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Antisemiten im Deutschen Reichstag [1881-1895]
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  Vor 100 Jahren  
  Rückblick in die Geschichte des Antisemitismus  
  [Auszüge]  
 
Antisemitismus im Jahre 1904

Die Woche.

in: Allgemeine Zeitung des Judentums, Heft 31/1904, 29.Juli 1904, S. 362/363

Berlin, 26. Juli
Die antisemitischen Blätter werfen in der parlamentarischen Ferienzeit wehmütige Rückblicke auf die abgelaufene Session. Erreicht haben sie tatsächlich nichts Positives; sie haben nichts gehindert, nichts gefördert. Und so fürchten sie mit Recht, dass ihre Anhänger hald einmal fragen werden: Wie lange noch? Auch die Umwandlung in eine sog. "Mittelstandspartei" dürfte ihnen den gewünschten Erfolg kaum bringen. Schon vor acht Jahren begründete der damalige Reichstags-Abgeordnete Dr. Paul Förster seinen Austritt aus der deutsch-sozialen Reformpartei mit den Worten:
"In der sozialen Politik fehlt es nur noch an der rechten Stellungnahme und an der rechten Auslegung unseres vorläufig brauchbaren, indes noch nicht ausreichenden Programms. Mittelstand und Mittelstand, darauf sitzen wir fest, ohne dass recht ersichtlich wird, was wir wollen und was wir nicht wollen. ... Demgemäß wird unsere Bewegung auch im Lande keine rechten Fortschritte machen. Stillstand und Mangel an Leben überall! Oder zuviel Leben, das heißt oberflächlicher Radau mit verbrauchten Schlagworten!"
Es ist seither nichts besser, eher schlimmer geworden. Weder der Mittelstand noch die deutsch-nationalen Handlungsgehilfen wollen von den Antisemiten fürder gerettet werden. Mit der Ritualmordfabel ist auch kein Geschäft mehr zu machen, seit die Geschäftsantisemiten erfahren mussten, dass ihre "geniale Geistesarbeit" nicht nur von den Herrn Lustmördern gewürdigt wurde, die nach ihrer eingehenden Belehrung den unglücklichen Opfern regelrecht die Kehle durchschnitten, um durch einen "Schächtschnitt" den Verdacht von sich auf die Juden zu lenken, sondern auch von anderen Verbrechern, welche die Spuren ihrer Taten durch "eine fachmännische Leichenzerstückelung" zu verwischen gedachten. Den norddeutschen Antisemiten ist insbesondere durch eine Wendung in der traurigen Konitz-Affäre zunächst die Lust vergangen, über gruselige Geschichten von verschwundenen Kindern, Schächtschnitten, blutleeren Leichen u. dgl. zu phantasieren, während sich einzelne rückständige süddeutsche Antisemiten noch in der neuesten Zeit im "Bayerischen Vaterland" gestatteten, das Verschwinden von vier Kindern "den Juden" in die Schuhe zu schieben, und von der Wiederauffindung der im Münchener Polizeibericht erst als "abgängig", dann als "ermittelt" gemeldeten Lieblinge keine Notiz zu nehmen. Dabei ist im eigenen Lager beständiger Bruderzwist. Nicht drei von den Führern sind untereinander einig. Und auch in der parlamentarischen Partei bestehen große Differenzen über Ziele und Zwecke des Antisemitismus. Was bleibt also noch übrig?
Diese Frage ist in der abgelaufenen Woche von antisemitischer Seite selbst in so bündiger Weisen beantwortet worden, dass hier wirklich nichts mehr hinzuzufügen bleibt. Der, wie verschiedene Blätter melden, vor einigen Tagen verstorbene Wilhelm Marr, der bekanntlich der erste literarische Vorkämpfer des Antisemitismus in Deutschland war, hat in einem eben veröffentlichten Briefe das folgende Urteil über seine eigene Partei ausgesprochen:
"Ich bin ein alter Parteigänger, aber nie habe ich eine solche Erzschelmenbande gefunden als unter den heutigen Geschäftsantisemiten. Das aber dürften Sie privatim erklären, dass ich nach dreißigjährigem Kampfe mich mit Ekel bis zum Erbrechen abwende von dem ganzen heutigen Geschäftschwindel-Antisemitismus. Ich werde diese Behauptung nicht widerrufen."



... wird fortgesetzt ...







© by Susanne Reisinger, [Berlin - 2004] / E-Mail an Susanne Reisinger E-Mail