seien, behauptete Abg. Liebermann von Sonnenberg in der Sitzung des Reichstages vom 17. November. [...] Liebermann von Sonnenberg befand es nicht für nöthig, den Beweis für die Richtigkeit seiner Behauptung anzutreten oder dieselbe zurückzunehmen: seine Behauptung war und blieb eine Lüge. [S. 60]
November 1892
November. In einem Leitartikel führte die antisemitische "Staatsbürgerzeitung" aus, daß "die Thätigkeit einiger Filialen der Alliance israélite" doch nicht so harmlos ist, wie sie die Judenpresse darzustellen sucht. "[...] Ueber die Wirksamkeit der Alliance israélite ist heute noch vielfach der Schleier des Geheimnisses gebreitet; sollte dieser einmal gelüftet werden, dann wird man sicher auch die Besitzer der geschäftigen Hände kennen lernen, die so eifrig die Fäden spinnen, an denen die nihilistische Bewegung in Russland geleitet wird."
Das Centralkomitee der Alliance israélite univereselle erklärte hierauf öffentlich, "daß der in der 'Staatsbürgerzeitung' vom 21. Oktober unter dem Titel 'Der Nihilismus und die Alliance israélite' erschienene Artikel ein bloßes Gewebe von Lügen und Verleumdungen ist. Die Alliance hat niemals direkt oder indirekt irgend etwaigen Verkehr mit den Nihilisten oder dem Nihilismus gehabt; niemals hat sie materiellen oder moralischen Beistand irgend einem politischen Agitator geliehen." [S. 117]
April 1893
Wilhelm Marr, der bekannte antisemitische Schriftsteller, erklärte seinen Austritt aus der Antisemitenpartei. Da erst entdeckten die Antisemiten, daß Marr Jude ist. Die "Westfälische Reform" z. B. sagte, daß Marr zwei Jüdinnen zu Frauen gehabt habe und auch selbst "judenblütig gemischt" sei. Marr hat in der That zwei Jüdinnen zu Frauen gehabt. [S. 148-149]
Juni 1893
Auf dem israelischen Friedhofe in Dieburg (Hessen) wurden 38 Grabsteine von ruchloser Hand umgestürzt und theilweise zertrümmert. [S. 160]
Im "Antisemitenkatechismus" des Herrn Theodor Fritsch wird auf S. 42 der 25. Auflage aus Goethe's "Wilh. Meisters Wanderjahre" zum Beweise der antisemitischen Gesinnung Goethe's zitirt:
"Das israelische Volk hat niemals viel getaugt, wie es ihm seine Anführer, Richter, Vorsteher, Propheten tausendmal vorgeworfen haben; es besitzt wenig Tugenden und die meisten Fehler anderer Völker."
Die Stelle lautet vollständig (Wanderjahre, 2. Buch, 2. Kap.):
"Das israelische Volk hat niemals viel getaugt, wie es ihm seine Anführer, Richter, Vorsteher, Propheten tausendmal vorgeworfen haben; es besitzt wenig Tugenden und die meisten Fehler anderer Völker, aber an Selbstständigkeit, Festigkeit, Tapferkeit und, wenn alles das nicht mehr gilt, an Zähheit sucht es seines Gleichen. Es ist das beharrlichste Volk der Erde, es ist, es war, es wird sein, um den Namen Jehova durch alle Zeiten zu verherrlichen. Wir haben es daher als Musterbild aufgestellt, als Hauptbild, den die anderen nur zum Rahmen dienen." [S. 193-194, ??]
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